Protest in ÄgyptenDemonstrant mit Gummigeschoss getötet

In Kairo entlädt sich der Zorn über die 74 Toten von Port Said weiter auf der Straße. Bei Protesten gegen Polizei und Militärrat starben mehrere Menschen.

Demonstranten in Kairo

Demonstranten in Kairo

Ägypten kommt nicht zur Ruhe: Auch am zweiten Tag nach den Krawallen im Fußballstadion von Port Said treibt der Zorn auf den Militärrat Tausende Menschen auf die Straßen. Die Gewalt wächst. In der Hauptstadt Kairo, wo durch Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei am Donnerstag bereits 60 Polizisten und 900 Zivilisten verletzten worden waren, bleibt die Lage angespannt.

In der Nähe des Innenministeriums starb am Morgen ein Demonstrant, als ihn ein Gummigeschoss traf, Hunderte seien verletzt worden, berichtete der Nachrichtensender Al-Arabija. Nach dem Freitagsgebet kam es wieder zu Auseinandersetzungen mit den Einsatzkräften. Demonstranten warfen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein. Für das Wochenende haben revolutionäre Jugendgruppen unter dem Motto "Freitag des Zorns" zu weiteren Massenprotesten aufgerufen. Die staatliche Seite Ahram Online berichtete, auch ein Armeeangehöriger sei bei den Zusammenstößen getötet worden. Zwei Demonstranten erstickten nach Angaben von Ärzten an Tränengas.

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Derweil stürmten Menschen ein Gebäude der Steuerbehörde in Kairo. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen flogen Brandbomben. Die Eindringlinge hätten Möbel und Akten zerstört, hieß es. Die Polizei habe Instruktionen erhalten, im Umgang mit den Randalierern zurückhaltend zu sein. Daran hätten sich die Beamten auch gehalten, obwohl bei den jüngsten Unruhen 138 Polizisten verletzt worden seien.

Ausschreitungen in der Nacht

Durch Ausschreitungen in Suez waren bereits in der Nacht zwei Menschen gestorben und viele verletzt worden. Aktivisten sagten, die Polizei habe dort willkürlich in die Menge geschossen, als Demonstranten versuchten, die örtliche Polizeistation zu stürmen. Die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtete, Zivilisten hätten verhindert, dass Plünderer in die Filiale einer ausländischen Bank in der Stadt eindringen.

Viele Ägypter glauben, die Übergriffe im Stadion der Mittelmeerstadt seien von bezahlten Schlägertrupps provoziert worden. Dahinter vermuten sie die noch immer herrschende Militärregierung: Sie wolle die Revolution in Verruf bringen, Chaos im Land säen und sich so trotz des eingeleiteten demokratischen Wandels weiter an der Macht halten. Auch gegen die Polizei richtet sich die Wut der Massen; sie sei bei den Krawallen nach dem Fußballspiel untätig geblieben, statt die Gewalt zu verhindern.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen griffen Unbekannte in der Nacht auf der Sinai-Halbinsel eine Polizeiwache mit Panzerfäusten, automatischen Waffen und schultergestützten Flugabwehrraketen an. Bewohner der Region vermuteten, dass es sich um einen Racheakt handelte. Am Mittwoch waren an einer Straßensperre in dem Bezirk Nachel, in dem die Polizeistation liegt, zwei junge Männer erschossen worden.

Ägyptische Kommentatoren hatten in den vergangenen Tagen jedoch darauf hingewiesen, dass die Polizei, der für ihr brutales Vorgehen bei den Massenprotesten gegen den Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak vor einem Jahr der Zorn der Bevölkerung entgegenschlägt, verunsichert sei. Die Polizisten wüssten nicht mehr, was von ihnen erwartet werde.

Nach den Ereignissen von Port Said hatte die Polizei 53 Verdächtige festgenommen. Menschenrechtler sprachen am Freitag von "willkürlichen Festnahmen". Viele der angeblichen Aufrührer seien unschuldige Jugendliche. Die Menschenrechtler forderten die Staatsanwaltschaft zudem auf, in dem gleichen Verfahren gegen den Vorsitzenden des Obersten Militärrates, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Innenminister Muhammed Ibrahim und Ministerpräsident Kamal al-Gansuri sowie fünf weitere Funktionäre zu ermitteln.

Zwar gab der von den Streitkräften ernannte Ministerpräsident erste personelle Konsequenzen gegen Sicherheitsverantwortliche bekannt. Zur Enttäuschung vieler Parlamentarier entließ die Regierung den Innenminister jedoch nicht. Das Parlament will binnen einer Woche die genauen Umstände des Blutvergießens klären lassen.

 
Leserkommentare
    • Kiira
    • 03.02.2012 um 14:53 Uhr

    Wenn die Ägypter ähnliche Anti-Riot-Waffen wie die Israelis einsetzen - und dieser Todesfall deutet darauf hin - dann ist "Gummigeschoss" ein Euphemismus.

    Was hier immer so harmlos als "Gummigeschoss" bezeichnet wird, sind in Wahrheit mit Hartplastik ummantelte Stahlgeschosse. Die Verletzungen sind auf kurze Distanz schlimmer als bei normaler Munition. Statt eines glatten Durchschusses zertrümmern die "Gummigeschosse" die Knochen. In der Folge kommt es oft zu Amputationen von Händen und Füßen. Oft auch bei Kindern und Jugendlichen.

    Bitte mehr journalistische Sorgfalt!

    2 Leserempfehlungen
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    Wenn Sie der Zeit Redaktion hier mangelnde Sorgfalt vorwerfen, dann geben Sie doch bitte zunächst einmal eine Quelle für ihre These an, die Ägypter verwendeten die gleiche Munition wie Israelis.

    Auch ein "normales" Hartgummigeschoss kann bei einem Treffer gegen den Kopf tödliche Folgen haben. Wer Sorgfalt fordert, sollte bei sich anfangen.

    Wenn Sie der Zeit Redaktion hier mangelnde Sorgfalt vorwerfen, dann geben Sie doch bitte zunächst einmal eine Quelle für ihre These an, die Ägypter verwendeten die gleiche Munition wie Israelis.

    Auch ein "normales" Hartgummigeschoss kann bei einem Treffer gegen den Kopf tödliche Folgen haben. Wer Sorgfalt fordert, sollte bei sich anfangen.

  1. Wenn Sie der Zeit Redaktion hier mangelnde Sorgfalt vorwerfen, dann geben Sie doch bitte zunächst einmal eine Quelle für ihre These an, die Ägypter verwendeten die gleiche Munition wie Israelis.

    Auch ein "normales" Hartgummigeschoss kann bei einem Treffer gegen den Kopf tödliche Folgen haben. Wer Sorgfalt fordert, sollte bei sich anfangen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Gummigeschoss??"
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    • Kiira
    • 03.02.2012 um 22:55 Uhr

    Dass die Ägypter die selben Plastik/Stahl-Geschosse verwenden wie die Israelis ist nicht meine These, sondern meine Vermutung bzw. meine Befürchtung aufgrund der aktuellen Berichte.

    Seit über 20 Jahren, seit der ersten Intifada 1987, werden diese auf kurze Distanz tödlichen Geschosse in der westlichen Presse verharmlosend als "Gummigeschosse" bezeichnet. An diesen "Gummigeschossen" ist kein Stück Gummi. Es handelt sich um etwa 1 cm lange Stahl-Zylinder, die von ca. 1mm Hartplastik umgeben sind. Auf Distanz hinterlassen die Geschosse z. B. im Brustbereich schwere Hämatome und Prellungen. Auf kurze Distanz durchschlagen sie leicht die Schädeldecke oder zermatschen Arm- und Beinknochen von Kindern.

    Dass diese Geschosse seit Jahrzehnten unhinterfragt als "Gummigeschosse" bezeichnet werden, ist meiner Ansicht nach kein Zeichen von journalistischer Sorgfalt - egal von wem diese Waffen eingesetzt werden.

    • Kiira
    • 03.02.2012 um 22:55 Uhr

    Dass die Ägypter die selben Plastik/Stahl-Geschosse verwenden wie die Israelis ist nicht meine These, sondern meine Vermutung bzw. meine Befürchtung aufgrund der aktuellen Berichte.

    Seit über 20 Jahren, seit der ersten Intifada 1987, werden diese auf kurze Distanz tödlichen Geschosse in der westlichen Presse verharmlosend als "Gummigeschosse" bezeichnet. An diesen "Gummigeschossen" ist kein Stück Gummi. Es handelt sich um etwa 1 cm lange Stahl-Zylinder, die von ca. 1mm Hartplastik umgeben sind. Auf Distanz hinterlassen die Geschosse z. B. im Brustbereich schwere Hämatome und Prellungen. Auf kurze Distanz durchschlagen sie leicht die Schädeldecke oder zermatschen Arm- und Beinknochen von Kindern.

    Dass diese Geschosse seit Jahrzehnten unhinterfragt als "Gummigeschosse" bezeichnet werden, ist meiner Ansicht nach kein Zeichen von journalistischer Sorgfalt - egal von wem diese Waffen eingesetzt werden.

  2. "In Kairo entlädt sich der Zorn über die 74 Toten von Port Said weiter auf der Straße."

    Wenn ich es richtig verstanden habe, tragen die Aggressoren, also die Prügler und Totschläger aus dem Stadium, ihre Wut über die eigene Aggression nun auf die Straße. Ist das nicht irgendwie krank? Suchen und brauchen die den Kick einer tödlichen Randale? Wird hier evtl. das Toben des Mobs als edel-wohlmeinende Freiheitsbewegung missverstanden?

  3. FouadMD Fouad, MD
    #Egypt football star Abu Treika says an Ahly fan's last words to him before dying were "All my life I wanted to meet you Captain". #PortSaid
    vor 1 Stunde

    • Kiira
    • 03.02.2012 um 22:55 Uhr

    Dass die Ägypter die selben Plastik/Stahl-Geschosse verwenden wie die Israelis ist nicht meine These, sondern meine Vermutung bzw. meine Befürchtung aufgrund der aktuellen Berichte.

    Seit über 20 Jahren, seit der ersten Intifada 1987, werden diese auf kurze Distanz tödlichen Geschosse in der westlichen Presse verharmlosend als "Gummigeschosse" bezeichnet. An diesen "Gummigeschossen" ist kein Stück Gummi. Es handelt sich um etwa 1 cm lange Stahl-Zylinder, die von ca. 1mm Hartplastik umgeben sind. Auf Distanz hinterlassen die Geschosse z. B. im Brustbereich schwere Hämatome und Prellungen. Auf kurze Distanz durchschlagen sie leicht die Schädeldecke oder zermatschen Arm- und Beinknochen von Kindern.

    Dass diese Geschosse seit Jahrzehnten unhinterfragt als "Gummigeschosse" bezeichnet werden, ist meiner Ansicht nach kein Zeichen von journalistischer Sorgfalt - egal von wem diese Waffen eingesetzt werden.

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