Mitt Romney in Dunedin, Florida © Joe Raedle/Getty Images

Nun kann er wieder spotten. "Am einen Abend ist Newt das Publikum im Saal zu leise, am anderen zu laut", mokiert sich Mitt Romney beim Wahlkampfauftritt im Pioneer Park, dem Kulturzentrum der Kleinstadt Dunedin an der Golfküste von Florida , etwa 40 Kilometer westlich von Tampa über seinen Rivalen Gingrich. "Mal kündigt Newt an, er nehme nur noch an Streitgesprächen teil, wenn die Leute im Saal lautstark reagieren dürfen. Mal verlangt er, das Publikum solle ruhig bleiben, um die Debatte nicht zu stören. Er ist wie Goldilocks."

Fast jeder ältere Erwachsene in den USA kennt das Märchen Goldilocks, die Geschichte von den drei Bären und der alten Frau. Die zentrale Szene handelt von den Ausreden, dass der Haferbrei entweder zu kühl oder zu heiß sei, als dass man ihn essen könne. Als sie noch klein waren, wurden viele Amerikaner mit der Story genötigt, den Teller leer zu löffeln.

Romney weiß, dass die Leute lachen werden. Er erzählt die Episode an jeder Station, bevor die Wahllokale in Florida am Dienstagabend schließen: am Wochenende in Pensacola an der Grenze zu Alabama und in Naples im Süden; am Montagmorgen in Jacksonville, am frühen Nachmittag hier in Dunedin, und abends bei der Versammlung am Landungssteg in The Villages, einer Pensionärssiedlung am Lake Sumter, wird er es ebenso tun. Er will den Eindruck verbreiten, dass Gingrich ein larmoyanter Verlierer sei, den er nicht mehr ernst nehmen müsse. Er greift Gingrich genau auf dem Feld an, das der bisher als seine größte Stärke ausgegeben hat: die Fähigkeit, jeden Kontrahenten in einer Fernsehdebatte niederzumachen – weshalb Gingrich von allen Republikanern die besten Aussichten habe, Präsident Obama zu besiegen . Behauptet Gingrich.

Vor acht Tagen noch wie ein "Dead Man Walking"

Vermutlich liegt Romney richtig mit der Beschreibung der Kraftverhältnisse. Seine Körperhaltung wirkt jetzt wieder so locker, wie er sich kleidet: Jeans, Freizeithemd mit aufgekrempelten Ärmeln, sportliche Schuhe. Im Schnitt der letzten Umfragen liegt er bei 41 Prozent, mehr als elf Prozentpunkte vor Gingrich.

Das ist ein kleines Wunder. Vor acht Tagen wirkte er wie "Dead Man Walking": ein dem politischen Tod geweihter Kandidat. Man sah es an seinen verkrampften Bewegungen und fahrigen Gesten. Das verriet auch seine schnappende Stimme. Er versuchte, entspannt zu lächeln, aber das wirkte künstlich. Da hatte er gerade die Vorwahl gegen Gingrich in South Carolina verloren – nicht knapp, sondern krachend mit 27,8 zu 40,4 Prozent. Außerdem hatten sie in Iowa nachgezählt und ihm rückwirkend den knappen Sieg über Rick Santorum, den Liebling der religiösen Rechten, aberkannt.

Im Sog all dieser schlechten Nachrichten stürzte Romney auch in den Umfragen für Florida ab. 30,3 Prozent für Romney, 37,7 Prozent für Gingrich maßen die Demoskopen, als die Wahlkampfteams ihre Operationen über Nacht hastig aus dem überschaubaren South Carolina – 4,6 Millionen Einwohner, 83 000 Quadratkilometer – in das weit gewichtigere Florida verlegten. Der "Sunshine State" ist mehr als doppelt so groß, hat 18,8 Millionen Einwohner und hat als Erster der frühen Vorwahlstaaten strategische Bedeutung für die Hauptwahl im November. In "Swing States" wie Florida, Pennsylvania, Ohio , die mal für die Republikaner, mal für die Demokraten stimmen, entscheidet sich, ob die Konservativen das Weiße Haus zurückerobern oder Barack Obama eine zweite Amtszeit regiert.

Seit 13 Monaten hatte Romney als der unvermeidliche Präsidentschaftskandidat gegolten, auf den es am Ende hinausläuft: weil er die beste Organisation in allen 50 Bundesstaaten aufgebaut hat, weil er über die prallste Kriegskasse für die teure Fernsehwerbung verfügt – und weil er nach nahezu allen Analysen die größte Chance hat, Obama zu schlagen. Er gibt den moderaten Republikaner, der die nicht parteigebundenen Wähler in der Mitte gewinnen kann. Die sind am Ende entscheidend. Bei der Kandidatenaufstellung in den Vorwahlen ist diese Positionierung freilich ein Risiko. An denen beteiligen sich überwiegend Parteianhänger. Und die sind gespalten: Geben sie einem Bewerber den Vorzug, der die reine Parteilinie vertritt – oder einem, der am ehesten Obama besiegen kann? Was ist wichtiger: Ideologie oder "Electability", Wählbarkeit?