Saif al-Islam Gaddafis Sohn, ein Testfall für die libysche Justiz

Libyens Übergangsregierung will Saif al-Islam selbst anklagen, ihn nicht nach Den Haag ausliefern. Wie sie einen fairen Prozess ermöglichen will, muss sie noch erklären.

Der Gefangene kann nur warten. In seiner improvisierten Zelle irgendwo außerhalb von Sintan im Westen Libyens gewähren die Wärter Saif al-Islam keinen Kontakt zur Außenwelt. Einige Bücher gibt es für den zweitältesten Sohn des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi zu lesen; Zeitungen, Radio oder Fernsehen sind tabu. Ja, er bekommt Besuch, von Mitgliedern der neuen politischen Führung, von Militärkommandeuren. Aber nur wenigen Vertretern von Menschenrechtsorganisationen oder des Roten Kreuzes war es erlaubt, ihn zu sehen. Ob er inzwischen mit einem Anwalt reden durfte, ist fraglich. Fred Abrahams, Experte von Human Rights Watch in New York, der ihn im Dezember treffen konnte, sagt aber, es gehe ihm gut: "Er hat sich nicht über irgendeine Art von schlechter Behandlung beschwert."

Saif al-Islam droht die Todesstrafe, wenn der Nationale Übergangsrat ihm in Libyen den Prozess macht. Eine Auslieferung an den Internationalen Strafgerichtshof lehnte die libysche Regierung zuletzt noch ab. Das Gericht in Den Haag ist nicht kategorisch gegen eine Verhandlung in Libyen, wollte aber vor einer Entscheidung genau wissen, wie al-Islams Zustand ist, unter welchen Bedingungen er inhaftiert ist, wie die Regierung weiter vorgehen will – oder schlicht: Hat er nach den Wirren des Bürgerkriegs im eigenen Land wirklich die Chance auf ein faires Verfahren?

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Der Übergangsrat hat die dafür gesetzte Frist bis Dienstagabend im Grunde ohne neue Einsichten platzen lassen und um einen Aufschub bis Ende des Monats gebeten. Als Grund führte die Regierung die Sicherheitslage in Libyen an. Aus Den Haag hieß es dazu inzwischen: Die Informationen müssen bis zum 23. Januar vorliegen, um weitere Verzögerungen zu vermeiden. Andernfalls könnte der Gerichtshof den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einschalten, um den Fall an sich zu ziehen.

Das Gesicht eines grausamen Regimes

Gegen die libyschen Rebellen stand der 39-Jährige fest an der Seite seines Vaters, war zuletzt fast noch mehr das Gesicht des grausamen Regimes als Gaddafi selbst und soll für zahlreiche Gewaltakte während des Aufstands verantwortlich sein. Saif al-Islam galt dabei schon lange als designierter Nachfolger an der Spitze des Staates, auch wenn er bis dahin vor allem das Leben eines Playboys geführt hatte.

Vor der Revolution hatte er allerdings Hoffnungen auf eine freiere Gesellschaft in Libyen genährt – es ist kaum zu sagen, ob aus Überzeugung oder nur, um westliche Freunde zu beruhigen. Auf sein Konto geht aber zumindest die Freilassung einiger politischer Gefangener; er ermöglichte während der Herrschaft seines Vaters erstmals Vertretern der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch einen Besuch im Land; und er stellte die Allmacht des staatlichen Sicherheitsapparats infrage.

Leser-Kommentare
  1. Die schariatreuen Gefolgsleute haben in Tunesien, Lybien und Ägypten die Macht ergriffen. Bleibt zu hoffen, daß dem Mann keine Hand abgehackt wird (Diebstahl), dies würde kein gutes Bild auf das neue Lybien werfen.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. dass sie Gaddafis Sohn einen fairen Prozess ermöglichen wollen? Spricht irgendwas dafür?

  3. Ich hoffe, das es ein solcher wird. Das ist mehr, als Gaddafi und seine Söhne und Anhänger ihren politischen Gegnern gewährleistet haben. Der Prozess sollte fair sein, er sollte aber auch den Familien der Getöteten und Gefolterten, den Vergewaltigten eine Genugtuung geben, das der Mitverursacher solchen Leides nicht ungeschoren davon kommt. Das ist einfach unabdingbar. Gaddafi hat seinen Sohn auf dem Gewissen, denn er hat ihn zu dem gemacht, was er ist.

    • Chaled
    • 12.01.2012 um 15:33 Uhr

    Natürlich hält sich das Mitleid in Grenzen aber es ist absehbar dass Gaddafis Sohn wohl kaum eine faires Verfahren erhalten wird. Damit machen sich automatisch alle am Bombenkrieg beteiligter Staaten an der Folter (ihm fehlen jetzt schon vier Finger) und an der späteren Ermordung mitschuldig.

    Mehr Informationen unter:
    http://www.oe24.at/oester...

    Gaddafi hat Lybien nicht ausbeuten lassen. Er hat keine Ölfelder verkauft/vermietet sonder vielmehr das Öl selbst gefördert und raffineriert. Das war schon immer ein Dorn im Auge der EU / USA. Menschen spielten da kaum eine Rolle. Wäre es nicht so hätte die EU auch in Tunesien, Ägypten und Syrien eingreiffen müssen. Die haben aber kein/kaum Öl. Wer etwas anderes denkt ist naiv.

    11 Leser-Empfehlungen
    • Chaled
    • 12.01.2012 um 15:45 Uhr

    Noch ein Grund für keine faire Verhandlung ist der
    sog. "Arabischen Frühling". Er sollte doch lieber
    "Arabischen Abendröte" (kommt vor der Nacht) heißen.
    Es sieht objektiv betrachtet doch so aus, dass eher faschistisch/radikal islamistische Kräfte in den arabischen Staaten an die Macht kommen. In Ägypten ist das z.B. die Muslimbrüderschaft. Äußern tut sich das ganze z.B. bei einem Fussbalspiel durch Anpreisung/Ankündigung eines neuen Holocaust aber seheh Sie selbt:

    http://www.youtube.com/wa...

    In Lybien wird es nicht anders werden/sein und wir wissen nur zu gut aus eigener Geschichte wie mit Regimegegnern oder unerwünschten Personen in solchen Fällen umgegangen wird.

  4. ist der gleiche, der gegen die Meinung Gaddafis die bulga-
    rischen Krankenschwestern zum Tod verurteilt hat. Wenn man
    auf dieser Tradition aufbaut ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Einer der Juristen (...) ist der gleiche, der die bulga-
    rischen Krankenschwestern zum Tod verurteilt hat.."

    ...die dann übrigens nur dank Saif al Islam wieder frei gekommen sind.

    Was an diesem so monströs sein soll, dass ihm die Todesstrafe droht bzw was man ihm konkret vorwirft, dazu habe ich bis heute nichts gehört oder gelesen. Schließlich hatte er kein politisches Amt inne, auf dessen Grundlage er dei angeblichen Greultaten hätte anordnen können.

    "Einer der Juristen (...) ist der gleiche, der die bulga-
    rischen Krankenschwestern zum Tod verurteilt hat.."

    ...die dann übrigens nur dank Saif al Islam wieder frei gekommen sind.

    Was an diesem so monströs sein soll, dass ihm die Todesstrafe droht bzw was man ihm konkret vorwirft, dazu habe ich bis heute nichts gehört oder gelesen. Schließlich hatte er kein politisches Amt inne, auf dessen Grundlage er dei angeblichen Greultaten hätte anordnen können.

  5. 7. Zufall

    "Es beginnt damit, dass die jetzige politische Führung noch kaum in der Lage ist, Einfluss im ganzen Land auszuüben." Das wird sie bis auf Weiteres auch nicht erreichen, ausser mithilfe von massiver Gewalt eines durchstrukturierten Militärapparates, welcher die bewaffneten Gangs in die Schranken weisen könnte. Sprich: Sie müsste ein unbeschreibliches Gemetzel durchziehen, um überhaupt die Grundvorraussetzung für einen Staat zu schaffen, welcher dann irgendwann ein faires Verfahren ermöglichen könnte. "Sie müsste", denn sie kann nicht, weil sie gar nicht mehr über die nötige militärische Infrastruktur verfügt.
    Was allerdings ununterbrochen reibungslos funktioniert ist die Infrastruktur zur Ölförderung. Wenn das mal kein Zufall ist.

  6. Wie man mitlerweile weiss,hat die CIA den angeblichen
    "Aufstand" organisiert,aus geopolitischen Gründen,
    und nicht etwa um Demokratie/Freie Presse dort einzuführen,

    Saif Ghadafi sprach bereits im October 2010
    von Einführung einer Demokratie und freien Presse.
    Deswegen wird es wohl keinen fairen Prozess in Libyen gegen ihn geben.

    http://ceasefiremagazine....
    Video letztes Drittel

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