Derna am Mittelmeer könnte eine schöne Stadt sein. Doch ihr Potenzial liegt brach, seit fast zwei Generationen. Nahezu weißer Sandstrand und türkises Meer; das Hinterland, die "Grünen Berge" mit ihren uralten Olivenhainen, durchzogen von Blumenwiesen; direkt an der Küste, im Zentrum, ein prächtiger Markt: frisch geerntete Erdbeeren, Orangen, Zitronen, kistenweise Minze und Koriander. Doch das war es schon, die 85.000 Einwohner zählende Stadt im Osten Libyens besteht ansonsten aus gerade eben noch bewohnbaren Ruinen und in Schotter versinkenden Straßen.

1970 fand hier der erste Aufstand gegen Diktator Gaddafi statt. Ab diesem Moment setzte eine systematische Vernachlässigung und brutale Unterdrückung der Stadt ein. Es folgten weitere Aufstände, Massenverhaftungen und eine beispiellosen Radikalisierung der Bewohner. Derna wurde zur Bastion militanter Muslime. Und blieb es bis heute. Mansour al-Hasidi, Sprecher des lokalen Übergangsrates, sozusagen der Bürgermeister, lässt sich im Restaurant am Meer einen kräftigen Mokka servieren. "Um aufzuwachen," wie er mehrmals betont: "Ich habe vergangene Nacht stundenlang mit dem Premierminister über militärische Fragen verhandelt. Unsere Derna-Milizen werden immer dringender gebraucht. In Sirte, Kufra, Bani Walid. Sie verstehen etwas davon, wie man für Sicherheit sorgt. Wahrscheinlich mehr als sonst jemand in Libyen."

Al-Hasidi erfüllt in jeder Hinsicht das Klischee des Islamisten, im Aussehen genauso wie in der Sprache und Gestik: Wuchernder Vollbart, lange Robe, kaum Blickkontakt mit der Reporterin. Denn wohl ist dem 48-jährigen Scharia-Experten nicht bei dem Gespräch. Eine Frau ohne schwarzen Nikab, ohne angetrauten Mann, noch dazu in einem Lokal: In Derna kommt so etwas nicht vor.

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Seine Begleiter stellen al-Hasidi ehrfürchtig als Veteranen des Heiligen Krieges in Afghanistan vor. Die eigenen Terror-Erfahrungen will der Neu-Stadtvater allerdings ungern diskutieren, dafür aber jene seiner Milizen. "Dernas Milizen sind deshalb so gut trainiert, weil sie viel Erfahrung gesammelt haben: Beim Kampf gegen die USA in Afghanistan, vor allem aber im Irak. Und sie haben die besten Waffen."

Osama bin Ladens Gotteskrieger

Und sie haben einen Kommandanten, der sein Handwerk versteht und sie noch immer kontrolliert. Es ist ein Verwandter des Bürgermeisters: Abdul-Hakim al-Hasadi. Der 45-jährige kämpfte in Afghanistan vier Jahre lang Seite an Seite mit Osama bin Laden. Später rekrutierte er emsig Gotteskrieger für den Terrorkrieg gegen die USA im Irak. Hier in Libyen trainierte er die Rückkehrer – mutmaßlich – weiter.

80 Prozent aller Libyer, die im Irak kämpften, stammten aus Derna. Seit 2008 ist die Stadt auch auf dem Radar der US-Geheimdienste. Damals stürmten Soldaten das Quartier von Aufständischen im Nordirak. Papiere von über 600 Ausländern fielen ihnen in die Hände; 52 davon stammten aus einer einzigen libyschen Stadt: Derna. Auffällig war ein zweites Detail: Überproportional viele von ihnen – 90 Prozent dieser Männer aus Derna – hatten sich freiwillig für Selbstmordkommandos gemeldet.

Die überlebenden Irak-Veteranen aktivierte Abdul-Hakim al-Hasadi noch in der Nacht des Aufstands vom 17. Februar und bildete mit ihnen den Kern der berüchtigten Derna-Milizen, An Nour und Shuhada Derna nennen sich die zwei wichtigsten. Einige Hundert Kämpfer hat er seither offiziell unter Waffen. Die Terrorvergangenheit ihres Kommandanten alarmierte schon zu Beginn des Aufstandes die westlichen Unterstützer. "Wir hören, es gibt einen Milizen-Chef im Osten, der sich als Emir feiern lässt," so ein besorgter EU-Diplomat im Februar 2011.