Guantánamo Bay: Warum es Guantánamo immer noch gibt
Vor zehn Jahren kam der erste Gefangene nach Guantánamo. US-Präsident Obama wollte das Lager schließen. Warum hat er sein Versprechen gebrochen?
© Saul Loeb/AFP/Getty

Ein Demonstrant vor dem Weißen Haus in Washington
Die Geschichte des Lagers Guantánamo ist eine Kette von Fehlannahmen und Entscheidungen, die nur aus der jeweiligen Situation heraus verständlich sind, aber im Rückblick oft widersinnig erscheinen. Es ist auch die Geschichte eines Propagandakriegs und ein Beispiel, wie unterschiedlich die Urteile ausfallen, je nachdem aus welcher Perspektive man blickt. Aus Sicht der meisten Deutschen ist das Lager ein großes Unrecht, eine Schande für Amerika. In den USA dagegen findet es eine Mehrheit gut, dass Obama sein Versprechen, Guantánamo ein Jahr nach Amtsantritt zu schließen, nicht erfüllen konnte.
Zu Beginn gab es auch in Europa noch gewisses Verständnis. Den Terrorangriff mit gekaperten Flugzeugen auf New York und Washington am 11. September 2001 hatte Al-Kaida in Afghanistan unter dem Schutz des Taliban-Regimes geplant. Der Anschlag traf nicht nur Amerika unvorbereitet. Auch in Europa befürchteten Bürger und Politiker, dass weitere Attacken drohen. Die Nato erklärte zum ersten Mal in der Geschichte den Verteidigungsfall. Die Vereinten Nationen billigten den Krieg zum Sturz der Taliban. Amerika wollte darüber hinaus Verdächtige, die von weiteren Anschlagsplänen wissen konnten, festnehmen und an einem sicheren Ort verhören. So kamen am 11. Januar 2002 die ersten Gefangenen aus dem Krieg in Afghanistan, die der Mitgliedschaft bei Al-Kaida verdächtigt wurden, nach Guantánamo. Über die Jahre wurden es 779, freilich nie alle gleichzeitig. Bush wählte die Militärbasis auf Kuba, weil dort angeblich Amerikas Rechtssystem nicht gilt. Es war seine volle Absicht, die Gefangenen rechtlos zu machen.
Nach den regelmäßigen Verhören, bei denen zum Teil körperliche Gewalt angewendet wurde, muss die Regierung Bush wohl nach gewisser Zeit gewusst haben, dass die meisten Insassen keine Topterroristen sind. Doch öffentlich wollte sie das nicht zugeben. Erstens sah sie sich weiterhin im Krieg gegen Terroristen, die möglichst viele Amerikaner und deren Verbündete umbringen wollen. Zweitens hatten Anwaltsverbände und Bürgerrechtsgruppen in den USA Gerichtsverfahren gegen die Regierung wegen der Rechtskonstruktion des Lagers, den Haftbedingungen sowie der Prozessordnung für die geplanten Militärtribunale eingeleitet. Die Regierung verlor etwa die Hälfte dieser Verfahren und musste den Gefangenen nach und nach mehr Rechte geben.
Anklage stützt sich oft auf Geheimdienste
Öffentlich nannte Bush die Gefangenen „die Gefährlichsten der Gefährlichen“ und warf Guantánamo-Kritikern vor, sie seien zu weich mit den Feinden Amerikas. Parallel ließ er bis 2008 etwa 540 Gefangene in ihre Heimatstaaten oder andere Länder abschieben, weil er sie für ungefährlich hielt.
2008 wurde Barack Obama zum Präsidenten gewählt. An seinem ersten Amtstag im Januar 2009 ordnete er die Schließung Guantánamos innerhalb eines Jahres an. Er hatte drei Ziele. Erstens, die Rechtlosigkeit zu beenden. Die verbliebenen 240 Insassen bekamen neue Einzelfallprüfungen. Kleine Fische kamen frei. Zweitens wollte er den Topterroristen, die 9/11 geplant hatten, Strafprozesse in Amerika machen. Doch nur gegen einen Teil gab es gerichtsfeste Beweise. Im Krieg in Afghanistan konnten keine zivilen Ermittler Belastungsmaterial sichern. Zwangsläufig stützt sich die Anklage oft auf Geheimdiensterkenntnisse. Und die sind nicht öffentlich verwertbar.
Deshalb hatte auch Obama – genau wie Bush – vor, eine dritte Gruppe von Insassen vor Militärgerichte zu stellen oder ohne Prozess weiter zu inhaftieren – als Kriegsgefangene. Nach amerikanischer Auffassung erlaubt das Völkerrecht dies. Viele Deutsche bezweifeln das. Obama sagt, als Oberbefehlshaber dürfe er solche Fragen allein entscheiden.
Die Verurteilten und die Kriegsgefangenen wollte Obama in ein neues Gefängnis innerhalb der USA bringen, um Guantánamo zu schließen. Seine Regierung fand eine geeignete Haftanstalt in Thomson, in einer dünn besiedelten Region im Westen von Obamas Heimatstaat Illinois.





Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Beiträge zur Diskussion. Danke, die Redaktion/mk
>>Doch seine Partei ließ ihn im Stich – aus Furcht vor den Wählern. 2009 und 2010 hatte es neue Anschläge gegeben, darunter den „Unterhosenbomber“ in einem US-Flugzeug von Amsterdam nach Detroit und eine Autobombe am Times Square in New York. Es war reines Glück, dass die Zünder versagten. Da wollte kein Abgeordneter „weich gegenüber Terroristen“ erscheinen. Von den Entlassenen haben 42 den Kampf gegen Amerika erneut aufgenommen.<<
Dazu fällt mir nur ein:
http://www.guardian.co.uk...
kannte ich zwar nicht,@Apollyon, aber er hat mir nur bestätigt, was ich sowieso vermutete! Danke trotzdem. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür für die verborgene Wirklichkeit. Daß wir in so einer Lügenwelt leben, finde ich an allem das bedrückendste - und die Lügensuppe wird immer noch dicker, weil die "Kleinen" den "Großen" beispielhaft folgen. Mittlerweile haben wir ja schon eine Gesellschaft, in der es schon als Dreistigkeit gilt,immer konsequent bei der Wahrheit zu bleiben.
kannte ich zwar nicht,@Apollyon, aber er hat mir nur bestätigt, was ich sowieso vermutete! Danke trotzdem. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür für die verborgene Wirklichkeit. Daß wir in so einer Lügenwelt leben, finde ich an allem das bedrückendste - und die Lügensuppe wird immer noch dicker, weil die "Kleinen" den "Großen" beispielhaft folgen. Mittlerweile haben wir ja schon eine Gesellschaft, in der es schon als Dreistigkeit gilt,immer konsequent bei der Wahrheit zu bleiben.
>>36 Männern soll der Prozess vor einem Militärgericht in Guantánamo gemacht werden – nach einer neuen Ordnung, die ihnen mehr Rechte gibt. Etwa 50 sollen ohne Urteil als Kriegsgefangene in Haft bleiben.
Guantánamo wird wohl noch lange nicht geschlossen. Doch unter Obama sind die Bedingungen anders als unter Bush. Aus dem Wegsperrlager für weitgehend Entrechtete ist ein Ort der Gerichtsverfahren geworden, wo die Angeklagten zumindest das Recht auf Anwälte haben.<<
Militärgericht. Wow. Vermutlich auch noch im Schnellverfahren.
Zudem, les ich mir durch, was in Patriot Act, Military Commissions Act und NDAA FY2012 steht, dann hat sich legislativ absolut NICHTS geändert, was irgendwie indizieren würde, dass sich an den bisherigen Verhältnissen etwas langfristig zum Positiven ändern würde.
z. Vgl.: http://img.timeinc.net//t...
z. Vgl.: http://img.timeinc.net//t...
"Aus dem Wegsperrlager für weitgehend Entrechtete ist ein Ort der Gerichtsverfahren geworden" Hm sowas ist doch mit dem frisch unterzeichneten NDAA nicht mehr nötig oder greift das nur bei nach Unterzeichnung weggesperrte Terrorverdächtige?
der Präsident hat das Gestz unterschrieben - warum wurde es nicht umgesetzt?
Bild? Präsident Obama hat auch ein Gesetz unterschrieben, dass jeden Ausländer zu Freiwild erklärt, sobald "Terrorismusverdacht" herrscht.
http://www.sueddeutsche.d...
Ist das überhaupt ein "Rechtsstaat", in dem Menschen ohne jemals einen Richter zu sehen, auf Nimmerwiedersehen im Knast verschwinden können, wenn es der Regierung opportun scheint?
Oder wie soll ich einen Staat beurteilen, der 12jährige Schüler auf Jahre ins Gefängnis sperrt, weil sie in einem Wutanfall ihr Schreibpult umgeworfen haben? Oder Schüler per Elektroschocker mundtot macht, wenn sie einem Politiker "vorlaute" Fragen stellen?
http://www.guardian.co.uk...
(Danke für diesen Link an einen unbekannten Kommentator!)
Oder der gängige sexuelle Missbrauch von Jugendlichen in Gefängnissen, der laut Human Rights Watch, die REGEL, nicht die Ausnahme zu sein scheint?
http://www.hrw.org/report...
Oder wie "frei" kann ein Staat überhaupt sein, der mehr Menschen (relativ) einsperrt, als jeder andere auf dem Planeten?
http://usgovinfo.about.co...
Wenn Sie über all diese Dinge gar nicht erst berichten, sondern meist nur über die USA, welche in Worten ständig über "Freiheit" und "Menschenrechte" spricht, dann erscheint "Guantanamo" natürlich als ein sonderbares Paradox. In der Praxis kennt kein Staat Europas so wenig Recht und Freiheit, wie die USA.
Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/sc
>>dass jeden Ausländer zu Freiwild erklärt, sobald "Terrorismusverdacht" herrscht.<<
Der NDAA FY2012 betrifft AUCH US-Bürger, was ja nicht nur von Levin und McCain, sondern auch von der Obama-Administration bekräftigt wurde.
An Ihrer Schilderung der Verhältnisse in den USA ist was dran. Leider schlägt sich das in den Internationalen Beziehungen nicht nieder (z.B. darf das US-Militär ohne Zollkontrollen in Deutschland Ein- und Ausfliegen obwohl in dem Land mehrfach Menschen auf Anweisung der Regierung Verbrechen in Europa begangen haben nicht belangt wurde).
Ihr Satz "In der Praxis kennt kein Staat Europas so wenig Recht und Freiheit, wie die USA." mag für die Staaten der EU noch gelten, schließt man aber z.B. Weißrussland ein (liegt auch in Europa), stimmt das eher nicht mehr.
>>dass jeden Ausländer zu Freiwild erklärt, sobald "Terrorismusverdacht" herrscht.<<
Der NDAA FY2012 betrifft AUCH US-Bürger, was ja nicht nur von Levin und McCain, sondern auch von der Obama-Administration bekräftigt wurde.
An Ihrer Schilderung der Verhältnisse in den USA ist was dran. Leider schlägt sich das in den Internationalen Beziehungen nicht nieder (z.B. darf das US-Militär ohne Zollkontrollen in Deutschland Ein- und Ausfliegen obwohl in dem Land mehrfach Menschen auf Anweisung der Regierung Verbrechen in Europa begangen haben nicht belangt wurde).
Ihr Satz "In der Praxis kennt kein Staat Europas so wenig Recht und Freiheit, wie die USA." mag für die Staaten der EU noch gelten, schließt man aber z.B. Weißrussland ein (liegt auch in Europa), stimmt das eher nicht mehr.
"Bush wählte die Militärbasis auf Kuba, weil dort angeblich Amerikas Rechtssystem nicht gilt."
Frage: Wenn nun ein Soldat dort einem anderen die Playstation klaut, welches Recht gilt dann? Gar keins?
>>dass jeden Ausländer zu Freiwild erklärt, sobald "Terrorismusverdacht" herrscht.<<
Der NDAA FY2012 betrifft AUCH US-Bürger, was ja nicht nur von Levin und McCain, sondern auch von der Obama-Administration bekräftigt wurde.
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