Afghanistan: "Die Taliban sind auch an politischen Lösungen interessiert"
Die afghanische Armee ist auf den Abzug der Nato nicht vorbereitet, sagt Afghanistan-Experte Thomas Ruttig. Dafür seien die Taliban heute umso selbstbewusster.
© ROMEO GACAD/AFP/Getty Images

Ein Händler in der südafghanischen Stadt Arghandab, im Hintergrund Isaf-Soldaten
ZEIT ONLINE: Die Amerikaner wollen ihre Kampftruppen bis 2013 aus Afghanistan abziehen, deutlich früher als geplant und genauso schnell wie die Franzosen. Bedeutet diese Änderung, dass in Afghanistan alles besser läuft als bislang gedacht?
Thomas Ruttig: Nein, das bedeutet es nicht. Die Amerikaner haben nur bestätigt, was vorher bereits in Kabul gemutmaßt wurde: Bis Ende 2013 sollen die Isaf-Kampfeinsätze so weit wie möglich eingestellt werden, um dann noch ein Jahr zu haben, in dem geprüft wird, ob sich die Lage stabilisiert. Gegebenenfalls würden die Amerikaner dann nochmals eingreifen.
ist Co-Direktor und Senior Analyst beim Afghanistan Analysts Network (Kabul/Berlin), einem unabhängigen Think Tank. Seit 1983 hat er insgesamt mehr als zehn Jahre lang in Afghanistan gelebt und gearbeitet. Sein Blog findet sich unter: www.aan-afghanistan.org.
ZEIT ONLINE: Waren die afghanische Regierung und Armee auf diesen Plan vorbereitet?
Ruttig: Davon ist auszugehen. Das Vorgehen ist ja Teil der 2011 begonnenen Übergangsstrategie, das Land abschnittweise an die Afghanen zu übergeben. Das Ziel ist, diesen Prozess Ende 2014 abgeschlossen zu haben.
ZEIT ONLINE: War der Plan der afghanischen Öffentlichkeit denn bekannt?
Ruttig: Nein. Es ist nie offiziell verkündet worden, dass die Kampfeinsätze bereits 2013 enden sollen. Diese Nachricht hat die ohnehin schon große Verunsicherung der Afghanen noch verstärkt.
ZEIT ONLINE: Wie gut funktioniert die Übergabe an die afghanischen Sicherheitskräfte?
Ruttig: Wenn man die Nato fragt, läuft alles nach Plan. Doch wird einem dort auch bestätigt, dass in keinem der Gebiete mit afghanischen Streitkräften die Übergabe vollendet ist. In Wirklichkeit sind die Afghanen in weiten Teilen noch nicht in der Lage, die Sicherheitsaufgaben allein zu übernehmen. Außerdem ist die Nato ja auch immer noch dabei, die Streitkräfte aufzubauen und zu trainieren.
Nur hat das afghanische Militär viel zu viele Soldaten. Die Regierung will eine Armee, die so groß wie nur möglich ist, was aber leider stark zu Lasten der Qualität geht. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht: Die Offiziere bekommen nur Dreijahresverträge und verlängern dann nicht. Und es springen fast so viele Soldaten und Polizisten wieder ab, wie auch rekrutiert werden. Auf lokaler Ebene haben Armee und Polizei oft keine gute Moral und sind nicht sehr loyal. Gegenüber den aufständischen Taliban sind sie häufig in der Unterzahl.





Mit ihren relativ bescheidenen Mitteln erreichen sie einfach mehr.
Mit dem einseitig verwendeten Begriff Terroristen kann ich nichts anfangen, denn Terror ist englisch für Schrecken und in Afghanistan verbreiten Taliban und andere Warlords ebenso Schrecken, wie die USA geführten ISAF-Truppen.
Die bittere Ironie ist, dass zwischen Taliban und US-Militär gar kein so großer Unterschied ist. Beide sehen sich als Gotteskrieger und in arroganter Anmaßung allen anderen als überlegen.
Was zu befürchten ist, ist ein weiterer furchtbarer Bürgerkrieg, zwischen all den Lokalfürsten, den Taliban und der Zentralregierung, die das Machtvakuum nach der Besatzungszeit füllen wollen. Langfristig werden sich die Taliban wohl wieder durchsetzen.
Die einfachen Menschen in Afghanistan haben ein hartes Leben und um zu überleben besitzen sie einen einfachen Pragmatismus. Sie arrangieren sich und da Afghanistan eine archaische Männerdominierte Gesellschaft ist, kostet das Arrangement mit den Taliban sicher nicht so viel Überwindung.
Das interessante wird sein, ob die Taliban das Land wieder vollständig isolieren oder ob sie etwas gelernt haben (will ich ihnen nicht absprechen) und doch etwas offener gegenüber der Weltgemeinschaft sein werden.
Um die Frauen tut es mir leid. Ich denke viele hatten große Hoffnungen auf die ISAF gesetzt, die verkrustete Gesellschaft aufzubrechen, wurden bitter enttäuscht und können diese Hoffnungen nun begraben, wenn sie es noch nicht getan haben.
MfG
AoM
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ag
"Sie glauben doch nicht wirklich, dass wenn die Nato dort erstmal raus ist und die Demokratie am Versagen ist, dass die dann nochmal wiederkommen oder?"
Doch genau das glaube ich. Ich mit ihnen ueber ihre Definition des Terrorismus ueberein. Aber dennoch glaube ich, dass es eine Loesung wie im Kosovo geben wird. Deutschland und Oesterreich haben eine Friedenstruppe in Oesterreich stationioniert die innerhalb von 24 Stunden im Kosovo sein koennte; natuerlich nur wenn die Gewalt wieder ausbricht. Ich glaube sehr stark an eine Loesung wie diese, da ein Land wie die USA niemals ein Taliban Regime erlauben wuerde.
"Sie denken Terror hat keine Wirkung,.."
Dass ich das denke habe ich nie behauptet. Eine Wirkung koennen sie ja schon in meinem zuvohrigen Beitrag sehen:
Ich reagierte veraergert und emotional und behauptete, dass Taliban nur auf das Toeten von Menschen aus sind.
"denn viele Afghanen hassen uns ohnehin, weil wir nichts als Zerstörung gebracht haben und heute noch Zivilisten sterben"
Das gleiche gilt aber auch fuer Afghanen die ihre Familien oder Freunde durch Anschlaege verloren haben.
"Desweiteren haben wir wegen 3.000 Toten ein Land zerbombt"
Wann sollte die Nato denn eingreifen? 4000 Tote? 5000? Ich finde nicht dass die Nato das Boese in diesem Konflickt ist.
"und sie denken wir werden ihre Vorbilder."
Wo nehmen Sie das her?
Da die NATO das Land Afghanistan in 2014 in einem katastrophalen Zustand zurück lassen wird, frage ich frage mich, wie wird man, nach dem NATO Rückzug, mit den afganischen Flüchtlingen umgehen? Wenn bis jetzt dort ca. 500.000 Menschen, nach Amnesty International, umgesiedelt sind, was wird mit den Menschen, die die NATO folgen werden, passieren? Ist die UNO/EU/NATO auf diesem Exodus vorbereitet? Viele Menschen werden nicht mehr in einem Land, das von Taliban gesteuert wird, leben wollen.
Nach den bisherigen Erfahrungen mit den Taliban ist davon auszugehen, dass sie auf keinen Fall auf eine erneute Machtergreifung verzichten werden. Diese Terroristen warten nur auf den Moment, an dem sich die Nato aus Afghanistan zurückziehen wird. Ein Umdenken der Menschen in diesen desolaten Verhältnissen mit rückständiger "Wirtschaft", "Infrastruktur" und hohem Analphabetenanteil in der Bevölkerung zu demokratischen Verhältnissen dauert noch mindestens zwanzig Jahre, und dann ist die Situation immer noch nicht beständig.
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