ZEIT ONLINE: Die Amerikaner wollen ihre Kampftruppen bis 2013 aus Afghanistan abziehen , deutlich früher als geplant und genauso schnell wie die Franzosen. Bedeutet diese Änderung, dass in Afghanistan alles besser läuft als bislang gedacht?

Thomas Ruttig: Nein, das bedeutet es nicht. Die Amerikaner haben nur bestätigt, was vorher bereits in Kabul gemutmaßt wurde: Bis Ende 2013 sollen die Isaf-Kampfeinsätze so weit wie möglich eingestellt werden, um dann noch ein Jahr zu haben, in dem geprüft wird, ob sich die Lage stabilisiert. Gegebenenfalls würden die Amerikaner dann nochmals eingreifen.

ZEIT ONLINE: Waren die afghanische Regierung und Armee auf diesen Plan vorbereitet?

Ruttig: Davon ist auszugehen. Das Vorgehen ist ja Teil der 2011 begonnenen Übergangsstrategie, das Land abschnittweise an die Afghanen zu übergeben. Das Ziel ist, diesen Prozess Ende 2014 abgeschlossen zu haben.

ZEIT ONLINE: War der Plan der afghanischen Öffentlichkeit denn bekannt?

Ruttig: Nein. Es ist nie offiziell verkündet worden, dass die Kampfeinsätze bereits 2013 enden sollen. Diese Nachricht hat die ohnehin schon große Verunsicherung der Afghanen noch verstärkt.

ZEIT ONLINE: Wie gut funktioniert die Übergabe an die afghanischen Sicherheitskräfte?

Ruttig: Wenn man die Nato fragt, läuft alles nach Plan. Doch wird einem dort auch bestätigt, dass in keinem der Gebiete mit afghanischen Streitkräften die Übergabe vollendet ist. In Wirklichkeit sind die Afghanen in weiten Teilen noch nicht in der Lage, die Sicherheitsaufgaben allein zu übernehmen. Außerdem ist die Nato ja auch immer noch dabei, die Streitkräfte aufzubauen und zu trainieren.

Nur hat das afghanische Militär viel zu viele Soldaten. Die Regierung will eine Armee, die so groß wie nur möglich ist, was aber leider stark zu Lasten der Qualität geht. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht: Die Offiziere bekommen nur Dreijahresverträge und verlängern dann nicht. Und es springen fast so viele Soldaten und Polizisten wieder ab, wie auch rekrutiert werden. Auf lokaler Ebene haben Armee und Polizei oft keine gute Moral und sind nicht sehr loyal. Gegenüber den aufständischen Taliban sind sie häufig in der Unterzahl.

"Das afghanische Militär hat viel zu viele Soldaten"

ZEIT ONLINE: Einem US-Militärbericht zufolge, für den mehrere Tausend gefangen genommene Taliban interviewt wurden, gehen diese davon aus, dass sie künftig das Land wieder beherrschen werden. Ist das Propaganda oder nah an der Realität ?

Ruttig: Natürlich ist das mit Vorsicht zu bewerten und der Bericht ist auch noch nicht öffentlich, aber wenn es stimmt, dass das Gros der Gefangenen das sagt, zeugt es vom großen Selbstbewusstsein der Taliban. Das eigentlich empörende an diesem Bericht ist, dass er genau das Gegenteil von dem zu vermitteln scheint, was die Nato in der Öffentlichkeit über Fortschritte in Afghanistan und eine erfolgreiche Schwächung der Taliban behauptet.

ZEIT ONLINE: US-Vertreter verhandeln schon seit geraumer Zeit mit Abgesandten der Taliban. Kann das Erfolg haben?

Ruttig: Die Taliban haben vor einigen Jahren extra ihre Politische Kommission gegründet, um auch an politischen Lösungen zu arbeiten. Sie machen es dabei wie die Amerikaner: kämpfen und gleichzeitig Gespräche führen. In der Kommission sitzt auch ein enger Vertrauter von Mullah Omar, dem unangefochtenen Taliban-Führer. Diese Kommission ist ernst zu nehmen, vor allem, weil die Taliban bereits zu Zeiten von US-Präsident George W. Bush signalisiert haben, auch eine politische Lösung zu suchen.