Migranten aus Pakistan in der Stadt Nea Vissa im Nordosten Griechenlands nahe der türkischen Grenze © ANGELOS TZORTZINIS/AFP/Getty Images

Die deutsche Angst stirbt aus. Nie zuvor etwa war die Furcht vor steigenden Arbeitslosenzahlen so gering wie heute. Auch die Intensität anderer Ängste nimmt ab. Im Durchschnitt sind die Werte so niedrig wie seit zehn Jahren nicht. Nun ist normalerweise in Deutschland die Stimmung mieser als die Lage. Aber zum Auftakt der Münchner Sicherheitskonferenz in diesem Jahr ist es andersherum.

Offenbar sind die Frühwarnsysteme kaputt. Denn 2012 wird für Deutschland und Europa ein strategisches Schicksalsjahr. Die vier entscheidenden Stichworte sind: Arabellion , Flüchtlinge , Iran , USA . Das klingt wie politischer Alltag – und könnte doch in eine realpolitische Krise münden, deren Dimensionen kaum zu überschätzen sind.

Der Arabische Frühling gebar einen islamischen Herbst. In Tunesien und Ägypten haben zum Teil radikale muslimische Parteien die Wahlen gewonnen. In Marokko , Libyen und – wer weiß? – vielleicht demnächst sogar in Syrien dürfte es zu einer ähnlichen Entwicklung kommen. Demokratie allein garantiert eben noch keinen zivilen Fortschritt. Sie muss begleitet sein von Gewaltenteilung, Freiheitsrechten, Liberalität. Andernfalls bedroht die Mehrheit der Masse den Schutz von Minderheiten.

Europa steht vor einer Flüchtlingswelle

Viele Christen in der Region, vom Irak bis Ägypten, sind bereits auf der Flucht oder sitzen auf gepackten Koffern. Auch säkulare Bürgerrechtler sehen ihre Hoffnungen, die sie mit dem Sturz der Despoten verbunden hatten, rasant schwinden. Zuletzt dürften die postrevolutionären Wirtschaftskrisen, bei erneut steigender Arbeitslosigkeit, den Auswanderungswillen bei Geschäftsleuten und Fachkräften erhöhen.

Europa steht folglich vor einer Flüchtlingswelle. Armut, Gewalt, Not, Analphabetismus und Perspektivlosigkeit – wem nur noch das nackte Leben geblieben ist, das er verlieren kann, handelt nach dem Motto der Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Mehrere Zehntausend Menschen haben im vergangenen Jahr versucht, vom Maghreb über das Mittelmeer den alten Kontinent zu erreichen.

Viele starben dabei, unter ihnen auch Hungerflüchtlinge aus Äthiopien, Eritrea , Somalia, Djibuti. Und in Europa sind seit Schengen die Grenzen zwischen Warschau und Lissabon offen. Ein Gaddafi ließ sich mit Millionenbeträgen bestechen, um Ruhe zu haben vor den Unruhigen. Doch so einfach und billig ist es künftig nicht mehr. Der Schuldenkrise folgt die Flüchtlingskrise, langsam, aber sicher.