Arabischer FrühlingDen meisten Tunesiern geht es nicht besser

Tunesien ein Jahr nach dem Umbruch: Touristen bleiben aus, ausländische Investoren scheuen das Risiko. Die Kluft zwischen armen und reichen Regionen ist geblieben.

Als der Wagen mit dem blauen Kennzeichen der Autovermieter langsamer wird, rennt Janette los. Außer Atem kommt sie an der kleinen Holzhütte am Straßenrand an, wo sie zusammen mit einer Nachbarin das Tongeschirr ausstellt, das sie jeden Tag von Hand formt, bemalt und im offenen Feuer aus getrocknetem Torf brennt. Allah gib, dass die Touristen wenigstens ein Stück kaufen, murmelt sie. Aber die Ausländer wollen sich "nur ein wenig umsehen. Wir kommen auf dem Rückweg noch einmal vorbei", verspricht das junge Paar und braust davon.

35 Jahre ist Janette alt, und seit sie denken kann, stellt sie Tongeschirr her. Das ist Tradition in den Dörfern um Sejnane auf der Strecke zwischen Tunis und Tabarka im Norden Tunesiens. Industrie gibt es hier nicht. Die Männer sind die ganze Woche fort auf der Suche nach Arbeit. Die Frauen verdienen mit ihrer Handarbeit ein Zubrot für die Familien. Aber nach der Jasmin-Revolution, die Diktator Ben Ali vor genau einem Jahr in die Flucht schlug, kamen kaum noch Touristen.

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Sejnane gehört zu den sogenannten zones défavorisées, den benachteiligten Gebieten im Landesinneren Tunesiens. Wenn von solchen Regionen die Rede ist und davon, dass die Demokratie nur gelingen kann, wenn die enorme wirtschaftliche Ungleichheit im Land beseitigt wird, denken die meisten gleich an Sidi Bouzid. Dort hatte sich im Dezember 2010 ein junger Gemüsehändler aus Verzweiflung selbst verbrannt und damit die Revolution ausgelöst.

Wohlstand gibt es nur an der Küste

Doch es gibt viele Sidi Bouzids in Tunesien. Immer noch. Sie reichen von Sejnane im Norden über Kasserine und Gafsa bis hinunter nach Douz, der Oasenstadt am Eingang zur Wüste. Und ein Jahr nach der Revolution verbrennen in Tunesien wieder Menschen. In den vergangenen Tagen starb ein 43-jähriger Familienvater in der Bergbaustadt Gafsa, als er sich vor dem Sitz der Bezirksregierung aus Protest gegen seine Arbeitslosigkeit anzündete. Fünf weitere Selbstverbrennungen ohne tödlichen Ausgang wurden aus anderen Orten des Landes gemeldet.

Die Investitionen flossen in den vergangenen Jahrzehnten zum Großteil in einen schmalen Streifen im Osten. In Tunis und den Küstenregionen des Massentourismus ist die Kaufkraft nach offiziellen Angaben um 85 Prozent höher als im Rest des Landes – durchschnittlich. Oft kam selbst der kleine Wohlstand keine 50 Kilometer in Richtung des Landesinneren ins Stocken.

"Tunesien, das sind in Wirklichkeit zwei Länder", sagt der französische Unternehmensberater Claude Cheneval, der seit Jahren im Land lebt und auch für die deutsch-tunesische Handelskammer arbeitet. Die tunesische Investitionsagentur Fipa breitet für ausländische Investoren den roten Teppich aus, um die Ungleichheit zu ändern. In benachteiligten Gebieten erhalten sie das Firmengelände für den Preis eines symbolischen Dinars, umgerechnet etwas mehr als 50 Cent. Zudem übernimmt der Staat bis zu 25 Prozent der Investitionskosten, und Exportunternehmen bezahlen in den ersten zehn Jahren keine Steuern.

Leser-Kommentare
    • vonDü
    • 13.01.2012 um 8:15 Uhr

    Was hat man erwartet?
    Dass nach 12 Monaten, Friede, Freiheit, Demokratie und die soziale Marktwirtschaft das Gesicht Nordafrikas bestimmen?

    Die naive Begeisterung der vielen Fans des arab. Frühlings, hat sich bei vielen Menschen in 12 Monaten zu einer mehr oder weniger großen Enttäuschung gewandelt. Wobei die Enttäuschung mehr mit unrealistischen Erwartungen, als mit dem realen Nordafrika verknüpft sind.

    Die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur dieser Länder, ändert sich nicht über Nacht.
    Wenn ich an anderer Stelle lese, dass wir uns in Afghanistan nach 10 Jahren Anstrengung auf die Schulter klopfen, weil in Kabul die Müllabfuhr wieder funktioniert, dann ist das Wenige was Nordafrika erreicht hat, gar nicht so wenig.

    Könnte es mehr sein? Ja, besonders in Tunesien, einem klassischen Urlaubsland der EU-Bürger. Würden wir den Aufbau in Nordafrika ähnlich "enthusiastisch" unterstützen, wie den Umsturz, wäre nach 12 Monaten schon mehr erreicht.

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    • rexi
    • 13.01.2012 um 10:32 Uhr

    Schrieb der Philosoph Zizek auf diesem kanal.

    Was haben die Tunesier erwartet? Dass sich die Investoren ihrer vom international marodierenden Kapital so abhängigen Volkswirtschaft darüber freuen wenn sie von ihrem neu gewonnenen Streikrecht Gebrauch machen. Was die Tunesier erleben ist der Wiedereinzug Ben Alis durch die Hintertür, diesmal in Form des alle disziplinierenden Marktes. Und was sie anzubieten bieten alle an: niedrige Steuern und billige Arbeitskräfte. Ihre Revolution hat ihnen jetzt also den „Nachteil“ verschafft dass diese jetzt den Mund aufmachen, oder in Unternehmerdeutsch: „die Demokratie in Tunesien hat die Planungsicherheit vermindert“. Autoritäre Länder wie China oder Bangladesh haben da einfach einen Standortvorteil.

    Somit machen die Tunesier gerade eine Erfahrung wir im Westen bisher vermeiden konnten: dass Demokratie keine Wirtschaftsform ist, dass Wählen gehen nicht den Magen füllt, dass ein nicht "marktkonformer" Volkswille den unmittelbaren ökonomischen Supergau zur Folge hat da die Globalisierung es den ökonomisch „Leidtragenden“ dieses Willens ermöglicht sich diesem zu entziehen.

    Der arabische Frühling, bei dem der Schrei nach Erlösung von widrigen Lebensumständen in den Schrei nach Demokratie mündete, ist ein riesiges Freilandexperiment in dem die Demokratie beweisen muss, ob sie jenseits von materiellen Heilversprechen eine erstrebenswerte und stabile Gesellschaftsform darstellt. Ein Beweis, den auch der Westen bisher schuldig geblieben ist.

    3 Leser-Empfehlungen
  1. kommt der Sommer.
    Die meisten Armen bleiben arm, wenige Menschen bleiben/werden reich und es dämmert die Erkenntnis, dass die Abschaffung eines "Regimes" daran nichts ändert.
    Wer wird dort wohl als nächstes ein Heilsversprechen liefern und regieren?

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  2. Wie schon zur Zeit der "Freiheitskämpfer" Afrikas motiviert vor allem die Wohlstandsdifferenz zu den Herrschenden das Streben nach staatlicher Unabhängigkeit oder (neuerdings) Demokratie -- doch diesbezüglich gab es noch stets ein böses Erwachen. Warum sollte es dem Volk automatisch besser gehen, nur weil sich die Staatsführung ändert?

    Es gibt wohl kaum etwas zählebigeres als gesellschaftliche Strukturen, die Prosperität verhindern.

    Schon aufgrund des demographischen Druckes und des daraus resultierenden Umstandes, daß Nordafrika sich nicht einmal selbst ernähren kann und daher zwangsläufig irgendetwas exportieren können muß, ist eins sicher: Stabilität wird dort so bald nicht einziehen.

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    • Medley
    • 13.01.2012 um 8:45 Uhr

    Eine realistische, ideologiefreie, lebensnahe Darstellung der Verhältnisse in diesen Ländern. Prima. Weiter so. Geht doch(Daumen hoch).

    "Die der diplomierten Fachkräfte erreicht in Orten wie Sidi Bouzid oder Gafsa weit mehr als 40 Prozent."

    Und warum machen sich dann diese diplomierten Fachkräfte in Orten wie Sidi Bouzid oder Gafsa nicht selbstständig und gründen eigene Unternehmen? Sie könnten sich doch durchaus an ihren Fachkollegen in Israel ein Beispiel nehmen, oder?

    Siehe den dazugehörigen Zeit-Artikel: http://www.zeit.de/karrie...

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    Wenn der Ingenieur nur gute Ideen und kein Kapital hat ist das schwierig. Es ist schwierig genug in Europa, wo es doch einige Moeglichkeiten gibt um an Startkapital zu kommen. Aber in Tunesien sehe ich da eher geringe Chancen. Ausserdem muss the Ingenieur auch noch essen waehrend er an seiner Geschaeftsidee bastelt.

    Wenn der Ingenieur nur gute Ideen und kein Kapital hat ist das schwierig. Es ist schwierig genug in Europa, wo es doch einige Moeglichkeiten gibt um an Startkapital zu kommen. Aber in Tunesien sehe ich da eher geringe Chancen. Ausserdem muss the Ingenieur auch noch essen waehrend er an seiner Geschaeftsidee bastelt.

  3. bzw. unserer Regierung Aufgabe, mit Tunesien Wirtschaftsbeziehungen aufzubauen, von denen beide gleichermaßen profitieren. Investoren unterstützen, Importe erleichtern etc. Ein Austausch auf gleicher Augenhöhe und damit Aufgabe des BMWi und nicht des BMZ!
    Ohne eine funktionierende Marktwirtschaft wird die Demokratie kein leichtes Spiel haben.

    Und ohne diese Bemühungen unsererseits, kann man nicht von einem Interesse an der Demokratisierung Tunesiens sprechen und alle Demokratisierungsforderungen wären reine Heuchelei!

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    • vonDü
    • 13.01.2012 um 12:11 Uhr

    der Demokratiebewegung in ganz Nordafrika zum Durchbruch zu verhelfen. Die nordafrikanischen Länder sind Nachbarn Europas und gehören alle dem islamischen Kulturkreis an. Das heißt aus meiner Sicht, Europa hat hier eine Chance, um mit der Hilfe für Nordafrika ein paar eigene Probleme anzugehen.

    Und Europa hat eine Projektidee, von der ich aber seit dem arabischen Frühling nicht mehr viel gehört habe. Mit einem Euroafrikanischen Stromverbund würde die nordafrikanische Wirtschaft angekurbelt. Europa würde Energieprobleme lösen und hätte viel weniger Migrationsdruck, dafür aber mehr Sicherheit.

    Denn eines ist klar: Der wirtschaftliche Erfolg und die soziale Frage, werden darüber entscheiden wie die politische Frage gelöst wird.

    Dass private Investoren sich zurückhalten, und lieber abwarten bis ganz klar ist wohin die Entwicklung geht, ist verständlich. Bei der EU finde ich es unverständlich.
    Das Klein Klein der Bürokraten und unser aller Unwille noch eine "Baustelle" zu finanzieren, ist langfristig von Nachteil für uns.

    Es ist billiger das Gelingen des arabischen Frühling zu finanzieren, als die möglichen Folgen seines Scheiterns.

    • vonDü
    • 13.01.2012 um 12:11 Uhr

    der Demokratiebewegung in ganz Nordafrika zum Durchbruch zu verhelfen. Die nordafrikanischen Länder sind Nachbarn Europas und gehören alle dem islamischen Kulturkreis an. Das heißt aus meiner Sicht, Europa hat hier eine Chance, um mit der Hilfe für Nordafrika ein paar eigene Probleme anzugehen.

    Und Europa hat eine Projektidee, von der ich aber seit dem arabischen Frühling nicht mehr viel gehört habe. Mit einem Euroafrikanischen Stromverbund würde die nordafrikanische Wirtschaft angekurbelt. Europa würde Energieprobleme lösen und hätte viel weniger Migrationsdruck, dafür aber mehr Sicherheit.

    Denn eines ist klar: Der wirtschaftliche Erfolg und die soziale Frage, werden darüber entscheiden wie die politische Frage gelöst wird.

    Dass private Investoren sich zurückhalten, und lieber abwarten bis ganz klar ist wohin die Entwicklung geht, ist verständlich. Bei der EU finde ich es unverständlich.
    Das Klein Klein der Bürokraten und unser aller Unwille noch eine "Baustelle" zu finanzieren, ist langfristig von Nachteil für uns.

    Es ist billiger das Gelingen des arabischen Frühling zu finanzieren, als die möglichen Folgen seines Scheiterns.

  4. Wenn der Ingenieur nur gute Ideen und kein Kapital hat ist das schwierig. Es ist schwierig genug in Europa, wo es doch einige Moeglichkeiten gibt um an Startkapital zu kommen. Aber in Tunesien sehe ich da eher geringe Chancen. Ausserdem muss the Ingenieur auch noch essen waehrend er an seiner Geschaeftsidee bastelt.

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    Antwort auf "Guter Artikel."
    • vonDü
    • 13.01.2012 um 12:11 Uhr

    der Demokratiebewegung in ganz Nordafrika zum Durchbruch zu verhelfen. Die nordafrikanischen Länder sind Nachbarn Europas und gehören alle dem islamischen Kulturkreis an. Das heißt aus meiner Sicht, Europa hat hier eine Chance, um mit der Hilfe für Nordafrika ein paar eigene Probleme anzugehen.

    Und Europa hat eine Projektidee, von der ich aber seit dem arabischen Frühling nicht mehr viel gehört habe. Mit einem Euroafrikanischen Stromverbund würde die nordafrikanische Wirtschaft angekurbelt. Europa würde Energieprobleme lösen und hätte viel weniger Migrationsdruck, dafür aber mehr Sicherheit.

    Denn eines ist klar: Der wirtschaftliche Erfolg und die soziale Frage, werden darüber entscheiden wie die politische Frage gelöst wird.

    Dass private Investoren sich zurückhalten, und lieber abwarten bis ganz klar ist wohin die Entwicklung geht, ist verständlich. Bei der EU finde ich es unverständlich.
    Das Klein Klein der Bürokraten und unser aller Unwille noch eine "Baustelle" zu finanzieren, ist langfristig von Nachteil für uns.

    Es ist billiger das Gelingen des arabischen Frühling zu finanzieren, als die möglichen Folgen seines Scheiterns.

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