EntwicklungspolitikWir kommen in eine Phase globalen Wandels

Verschuldung, Energiewende, Klimawandel, neue Schwellenländer: Die Verdichtung globaler Trends wird die kommende Dekade bestimmen, schreibt Dirk Messner im Gastbeitrag.

Kalkutta, Millionenstadt im Schwellenland Indien

Kalkutta, Millionenstadt im Schwellenland Indien

Jahreszahlen bleiben in Erinnerung, wenn sie mit singulären Großereignissen verbunden werden. 1989 war das Jahr des Mauerfalls und das Ende des Ost-West-Konfliktes. Die 9/11-Terroranschläge markierten das Jahr 2001, 2008 bleibt für immer mit dem Kollaps von Lehman Brothers und der Weltfinanzmarktkrise verbunden. 2011 jedoch wird im Gedächtnis bleiben, weil es eben nicht nur durch ein einziges weltpolitisches Großereignis geprägt war. Es haben sich vielmehr globale Trends verdichtet, die in ihrem Zusammenwirken darauf hindeuten, dass das gesamte Spielfeld globaler Entwicklung in Bewegung geraten ist. Der Rückblick auf 2011 öffnet eine Perspektive auf die Zukunft. Die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts wird eine Phase tiefgreifenden globalen Wandels sein.

Dirk Messner
Dirk Messner

ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten zu Fragen internationaler Entwicklungspolitik.

Die Einteilung der Welt in Nord und Süd, in Industrie- und Entwicklungsländer, in westliche Führungsstaaten und den Rest der Welt hat sich endgültig überlebt. Die Tektonik der Macht verändert sich tiefgreifend. Galoppierende Staatsverschuldung kennzeichnet die zweite Phase der Weltfinanzkrise. Doch zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind davon nicht die Entwicklungs-, sondern vor allem die OECD-Länder betroffen. Die G-7-Staaten Italien und Frankreich haben Schwierigkeiten, sich auf den internationalen Finanzmärkten mit Geld zu versorgen. Die EU hofft darauf, dass die Schwellenländer Staatsanleihen europäischer Länder ankaufen, um die Krise im Euro-Raum zu stoppen. In den USA sieht es nicht besser aus. Schon seit mehr als einer Dekade verschuldet sich die westliche Großmacht im Ausland, insbesondere in China.

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Verkehrte Welt: Der IWF, jahrzehntelang als Krisenmanager und finanzpolitischer Zuchtmeister in den Entwicklungsländern unterwegs, prangert schlechte Regierungsführung, unsolide Haushaltsführung und Vertrauenskrisen in den Industrieländern an. Von asiatischen Beobachtern werden die Strukturschwächen der Industrieländer nicht selten mit Genugtuung kommentiert. Tief sitzt die Verärgerung darüber, dass westliche Experten die asiatischen Währungskrisen Ende der 1990er Jahre auf unverantwortlichen crony capitalism, also Vetternwirtschaft, zurückgeführt und dabei die Schieflagen und Pathologien auf den internationalen Finanzmärkten schlichtweg ignoriert hatten. Nun hofft die ganze Welt darauf, dass Asien als Wachstumslokomotive die Weltwirtschaft aus der Krise führen kann.

Die neue Machtkonstellation ist unübersichtlich

Die tektonischen Machtverschiebungen in der Weltwirtschaft sind jedoch nicht nur Folge der Verschuldungskrisen in den Industrieländern, sondern tiefergehender Dynamiken in der globalen Ökonomie. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Arvind Subramanian zeigt, dass seit der industriellen Revolution der Abstand zwischen den westlichen Ländern und nahezu allen Entwicklungsländern stetig größer wurde. Seit den 1960er Jahren kehrte sich der Divergenztrend jedoch sukzessive in einen Konvergenztrend um. Zwischen 1960 und 2000 wuchsen 21 Entwicklungsländer schneller als die USA, zwischen 2000 und 2007 waren es bereits 75, unter ihnen auch ein gutes Dutzend afrikanischer Ökonomien. Hinzu kommt: das Wachstum der Entwicklungsländer hängt immer weniger von ihrer wirtschaftlichen Verflechtung mit den Industriestaaten ab, sondern basiert seit einigen Jahren zunehmend auf den Wirtschaftsbeziehungen innerhalb der Gruppe der Nicht-OECD-Länder.

Die neue Machtkonstellation bleibt unübersichtlich. Die G 8 wurde seit der Lehman Brothers-Krise durch die nun einflussreichere G 20 abgelöst. Manche Beobachter halten das Zusammenspiel von USA und China in einer Art G 2 für das neue Zentrum der Weltordnung. Plausibler ist eher eine G-0-Konfiguration, in der keine klare Führungsstruktur mehr vorherrscht. Die westlichen Länder sind durch ihre wirtschaftlichen Krisen geschwächt. China und andere Schwellenländer sind noch auf absehbare Zeit mit großen internen Entwicklungsproblemen beschäftigt und dadurch in ihren global-governance-Kapazitäten begrenzt. In diesem Kontext entstehen völlig neue Allianzen, wie während der Klimakonferenz in Durban.

Leserkommentare
    • WiKa
    • 11.01.2012 um 20:16 Uhr

    In einem Punkt irrt der Autor, G-0 lebt und der wahre Herrscher steht immer noch in dieser Bezeichnung, für G sollte man einfach nur „Geld“ setzen (gesichtslos), dahinter verblassen alle von 1-20 und noch viel weiter. Und genau dieser Moloch, dieser Apparatschik wird 99 Prozent der Menschen in die Knie zwinge … so der Plan … geführt von dem 1 Prozent, diese Tendenzen sind glasklar auszumachen, denn die 99 Prozent werden derzeit schon für diese Liga in direkter Weise über Steuermittel zur Kasse gebeten, damit die „Guthabenkrise“ dieser Klientel kein vorzeitiges Ende nimmt.

    Insoweit liegt der Autor dann wieder richtig, der Mensch wird nur noch zum Faktor in dem Spiel degradiert, wer nicht mitspielt fällt durchs Raster. Die Löhne müssen runter, allerorten sparen, natürlich auch im Sozialen Bereich, damit die Zinsen auf das frei erfundene Geld an dessen Herren abgedrückt werden können. Aber alles weitere ist wieder eine Ablenkung, ob China, Somalia, Timbuktu oder Südpol, völlig egal. Wer also mit offenen Augen an die Sache herangeht, der kann die Nebelkerzen außer Acht lassen und zusehen wie das unausweichliche seinen gang geht. Und wenn wir Pech haben, dann hetzt man in der Not noch wieder mit diversen Kriegen die Menschen aufeinander, denn daran lässt sich auch noch prächtig verdienen und wir heucheln dann alle wieder … wie elend und böse doch der Mensch ist.

    G-0 … hier fein beschrieben: http://qpress.de/2011/12/...

    15 Leserempfehlungen
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    • oannes
    • 11.01.2012 um 21:00 Uhr

    Superkommentar!!!!!

    • oannes
    • 11.01.2012 um 21:00 Uhr

    Superkommentar!!!!!

    • oannes
    • 11.01.2012 um 21:00 Uhr
    2. @Wika

    Superkommentar!!!!!

    2 Leserempfehlungen
    • SuR_LK
    • 11.01.2012 um 21:15 Uhr

    frisches Beispiel globalen Wandels (http://news.yahoo.com/mas...), da standen 2 Tage lang ca 300 Leute aufm Dach und haben mit Springen gedroht und das alles im Namen unseres elektronischen Billigschrotts, damit man auch Morgen noch auf der billigen xbox ne runde daddeln kann. Leider kann man als Endkunde auch kaum etwas ändern, kommt ja doch gefühlt 99% der Elektronik aus dem asiatischen Raum.

    Eine Leserempfehlung
  1. aussehen kann, liest das hier.

    http://www.mod.uk/NR/rdon...

    Think Tank Paper-Prognose für das UK Ministry of Defense. Ziemlich interessant.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ist ja wirklich klasse, wie wir uns mit unserem Kampf gegen den immer noch nicht bewiesenen Klimawandel beweihräuchern, dabei unsere Industrie abbauen und unser Volk ausnehmen, während andere voranschreiten.
    Die Überbevölkerung unseres Planeten wird ganz schlimme Folgen für uns alle haben, für Maßnahmen dagegen ist es schon lange zu spät.
    Und der Krieg für den langsam notwendigen "Reset" des Geldsystems ist auch im Anmarsch, schaut man sich den Konflikt mit dem Iran an.
    Dort ist heute wieder ganz zufällig ein iranischer Nuklearwissenschaftler mit Beifahrer in seinem Auto gesprengt worden, wie schon mehrere vor ihm in den letzten Monaten. Zu lesen ist das unter anderem beim CNN.

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    Zum Thema Klimawandel - anthropogen oder nicht: http://www.klimafakten.de.

    Zum Thema Klimawandel - anthropogen oder nicht: http://www.klimafakten.de.

  3. ARTE: Mit offenen Karten, Konflikte 2030 Teil 1

    http://videos.arte.tv/de/...

    auch ARTE, Thema Gas Monopoly:

    http://videos.arte.tv/de/...

    Nach einer Woche bei ARTE +7 evtl. bei youtube suchen.

    Die Verschuldung der Staaten ist sekundär, auf Sicht von 100-150 Jahren kämpft die USA und unbewusst die EU einen Kampf um eine falsche Finanzhoheit und Resurcen für die Wirtschaft.

    Derzeit greifen westliche Finanzinvestoren den Euro an ohne zu erkennen, dass ein schwaches Europa auf länger Sicht lediglich die Dominanz der BRIC Staaten manifestiert.

    Artikel wie z.B. im Handelsblatt: Angriff auf den Euro, können nur friendly fire bedeuten, sprich die westlichen Finanzmärkte sind derart liberalisiert, dass langfristige Tendenzen ohne Beachtung bleiben und lediglich der schnelle Zock zählt.

    Ein geflügeltes Wort im anglo-amerikanischen Raum:

    Lets make money - Geld machen - nur Geld kann man nicht wirklichen machen, sondern nur wirtschaftliche Werte erarbeiten.

    2 Leserempfehlungen
  4. 7. WoW!,

    "Vorboten der Klimawandels am Horn von Afrika", wie sehen diese Vorboten denn aus und wie unterscheidet sie der Autor von dem dort stattfindenden lokal begründeten Umweltmißbrauch?

    Also alles nichts mit Überweidung und Förderung des gewinnbaren Dargebots?

    Man sollte den Lesen nicht mit so undifferenziertem und undefinierten Schlagwortmüll belästigen und dann keine Belege folgen lassen.

    Und das wird auch nicht ganz leicht, denn hydrologischen Belege lassen sich sehr wohl finden, wenn mann es denn darauf anlegt.

    Nur läßt dieser Schriftsatz wiedermal nicht auch nur die Spur einer Tendenz dazu erkennen.

    Bedauerlich.

    MfG Karl Müller

  5. Nur als neutraler Kommentar: Dass die Wachstumsraten von Schwellenländern größer sind als die der USA ist doch keine besondere Leistung. Stichworte:
    - das Problem großer Zahlen, v.a. wenn in Prozent ausgedrückt
    - Sättigungseffekte bzw. eine nicht mehr zu steigernde Produktivität in einem Industrieland
    - ohne Wachstum schrumpft die Lebensqualität in einer Marktwirtschaft. Denn wenn man selbst nicht wächst, wachsen die anderen. Aber wie gesagt, die USA ist schon ein solch riesiger Markt, da kann noch so manch anderes Schellenland lange zweistellig wachsen, bevor es überhaupt an Gewicht gewinnt
    - zu "guter Letzt" ist die USA die mächtigste Militärmacht überhaupt, und wenn es ganz dumm läuft kann man auch immer noch ein doofes Aufsteigerland plattmachen
    (leichte Ironie darf vermutet werden)

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    Ein Kommentar ist ein Meinungsbeitrag und somit nicht neutral.

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