ParlamentswahlenÄgyptens Islamisten gehen auf die Säkularen zu

Die Muslimbrüder haben mit großem Abstand die Wahlen gewonnen – und geben sich moderat. Die ebenfalls erfolgreichen Radikalislamisten bleiben außen vor.

Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft Mohammed Badi

Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft Mohammed Badi

Selbst die großen Alten der ägyptischen Politik ringen nach Worten. Friedensnobelpreisträger Mohamed el Baradei sieht das liberale Lager und die revolutionäre Jugend "dezimiert". Amr Moussa, langjähriger Chef der Arabischen Liga und möglicher Präsidentschaftskandidat, spricht vom Lauf der Demokratie, deren Resultate man zu akzeptieren habe. Vergangene Woche schickte Washington seinen Nahost-Emissär Jeffrey D. Feltman nach Kairo, um erste Gespräche mit den siegreichen Muslimbrüdern zu führen, deren Partei sechzig Jahre lang verboten war. Man habe "glaubwürdige Versicherungen" erhalten, dass Ägypten die Menschenrechte und internationalen Verträge respektieren werde, ließ Außenministerin Hillary Clinton anschließend erklären.

Seit sich das Endergebnis der ersten demokratischen Parlamentswahl in der Geschichte Ägyptens abzuzeichnen beginnt, gehen am Nil Jubel und Erleichterung, aber auch Angst und Unbehagen um. Moderate Muslime und koptische Christen fürchten den Weg in einen militanten Gottesstaat, die Islamisten dagegen sehen ihren Erdrutschsieg als Frucht der jahrzehntelangen religiösen Überzeugungsarbeit, sozialen Basisprogramme und glaubwürdigen Opposition zum Mubarak-System.

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Rund zwei Drittel aller 498 Mandate werden die Islamisten nach eigenen Kalkulationen in den nächsten vier Jahren kontrollieren, daran können auch die letzten Stichwahlen in der kommenden Woche kaum noch etwas ändern. Mindestens 42 Prozent der Sitze gehen an das politische Bündnis der Muslimbrüder mit ihrer "Partei für Frieden und Gerechtigkeit" (FJS) an der Spitze, gefolgt von der Al-Nour-Partei der ultrakonservativen Salafisten mit gut 20 Prozent.

Facebook-Jugend und Frauen ohne Chance

Das liberale Bündnis "Ägyptischer Block" sowie die säkulare Wafd-Partei bleiben unter zehn Prozent, Anhänger des gestürzten Hosni Mubarak kamen auf drei bis vier Prozent der Mandate. Die Facebook-Jugend mit ihrer "Koalition für kontinuierliche Revolution" sowie viele andere junge Gruppierungen blieben abgeschlagen im Mikroprozent-Bereich.

Wie die revolutionäre Jugend werden aber auch die Frauen in der neuen Volksvertretung Ägyptens kaum vertreten sein. Die noch unter Mubarak eingeführte Quote von gut zehn Prozent der Sitze wurde vom Obersten Militärrat wieder abgeschafft. Bei den 166 Direktmandaten konnten sich nach heutigem Stand nur sechs Kandidatinnen durchsetzen.

Leserkommentare
  1. Wenigstens fuers erste ueben sich die Wahlgewinner in
    weiser Zurueckhaltung - aber was immer passiert -
    Aegypten den Aegyptern!

    Eine Leserempfehlung
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    • bugme
    • 09.01.2012 um 13:10 Uhr

    dass die eigentlichen Ägypter heute in der Minderheit sind.

    http://de.wikipedia.org/w...

    • bugme
    • 09.01.2012 um 13:10 Uhr

    dass die eigentlichen Ägypter heute in der Minderheit sind.

    http://de.wikipedia.org/w...

  2. Das Wahlergebnis markiert in zweifacher Hinsicht eine Zeitenwende: 1. Es stellt den vorläufigen Endpunkt der Revolution bzw. die erste freie Wahl in Ägypten dar und 2. bietet es den Islamisten die einmalige Möglichkeit an, aus der politischen Schmuddelecke herauszukommen und sich als konservativ-islamische und demokratische Bewegung zu konstituieren. Allen Unkenrufen zum Trotz haben sie eine faire Chance verdient, derweil die Welt den Atem anhält, weil politisch denkende Mensch ahnt, dass die nun einsetzende Entwicklung langfristig über Krieg und Frieden im Nahen Osten, aber auch im gesamten Mittelmeerbecken entscheiden wird. Wünschen wir daher den Muslimbrüdern Glück und den nötigen Pragmatismus für die moderne Welt!

    3 Leserempfehlungen
    • Medley
    • 09.01.2012 um 12:24 Uhr

    Das Ergebnis war zu erwarten. Ein paar zehntausend der westlichen Kultur freundlich zugewandte Facebook-Studenten machen eben nicht die Mehrheit des [...] ägyptischen Volkes aus. Das Ägypten keine nennenswerten Rohstoffe besitzt ist in dem Zussmmenhang eher ein Segen als ein Fluch, denn ein Land das Öl oder ähnliches besitzt, dass benötigt, aus der Sicht der "Herrschenden", kein Volk. So aber muss man in Menschen statt in Förderanlagen und Piplines investieren. Eigentlich nicht schlechtes. Im Übrigen, im Frühling des Jahres 1918 konnten die überaus populären Sozialdemokraten die Früchte ihrer jahrzehntelangen gesellschaftlichen, durchaus wohlfahrtlichen Überzeugungsarbeit ernten. Das sie dabei in ihren ersten Regierungsjahren auch "betont moderat und staatstragend" auftraten hat ihnen indess nicht genutzt, denn anschließend hatten radikale Fundamentalisten die Macht übernommen, wie wir alle wissen.

    Gekürzt. Bitte belegen Sie Ihre Tatsachenbehauptungen mit seriösen Quellen. Danke. Die Redaktion/vn

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    Während des gesamten Mubarak-Regimes stellten die Muslimbrüder sowohl in der Anwalts- als auch in der Ärztekammer die Mehrheit dar.Wie soll man auch ohne entsprechendes akademisches Reservoir ein so unbürokratisches und effizientes Sozialsystem für die ärmeren Schichten aufziehen? Außerdem sind die Muslimbrüder in ihrer Mehrheit nicht radikal, sondern gemässigt, dennoch ihrem islamisch-konservativen Wertekanon verhaftet.Dem ist nichts entgegenzusetzen, ganz im Gegensatz zu den Salafisten, die bedauerlicherweise stark abgeschnitten haben.

    Es ist außerdem sehr billig und sehr arrogant, die Ägypter als dumm und töricht hinzustellen (= Analpheten),nur weil sie nicht im westlichen Sinne wählen.Es ist doch klar geworden, dass westliche Ideen für den islamische Raum unnütz sind.Sie müssen ihre eigene Regierungsformn finden, auch wenn jetzt schon gesagt werden kann, dass das nicht dem Westen gefallen wird.Man muss es aber eben akzeptieren.

    Während des gesamten Mubarak-Regimes stellten die Muslimbrüder sowohl in der Anwalts- als auch in der Ärztekammer die Mehrheit dar.Wie soll man auch ohne entsprechendes akademisches Reservoir ein so unbürokratisches und effizientes Sozialsystem für die ärmeren Schichten aufziehen? Außerdem sind die Muslimbrüder in ihrer Mehrheit nicht radikal, sondern gemässigt, dennoch ihrem islamisch-konservativen Wertekanon verhaftet.Dem ist nichts entgegenzusetzen, ganz im Gegensatz zu den Salafisten, die bedauerlicherweise stark abgeschnitten haben.

    Es ist außerdem sehr billig und sehr arrogant, die Ägypter als dumm und töricht hinzustellen (= Analpheten),nur weil sie nicht im westlichen Sinne wählen.Es ist doch klar geworden, dass westliche Ideen für den islamische Raum unnütz sind.Sie müssen ihre eigene Regierungsformn finden, auch wenn jetzt schon gesagt werden kann, dass das nicht dem Westen gefallen wird.Man muss es aber eben akzeptieren.

  3. ... erringen religöse Moralisten die Wahlen, weil sie Sicherheit in unruhigen Zeiten versprechen. Ich wünsche den Ägyptern das sich die Radikalen in Luft auflösen und sich unter dem Schirm der Moral das Pflänzchen der Liberalität entwickeln kann.

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    • Medley
    • 09.01.2012 um 13:20 Uhr

    Adenauer ein "religiöser Moralist"? Nungut. Immerhin war der alte Herr damalig immer noch 'ne ganze Häuserecke locker-flockiger und weniger quasitotalitär als die sozialen und okologischen Moralisten der heutigen Zeit, gell?!

    denn im Gegensatz zu den von Ihnen Genannten (ökologischen und/oder sozialen Moralisten) wollte Adenauer nicht immer mit dem GG unterm Arm rumlaufen.

    • Medley
    • 09.01.2012 um 13:20 Uhr

    Adenauer ein "religiöser Moralist"? Nungut. Immerhin war der alte Herr damalig immer noch 'ne ganze Häuserecke locker-flockiger und weniger quasitotalitär als die sozialen und okologischen Moralisten der heutigen Zeit, gell?!

    denn im Gegensatz zu den von Ihnen Genannten (ökologischen und/oder sozialen Moralisten) wollte Adenauer nicht immer mit dem GG unterm Arm rumlaufen.

    • bugme
    • 09.01.2012 um 13:10 Uhr

    dass die eigentlichen Ägypter heute in der Minderheit sind.

    http://de.wikipedia.org/w...

    2 Leserempfehlungen
    • Medley
    • 09.01.2012 um 13:20 Uhr

    Adenauer ein "religiöser Moralist"? Nungut. Immerhin war der alte Herr damalig immer noch 'ne ganze Häuserecke locker-flockiger und weniger quasitotalitär als die sozialen und okologischen Moralisten der heutigen Zeit, gell?!

    6 Leserempfehlungen
  4. Ob die Muslimbrüder (moderat) bleiben
    oder sich alles radikaler gestaltet

    Eine Leserempfehlung
  5. Die Ägypter haben sich den Wünsch nach politischer Teilhabe und Demokratie mit friedlichen Protesten selbst erfüllt und hoffentlich werden sie diesen freiheitlichen Weg fortführen. Wir sollten in unserer überheblichen Art nicht ständig mit dem Finger auf dieses Land zeigen, das einen Wandel mit friedlichen Mitteln beigeführt hat.

    In Ägypten wird die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht von Heute auf Morgen funktionieren wie es bei uns der Fall war. Betrachtet man die Geschichte so wird man feststellen, dass sie nirgends über Nacht funktioniert hat ausser in Deutschland. Selbst in den USA, der ersten Demokratie der Neuzeit wurden, um ein einfaches Beispiel zu bringen, anfangs Schwarze, Indianer oder Mexicaner verfolgt und diskriminiert.

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