Nach den heftigen Krawallen mit mindestens 71 Toten und rund 1000 Verletzten bei einem Fußballspiel in der nordägyptischen Stadt Port Said werden Fragen nach einem politischen Hintergrund laut. Der regionale Parlamentsabgeordnete der Muslimbruderschaft, Albadri Farghali, machte Anhänger des ehemaligen Machthabers Hosni Mubarak für die Gewalt verantwortlich. Die Sicherheitskräfte hätten die Zusammenstöße zu verantworten oder sie mindestens geduldet. "Der Kopf des Regimes ist gefallen, aber seine Männer sind noch in ihren Positionen."

Viele Ägypter misstrauen dem herrschenden Militärrat, dessen Chef Mohammed Hussein Tantawi zwei Jahrzehnte lang unter Mubarak als Verteidigungsminister gedient hatte. Die Muslimbruderschaft rief den regierenden Rat auf, alle Maßnahmen zum Schutz der Menschen in Ägypten zu ergreifen. Zudem müsse untersucht werden, welche Verantwortung die Polizei an der Eskalation trage. Der Chef der Sicherheitskräfte in Port Said, Essam Samak, wurde inzwischen seines Amtes enthoben. Wie das staatliche Fernsehen berichtete, bezogen Soldaten in Port Said Stellung, um weitere Krawalle zu verhindern.

Die Unruhen waren gegen Ende der Partie zwischen Al-Ahli und der Heimmannschaft Al-Masri ausgebrochen, als Fans von Al-Ahli Anhänger des Gastgebers beschimpften. Nachdem ein Fan mit einer Eisenstange bewaffnet auf den Rasen lief, stürmte die Menge den Platz. Viele Menschen wurden totgetrampelt oder erdrückt.

"Es gibt viel Hass"

Spieler von Al-Ahli sagten lokalen Medien, die Sicherheitskräfte hätten nichts unternommen, um sie zu schützen. Al-Ahlis Trainer Manuel José sagte dem portugiesischen TV-Sender SIC: "Die Schuld hat einzig und allein die Polizei. Es waren Dutzende im Stadion, aber die waren plötzlich alle verschwunden oder haben gar nichts unternommen." Kotrainer Oscar Elizondo sprach von politisch gefärbter Gewalt. "Es gibt viel Hass", sagte er. Das Verhalten der Polizei bezeichnete er als Schande: "Es gab 3.000 Polizisten, und wohl niemand wurde verhaftet." Spieler und Trainer seien in "Militärfahrzeugen, die wie Kriegspanzer aussahen", aus dem Stadion gebracht worden.

Noch in der Nacht protestierten Hunderte gegen den regierenden Militärrat, dem sie die Schuld an den Ausschreitungen zuschreiben. Vor dem Bahnhof in Kairo versammelte sich eine Menschenmenge, um die aus Port Said zurückkehrenden Verletzten in Empfang zu nehmen. Auch in Port Said kamen Hunderte zusammen und machten vor dem Gelände des Vereins Al-Ahli ihrem Ärger über den Militärrat Luft. Für Donnerstag kündigten Aktivisten bereits eine Großdemonstration vor dem Innenministerium in Kairo an.

Das neu gewählte ägyptische Parlament trat am Donnerstag in Kairo zu einer Krisensitzung zusammen: Parlamentssprecher Saad Tawfik Al-Katatny nannte die Ausschreitungen ein "Massaker". Sein Vorschlag, die Sitzung nicht im Fernsehen zu übertragen, löste eine heftige Debatte im Plenum aus und wurde abgelehnt. 

Ausschreitungen inszeniert?

In verschiedenen ägyptischen Medien kamen Spekulationen auf, der Vorfall könne vom Militärrat inszeniert worden sein, um ein Fortbestehen der Militärherrschaft zu rechtfertigen. Der sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Ziad El-Elaimy sagte laut der Nachrichtenseite The Egypt Independent in einem Fernsehinterview: "Was passiert ist, kann kein Zufall sein. Dieses Massaker und drei bewaffnete Raubüberfälle passierten nur einen Tag nachdem der Innenminister versucht hat, das Parlament davon zu überzeugen, wie wichtig es sei, den Ausnahmezustand aufrecht zu erhalten."

Die Bewegung des 6. April, die mit ihren Massenprotesten vor einem Jahr den Sturz Mubaraks herbeigeführt hatte, machte die herrschenden Generäle für das Blutvergießen verantwortlich. Sie verursachten Chaos, um die Ägypter davon zu überzeugen, dass das Land ohne den Militärrat nicht zu regieren sei. Die Jugendbewegung fragte: "Ist es logisch, dass der Militärrat für gewaltfreie Wahlen sorgen, aber ein Fußballspiel nicht absichern konnte?"