Protest gegen AssadWarum es auch Syrer gibt, die am Aufstand zweifeln

Präsident Assad hat weiterhin auch Rückhalt im Volk. Manche haben mehr Angst vor der Revolution als vor ihm. Daniel Etter berichtet aus einem aufständischen Dorf in der Provinz Idlib. von Daniel Etter

Dorf in Idlib

Das Dorf in Idlib trauert um einen Bauern, der nach Angaben der Einwohner von staatlichen Sicherheitskräften getötet worden ist.  |  © Daniel Etter

Dieses Dorf soll ohne Namen bleiben. Zu groß ist die Angst der Bewohner, dass die Sicherheitskräfte wiederkommen, dass die Männer festgenommen und gefoltert werden, dass sie für immer verschwinden. Sie werden nicht unterscheiden können, meint Abu Hamad, zwischen den Leuten, die bewaffnet Widerstand leisten, und Menschen, die sich plötzlich in Mitten eines Aufstandes wiedergefunden haben, den sie so nicht wollten. Hamad, ein Englischlehrer in Rente, graues Haar und grauer Schnäuzer, braune Lederjacke, zählt sich selbst zu den wenigen, die das alles so nicht haben wollten.

Das Dorf liegt irgendwo in der syrischen Unruheprovinz Idlib. Hier sei jeder auf der Seite der Opposition, sagen sie wieder und wieder: Die Aktivisten, die jede Nacht in einem kleinen, überhitzten Raum Videos ihrer Demonstrationen auf YouTube hochladen. Die Soldaten der aufständischen Freien Syrischen Armee, die um die Stadt Position bezogen haben und den Bewohnern ein vages Gefühl von Sicherheit geben. Oder der stets schwarz gekleidete Dorfvorstand, zu dem die Männer abends kommen, wenn sie ihre Streitigkeiten beilegen wollen. Nur Abu Hamad zweifelt, ist zerrissen. Er weiß nicht, ob er den Menschen im staatlichen Fernsehen glauben soll oder seinen Nachbarn und Freunden. Seine Zweifel sind ein Beispiel dafür, wie weit die Propaganda des syrischen Regimes reicht, und wie gespalten und komplex die Lage in Syrien ist.

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Die UN schätzen, dass mindestens 5.000 Menschen in den elf Monaten des Aufstands in Syrien umgekommen sind. Diese Schätzung ist mehr als fünf Wochen alt, inzwischen dürften es Hunderte mehr sein. Auch während der Beobachtermission der Arabischen Liga ging die syrische Führung weiter brutal gegen Aufständische vor. Trotzdem hat der syrische Präsident Baschar al-Assad weiter Rückhalt in der Bevölkerung. Anfang Januar ergab eine Meinungsumfrage in Syrien, dass 55 Prozent der Befragten gegen seinen Rücktritt sind. Die Umfrage wurde von Katar finanziert – einem der offensivsten Kritiker Assads.

Am größten ist die Angst vor der Zeit nach der Revolution

Neben Abu Hamad liegt ein junger Aktivist auf dem Bett. Die Geister haben versucht, ihn umzubringen: Shabiha – Arabisch für Geister – nennen sie hier die halboffiziellen, bewaffneten Schlägertruppen des Regimes. Auf der Landstraße haben sie sein Auto beschossen, sechs Kugeln in seinen Körper gejagt. Eine in den rechten Arm, zwei in den Oberkörper, drei in das rechte Bein. Irgendwie hat er überlebt. Ein Nachbar war unter den Shabiha. "Das ist das Resultat des Aufstandes", sagt Abu Hamad. Die Stadtbewohner sollen gegeneinander aufgebracht, das Land in Anarchie gestürzt werden. "Wir müssen zusammenstehen. Das schwächt uns vor dem wirklichen Feind", sagt er. Und wer ist das, dieser wirklich Feind? Seine Antwort bleibt vage.

Noch immer haben viele Syrer weniger Angst vor Assad als vor dem, was nach ihm kommt. Und noch immer glauben viele Syrer den Äußerungen Assads, in denen er die Opposition als Verschwörung diffuser fremder Mächte abtut, die das Land destabilisieren wollen. Assad schürt damit bewusst Ängste vor Israel und den USA , Verschwörungstheorien um deren Plan zur Restrukturierung des Nahen Osten. Selbst hier, in einem Dorf voller Aufständischer, gibt es Männer wie Abu Hamad, die der offiziellen Version glauben – oder zumindest an der Motivation der Opposition zweifeln. Am größten ist die Angst vor der Zeit nach der Revolution unter den schiitischen, christlichen und alawitischen Minderheiten. Sie fürchten sich vor einer Machtübernahme durch die sunnitische Mehrheit.

Revolution oder nicht – das ist eine Entscheidung, die nicht der Einzelne trifft, sondern die Dorfgemeinschaft. Im Nachbardorf kann man leicht erkennen, wo die Loyalitäten liegen. An jeder Ecke hängen Bilder von Baschar al-Assad. Die Bewohner hier sind Schiiten. Sie stehen der vornehmlich alawitischen Führungsriege nahe. Zwischen den beiden Orten gab es gute Beziehungen – bis die Revolution kam. Die Schiiten blieben auf der Seite Assads. Anfangs hätten die schiitischen Nachbarn Informationen über die Oppositionellen an die Regierungskräfte gegeben, aber das sei vorbei, sagt Abu Hamad. Die Dorfvorsteher hätten ihre Seiten gewählt, aber beschlossen, sich nicht in die Angelegenheiten des anderen Dorfes zu mischen.

Fast jede Nacht tanzt der harte Kern der Demonstranten auf dem Dorfplatz. Singend fordern sie den Sturz des Regimes. Mal sind es zwanzig, dreißig Männer, mal hundert, zweihundert. Freitags kommt das ganze Dorf zusammen. Rund zweitausend Männer und am Rande einige kleine Gruppen von Frauen. Osama , 26 Jahre alt, Arabischstudent, war einer der ersten, der hier demonstriert hat. An dem Tag, als in Pakistan sein Namensvetter Osama bin Laden getötet wurde, kamen Sicherheitskräfte und haben ihn geholt. Sie haben ihm die Augen verbunden, ihn an den Armen aufgehängt, geschlagen und ihm Stromschläger verpasst. "Warum brauchst Du Freiheit?", hätten sie gesagt. "Du musst getötet werden."

Leserkommentare
  1. Die gleiche Reportage in leicht abgeänderter Fassung gab es gestern bereits in der Financial Times zu lesen. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    • ID10T
    • 31. Januar 2012 19:55 Uhr

    >Osama, der junge Arabischstudent, wünschte, es gäbe sie, die ausländische Verschwörung gegen Syrien, von der Abu Hamad redet, die Assad für die Unruhen verantwortlich macht: "Wir brauchen Hilfe vom Teufel. Wir brauchen Hilfe von Israel, den USA, Großbritannien. Nur nicht Baschar."

    Es ist doch klar, dass der Student auch die Salafisten fürchtet. Die sind wohl noch schlimmer als Baschar. Dieses Land war vor 25 Jahren schon ein Horror, Spitzel überall, Versorgungsmängel und der allgegenwärtige Geheimdienst. Allerdings herrschte damals noch kalter Krieg, als ich mal dort war und Baschars Vater war ein ergebener Lakai der Sowjetunion. Der konnte 1982 noch ungestört 30.000 Leute in Hama massakrieren. Ich glaube nicht, dass die Aufständischen dort alle Islamisten waren. Der war genauso schlimm wie Saddam, sein Bruder und Feind im Geiste.

    Außerdem liefen damals schon iranische Revolutionswächter in Damaskus rum. Ich befürchte Schlimmstes

  2. Es ist ja ganz 'nett' , dass man in den MSM auch mal in ' Dorflandschaften' geht.
    Es gilt bei dem Ganzen jedoch das 'Gesamtbild = Big Picture ' nicht aus den Augen zu verlieren.
    Syrien ist ein ' Spielball ' der "Vereinigten Kriegsmächte" , die in Eurasien die Oberhand erzwingen wollen.

    http://www.voltairenet.or...

    ....In this article Boris Dolgov, a member of the Russian Academy of Sciences and the Institute of Oriental Studies in Moscow, reports on his recent trip to Syria. His field investigation is particularly valuable since most of the information about Syria in recent months has emanated from Beirut, Paris or London. Professor Dolgov confirms that, far from a contrived "Arab Spring" scenario, Syria is undeniably grappling with the threat of foreign occupation. He observes that while the offensive is inordinately violent, the population will not be intimidated. Aware of the disaster wrought by NATO "humanitarian" operations in Yugoslavia and Libya, the Syrians refuse to be drawn into a sectarian ambush. A process of reform and development is on track, but it will not be dictated from abroad. In Syria, one may object to the president, but not to national sovereignty.....

    • uwilein
    • 31. Januar 2012 20:01 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen, die nach derzeitigem Wissensstand nicht nachvollziehbar sind. Danke. Die Redaktion/vn

    • lef
    • 31. Januar 2012 20:03 Uhr

    Das wäre ja mal was Neues - bislang ist jeder "arabische Frühling" antiisraelisch dominiert, spätestens zum Machtwechsel.
    Wäre diese "Revolution" pro Frieden mit Israel, dann verwundert die zurückhaltende Haltung des Westens ausgerechnet in Syrien!
    Ich bin aber eher geneigt, das Gegenteil anzunehmen, und zwar wegen der russischen Stellung dazu - traditionell russisch (früher sowjetisch) ist gewesen, Syrien gegen Israel zu helfen. Auch die Deutschen standen ja 1973 in Syrien schon stationiert, um in den Krieg Syriens gegen Israel einzugrweifen (wozu es dann nicht mehr kam).

    Trotzdem erwarte ich von gutem Journalismus, gerade diese Fragen zu beantworten, und genau das tut der Artikel nicht!

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    • ID10T
    • 31. Januar 2012 20:19 Uhr

    Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihren Ton. Danke. Die Redaktion/sc

    • lef
    • 31. Januar 2012 22:13 Uhr

    Soldaten waren 1973 in Syrien bereit, auf Israel einzuschlagen.
    Operation Aleppo hieß das.

    Von heutiger ussischer Hilfe, den Konflikt zu entschärfen - z. B. mit viel Geld an Palästinenser - wie EU, USA ff es tun - weiß ich nichts.

  3. "Wir brauchen Hilfe vom Teufel. Wir brauchen Hilfe von Israel, den USA, Großbritannien. Nur nicht Baschar."

    Sie brauchen Stereotype, die eine einfache Antworten geben auf Fragen, die keiner versteht. Sie brauchen einen Schuldigen, eine Erklärung, ein Weltbild!

  4. Wir werden täglich zugedröhnt mit irgendwelchen Bilden und Berichten über Syrien aus zweifelhaften Quellen.
    Ich finde die Beschreibung des Bildes drollig: Ein Bauer soll der Getötete also sein.
    Irgendwie erinnert mich die Berichterstattung an den Kosovo - Konflikt 1999. Da wurde die UCK ähnlich hochstilisiert als legitime "Opposition".

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    Fahren Sie doch einfach mal nach Syrien und sprechen Sie mit den Menschen abseits aller Sightseeing-Touren. Befassen sich mit der Vielschichtigkeit, den einzelner Volksstämme und deren Glaubenszugehörigkeit. Befassen Sie sich mit der Geschichte des Landes und erkennen Sie die Ängste, sowohl die Kollektiven wie die einzelner Gruppen.
    Würden Sie dies tun, könnten Sie das vielschichtige Problem und damit den Zwiespalt der breiten Masse und den Unterschied zu anderen arabischen Staaten erkennen.
    Das Land hat seinen Weg aus dem kalten Krieg noch nicht gefunden. Jahrzehntelange Bevorzugung einer Minderheit (6%).
    Diese Komplexität und die Abhängigkeit von Russland wie Iran macht es so schwer von Außen Druck aufzubauen.
    Das Problem Assad müssen die Syrier selbst lösen. Sie müssen ihre Ängste überwinden und den Drang, durch eben jene Unterdrückung entstanden, eigene Machtinteressen innerhalb Syriens ausüben zu wollen zu ihrem eigenen Wohl hinten anstellen. Erst dann können sie die Volksrepublik Syrien und Assad überwinden.
    Jedoch sich hier über die westliche Berichterstattung zu beschweren und auf staatliche gesteuerte Quellen aus Syrien zu vertrauen, wäre so wie sich auf die Darstellung der DDR-Medien im Fall des 17.Juni 1953 zu stützen.

  5. des Nahen Osten."

    Um das als Verschwörungstheorie abtun zu können, benötigt man schon eine große Unkenntnis der zeitgeschichtlichen Sachlage.
    Spricht nicht für den Autor.
    Der Rest der Reportage ist aber im Kontext deutscher Breitenmedienberichterstattung ein fast schon leuchtend postives Beispiel journalistischer Objektivität (und ja, natürlich ist die Reportage nicht objektiv, aber verglichen mit dem Rest, was in ZEIT & Co. abgedruckt wird...).

    Interessant übrigens, dass man vor ~2-3 Wochen noch von 5.500 Toten, vor kurzem dann von 5.400 sprach und nun weiter auf 5.000 Tote reduziert.
    Da scheint man sich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Osama bin Laden | Protest | UN | Dorf | Opposition | Revolution
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