Unruhen Das syrische Patt kann schnell zum Bürgerkrieg werden

Das Regime in Syrien zerfällt in Zeitlupe, die Gewalt nimmt zu. Ein friedlicher Übergang wird immer unwahrscheinlicher.

Männer in der Stadt Rastan in der Provinz Homs. Bild aus einem YouTube-Video

Männer in der Stadt Rastan in der Provinz Homs. Bild aus einem YouTube-Video

In den vergangenen Monaten haben weder das syrische Regime, noch die internationale Gemeinschaft, noch die Opposition im Exil in dieser sich zuspitzenden Krise Anlass zu großer Hoffnung gegeben. Es macht zunehmend den Eindruck, dass sie unbeabsichtigt in Kauf nehmen, einen Bürgerkrieg heraufzubeschwören, auch wenn keiner ein Interesse daran haben kann, auch wenn er Syrien auf Jahre destabilisieren und den Rest der Region mit hineinziehen würde. Das Festhalten an Maximalforderungen könnte jede noch bestehende Chance für einen Übergang auf der Grundlage von Verhandlungen zunichte machen.

Peter Harling

Peter Harling ist Projektleiter für Ägypten, Syrien und Libanon der International Crisis Group.

Das Regime hat die Vorstellung, es könne gegen noch vorhandene Nester von Störenfrieden, die aus dem Ausland unterstützt werden, vorgehen und sich dann innerhalb angemessener Grenzen politisch öffnen – ähnlich wie die Versprechen begrenzter Reformen Jordaniens oder Bahrains. Das Regime setzt darauf, dass Kräfte von außen, die derzeit den Untergang des Regimes sehen wollen, letztlich erkennen, dass es nicht zerstört werden kann. Und dass sie angesichts des Mangel an besseren Optionen und aus Angst vor dem darauf folgenden Chaos widerwillig zu weicheren Formen des Drucks übergehen und sich auf lange Sicht sogar wieder auf das Regime einlassen.

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Die Sympathisanten und Verbündeten des Regimes wollen zu gern glauben, dass das Regime stark ist, dass das Ausmaß der Proteste von feindlichen Medien völlig übertrieben dargestellt wird, dass die Verschwörung aus dem Ausland gleichzeitig allumfassend und kraftlos ist, und dass die syrische Gesellschaft so krank ist – dass sie aus einem Sammelsurium von Fundamentalisten, Verbrechern und Stellvertretern Dritter besteht –, dass sie die bittere Medizin der Sicherheitskräfte mehr als verdient hat.

Diese Darstellung ist in mehr als einer Hinsicht fehlerhaft. Seit zehn Monaten zerfällt das Regime in Zeitlupe, das ist deutlich zu sehen: Die von Beginn an schwachen politischen Strukturen sind irreparabel zerstört. Die Exekutive hat die einst vorhandene Fähigkeit verloren, ihre Politik umzusetzen, und die regierende Partei ist eine leere Hülle. Der Sicherheitsapparat ist noch weitgehend geschlossen und kampfbereit. Doch er erinnert mancherorts in zunehmendem Maße bestenfalls an eine Besatzungsmacht, die von der Gesellschaft abgeschnitten ist, schlimmstenfalls an eine randalierende Ansammlung sektiererischer Milizen. Das Militär zersplittert langsam aber sicher. Die Kontrolle des Regimes über das Territorium beruhte darauf, dass die Protestbewegung weitgehend friedlich blieb. Jetzt, wo sich der Aufstand ausbreitet, verliert es die Kontrolle.

Regime hält Feuerkraft zurück

Das Regime hat wohl auf den Großteil der ihm zur Verfügung stehenden Feuerkraft verzichtet, aus Angst davor, die Balance gegenüber der internationalen Gemeinschaft entscheidend zu seinen Ungunsten zu verschieben. Es könnte leicht ausreichend Truppen aufbringen, um den Widerstand in jeder beliebigen Region niederzuschlagen, müsste dann allerdings in Kauf nehmen, dass ihm anderswo die Dinge entgleiten. In anderen aufständischen Regionen könnten sich die Regimegegner dann erst recht ausbreiten.

Unterdessen beschleunigt sich der Zusammenbruch der Wirtschaft. Weil das aber keinem Syrer entgeht, sind einst spektakuläre Demonstrationen loyaler Regimeanhänger zusammengeschrumpft auf eine Größe, bei der auf offiziellem Filmmaterial Nahaufnahmen gegenüber Luftbildern vorherrschen.

Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel!

    Das ist objektiver Journalismus wie ich ihn in allen Medien wünsche.

    Es wird richtig beschrieben:
    Wenn alle Parteien auf ihren maximalen Forderungen hängen bleiben, ist die Situation unlösbar.

    Bitte mehr davon!

  2. Mit Verlaub: In Syrien herrscht bereits Bürgerkrieg.
    Alles Seiten stehen inzwischen mit dem Rücken zur Wand. Die religiösen Gräben werden jetzt erst sichtbar aufreißen. Egal ob Assad abdankt oder nicht.

    Der "Westen" denkt immer noch so, wie vor 100 Jahren ....

  3. Dann vergößert sich das Gebilde "Irak" bis in den Libanon!
    Der Libanon wiederholt sich, welche starken geordneten Kräfte werden sich dann durchsetzen?

    Eine Leser-Empfehlung
    • keox
    • 31.01.2012 um 18:42 Uhr

    nennt sich Balkanisierung, erprobt bei der Zerschlagung Yugoslawiens, des Irak, Afghanistans, Lybiens...

    • colca
    • 31.01.2012 um 19:18 Uhr

    Es ist also Bürgerkrieg.
    Aber worauf wartet die Regierung dann noch, warum hält sie, wie vom Autor angemerkt, Feuerkraft zurück. Sie steht einem skrupellosen Gegner gegenüber, der weder Terror noch Mord scheut, um das Land in einen blutigen Machtkampf zu zwingen. Mit welchen Methoden der angebliche Freiheitskampf von Seiten der Aufständischen geführt wird, hat sich heute wieder bei Homs gezeigt. Dort sprengten Terroristen eine Ölpipeline in die Luft, was zu einem Brand in der nahe gelegenen Ölraffinerie geführt hat. In der Chaosprovinz wurden im vergangenen Monat bereits fünf mal Öl- und Gaspipelines von Verbrechern attackiert.

    Siehe - http://de.rian.ru/securit...

    Ich frage mich, was das für eine Opposition sein soll, die mutwillig und wiederholt die Lebensgrundlage des eigenen Landes zu zerstören versucht. Wer innerhalb Syriens hat denn ein Interesse daran, dass die Wirtschaft kollabiert und die Menschen ins Elend stürzen? Ganz sicher niemand, der für ein politisches Amt jetzt oder in Zukunft qualifiziert wäre.

    Assad kann gar nicht anders, er muss diese Verbrecher radikal bekämpfen, wenn er sein Land vor dem Chaos retten will. Auch die Strippenzieher und Finanziers im Ausland stehen nicht ewig unter Naturschutz. Würden sie eine vergleichbare Sabotagepolitik gegen den südwestlichen Nachbarn Syriens betreiben, hätten diese Leute schon eine ganze Reihe "bedauerlicher Unfälle" erlitten...

  4. Einer der wenigen ausgeglichen Artikel zur Causa Syrien in der ZEIT. Was mir aber fehlt ist die journalistische Auseinandersetzung mit der militanten Opposition. Wenigstens wird diese offen erwähnt mittlerweile und auch der Fakt, dass die Hälfte der Opfer auf deren Kappe gehen schafft es mittlerweile in die Tagesschau.

    Aber...

    Und im Hintergrund stehen bereits Träume von der Veränderung der ganzen Region, von einem Domino-Effekt für die Hisbollah im Libanon und die belagerte Führung im Iran.

    Diese Träume existierten schon, bevor es richtig losging in Syrien. Und genau da ist das Problem. Es ist unstrittig, dass es in Syrien eine breite Mehrheit gibt die Reformen wollen. Aber nur die Minderheit dieser Opposition ist militant. Doch genau diese militante Minderheit lässt die Lage Tag für Tag eskalieren. Diese militanten Splittergruppen verüben Terroranschläge mit vielen Toten.

    Aber seltsamerweise gibt es Treffen von Offiziellen westlicher Länder und den Anführern dieser Gruppen. Und zwar bevor man sich mit jemand anderem getroffen hat. Sollte man deren Gewalt nicht genauso verurteilen?

    Zur ganzen Schizophrenie der Causa Syrien empfehle ich den überaus erhellenden und ausführlichen Artikel von Thierry Meyssan (französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace):

    http://www.voltairenet.or...

    Eine Leser-Empfehlung
    • Bus-x
    • 31.01.2012 um 23:20 Uhr

    und so wird Assad Gaddafi folgen...

  5. "Wenn diese Pattsituation noch länger andauert, könnte die Auseinandersetzung schnell zu einem Bürgerkrieg mit offenem Ende werden."

    Das westlichen Denken ist so angelegt, dass man davon ausgeht, die "Sache" hätte sich in kurzer Zeit erledigt, obwohl man am Hindukusch des besseren belehrt wurde. Fast 10 Jahre ringt man nahezu erfolglos an einem Muster, mit einem unausgesprochenen Endziel. Doch was ist ein Erfolg? Die stille heimliche Unterdrückung, die heimliche Tötung Aufmüpfiger?
    Westliche Denkmuster eignen sich nicht, um Unterstützung zu leisten. Wir können nur Geld geben, oder Bomber. Wir leben im Wettbewerb und jeder ist eigentlich Gegner.
    Fast ein ganzes Jahr schauen wir nun zu. Wenn noch kein Bürgerkrieg ist, so wurde aber inzwischen ein Fundament dafür geschaffen.
    Der Westen hat diese Tatsache unterstützt, vor allem durch seine eher neutrale Position.
    Dadurch sind die Menschen dort gezwungen zu handeln, mit ihren Möglichkeiten.

    Jetzt müssen wir uns dort heraushalten, sonst steigern wir nur das vorhandene Chaos.

    Eine Leser-Empfehlung

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