Informationstechnik"Mit Cyber-Kriegen lassen sich geostrategische Ziele realisieren"

Die Möglichkeiten digitaler Kriege werden noch kaum verstanden, sagt Cyberwar-Forscher Sandro Gaycken. Was wir heute sehen, ist nur ein Schlagabtausch der Geheimdienste. von Ramon Schack

Steuerungsmodul einer bewaffneten US-Drohne

Steuerungsmodul einer bewaffneten US-Drohne (Air Force Base in Indian Springs, Nevada)  |  © Ethan Miller/Getty Images

ZEIT ONLINE: Google-Chef Eric Schmidt sagte kürzlich in einem CNN-Interview über Attacken in digitalen Netzen: "Die Iraner sind im Bereich der Cyberwarfare unglaublich talentiert, die Gründe dafür haben wir jedoch nicht verstanden." Stimmen Sie dem zu?

Sandro Gaycken: Offiziell ist hier relativ wenig über den Iran bekannt. Wie alle Länder hat Teheran Interesse an der Ausbildung solcher Fähigkeiten, im Juni 2011 wurde das auch offiziell verkündet. Das Land hätte wohl den notwendigen Grundstock an Ingenieuren und Programmierern. Aber wie weit diese Pläne sind, darüber ist öffentlich nichts bekannt. Mir sind aus dem Iran auch keine hoch qualifizierten Einbrüche in Computersysteme bekannt. Man muss bei Äußerungen von IT-Firmen daher sehr vorsichtig sein.

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Sandro Gaycken
Sandro Gaycken

forscht an der Freien Universität Berlin und ist Experte für Cyberwar und Hochsicherheits-Infrastrukturen. Er berät die Bundeswehr, das Bundesverteidigungsministerium und das Bundesministerium für Bildung und Forschung zum Thema Cyberkrieg und Cybersicherheit. Im April ist sein Buch Cyberwar – Das Wettrüsten hat längst begonnen im Goldmann Verlag erschienen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Gaycken: IT-Firmen verfolgen immer ihre eigene Agenda. Im gesamten Feld der Cybersecurity wird von dieser Seite vorrangig gelogen und betrogen, um Geschäftsmodelle zu befördern oder sie zu erhalten.

ZEIT ONLINE: Gibt es zur Zeit einen Cyber-Krieg zwischen dem Iran auf der einen und Israel und den USA auf der anderen Seite?

Gaycken: Im rechtlichen Sinne nicht. Dazu müssten erst größere Schäden entstehen. Im Moment erleben wir den üblichen Schlagabtausch zwischen den Nachrichtendiensten der Länder, die sich eben verstärkt der verfügbaren militärischen und zivilen Kapazitäten bedienen, um in gegnerische Systeme einzudringen.

Das ist eine normale Entwicklung. Sie korrespondiert mit der erhöhten Abhängigkeit der Länder von der Informationstechnik, das macht sie auf diesem Sektor verwundbar und angreifbar. Und zwar recht risikofrei und günstig für die Angreifer. Solche Phänomene militärischen Hackings werden wir in Zukunft in allen anderen Konflikten dieser Art beobachten.

ZEIT ONLINE: War der Absturz einer unbemannten US-Drohne über dem Iran auf einen Hackerangriff zurückzuführen?

Gaycken: Das wissen wir nicht, es ist aber möglich. Die US-Drohnen sind dafür bekannt, dass sie nicht vorrangig mit einbruchssicherer, sondern mit günstiger Technik ausgestattet sind. Zumindest hört man immer wieder Geschichten von Softwareproblemen, die das nahelegen. Im letzten Jahr etwa wurde Drohnen schon mal mit ganz normalen Computerwürmern verseucht. Das bedeutet, dass da eine mit Standardkomponenten angreifbare Technik eingebaut ist.

ZEIT ONLINE: Kann ein Cyberwar einen konventionellen Krieg ersetzen?

Gaycken: Nein, es braucht zum Krieg immer noch boots on the ground – Infanterie am Boden, wie die Amerikaner sagen. Man kann allerdings mit Cyber-Attacken interessante andere Strategien verfolgen. Im Krieg kann Cyberwar elektronische und informatische Systeme ausspionieren und manipulieren , in Friedenszeiten kann man damit etwa seine Wirtschaft durch Industriespionage oder Finanzmarktmanipulation stärken und Propaganda über soziale Netzwerke verbreiten. Auf diesem Wege lassen sich geostrategische Ziele realisieren. Das wäre dann eine andere Variante des Krieges. Außerdem kann man natürlich Macht demonstrieren.

ZEIT ONLINE: Welche Staaten kann man als Cyberwar -Großmächte bezeichnen?

Leserkommentare
  1. wurde auch darüber diskutiert.
    Insbesondere Michael Hayden (früher CIA) und Kapersky
    beurteilten die Situation ein wenig anders als Sandro
    Gayken.
    Besonders interessant fand ich die Warnung an die
    Dienste vor "Stuxnet und Co.", da man mit diesen seinen Gegner u.U. auch trainiert und geradezu anleitet in der Entwicklung derart "sophisticated weapons".
    Vielleicht war es ja der Lerneffekt durch ständige
    Cyberattacken Israels und der USA, die den Iran in
    die Lage versetzt haben, USDrohnen vom Himmel zu lenken :)

    • IzZo
    • 08. Februar 2012 19:55 Uhr

    schlampige Rechtschreibung...

    "Außerdem kann man man natürlich Macht demonstrieren."

    "In jüngster Zeit wurde Hacker-Angriffe von Individuen zu beobachtet, die sowohl in Israel als auch in der arabischen Welt große Schäden angerichtet haben."

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Wir haben die Fehler verbessert. Vielen Dank für den Hinweis.

  2. Super Interview. Der Mann spricht Klartext.

  3. Vermutlich wird sich auf diesem Gebiet der derzeitige EU - Internetlehrling und Ex Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg positionieren, um sich ein Alleinstellungsmerkmal in der CSU/CDU zu erarbeiten, mit dem er in die Politik zurückkehren kann. Seine amerikanischen Freunde würden sich darüber bestimmt freuen und Deutschland hätte ihn wieder, als Cybercommander der Rache an den Tortenwerfern nehmen wird.

  4. Redaktion

    Wir haben die Fehler verbessert. Vielen Dank für den Hinweis.

    Antwort auf "Gutes Interview..."
  5. "Steuerungsmodul einer bewaffneten US-Drohne (Air Force Base in Indian Springs, Nevada)"

    defintiv falsch! ich bin kein grosser programmierkünstler, aber dass man auf dem bild das chatprogramm mIRC und ein bild "viewer"...
    ich muss zwar sagen, dass die irc chatfenster und protokolle echt cool und "cyber"mässig aussehen, was aber an der tatsache nichts ändert, dass es sich um ein chatprogramm handelt (sogar um DAS tool, welches weltweit am häufigsten gratis genutzt wird, obwohl man es bezahlen sollte^^)

  6. Irgendwelche Kiddies von Anonymous legen eine Website lahm, die kurz darauf ja auch schon wieder funktioniert und in den Medien heißt es dann ein Krieg bricht los schmeissen alles mit allem in einen Topf und denken dann morgen fällt deswegen der Strom aus Bankautomaten funtkionieren nicht mehr und Autos fahren in den Graben.

    Das ist ein bisschen so das Niveau des Films Hackers, wo mit Tonaufnahmen Telefone überlistet werden bis hin zu bizarr dargestellten Einbrüchen in Industrieanlagen über das öffentliche Kommunikationsnetz. Ich dachte eigentlich wir hätten das in der 80gern hinter uns gelassen und es würde heute etwas professioneller zugehen auch in der medialen Darstellung dieser Themen.

    Wenn nicht immer nur Dokus übers dritte Reich kommen würden - Auschwitzkenntnis hin oder her - (wer sich bisher nicht dafür interessierte wird es wohl eh nicht tun und wir müssen uns damit auch mal abfinden)sondern auch mal über solche Themen, dann würden wir hier vielleicht auch mal dazu lernen.

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  • Schlagworte Börse | Drohne | Eric Schmidt | Informationstechnik | Iran | Israel
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