Saudi-ArabienTwittern gegen Allah und den Propheten
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Öffnung des Landes geht Konservativen zu weit

Was seine Gegner noch mehr ärgerte und das Fatwa-Komitee, eine Versammlung der höchstrangigen Theologen des Landes, dazu veranlasste, seine Tweets als Apostasie zu beurteilen, war folgendes Zitat: "An Deinem Geburtstag werde ich mich nicht vor Dir verbeugen und nicht Deine Hand küssen. Stattdessen werde ich sie schütteln, wie Gleichgestellte es tun. Und ich werde Dich anlächeln, wie Du mich anlächelst. Ich werde zu Dir wie zu einem Freund sprechen und nicht anders."

Anonymous fordert Freilassung

Das offizielle Saudi-Arabien ist derweil um Deeskalation bemüht. Ein Mitglied des Fatwa-Komitees betonte im arabischen Kanal der BBC, über Kashgari habe ein Gericht zu urteilen. Dass der zerbrechlich wirkende junge Mann inzwischen Reue bekundet und seine Liebe zum Islam öffentlich beteuert hat, ließ der Religionsgelehrte nicht gelten. Nur das Gericht könne darüber befinden, ob diese Reue echt sei.

Es gibt aber auch eine Gegenbewegung im Internet. Sie fordert, beispielsweise auf Facebook , seine Freilassung . Diese Gruppe hat bisher 8.000 Unterstützer gefunden. Die Aktivisten-Gruppe Anonymous kämpft ebenfalls für die Freilassung und rief dazu auf, an der Demonstration vor der saudischen Botschaft in Berlin teilzunehmen.

Ebenfalls unterstützt wird Kashgari, der bis vor Kurzem Kolumnist der saudischen Zeitung Al-Bilad war, von saudischen Aktivisten und Intellektuellen. Prominenteste Stimme ist Dschamal Khaschogdschi, ein unbequemer saudischer Journalist, der nicht selten im Clinch mit dem herrschenden Königshaus lag. "Es ist verrückt. Dieser Grad an Intoleranz", zitiert ihn das Wall Street Journal . "Ich denke, es hat die Stufe einer Krankheit erreicht in Saudi-Arabien. Es ist eine Kultur des Hasses".

Stellvertreterkrieg

Khaschogdschdi sieht im Fall Kashgari einen Stellvertreterkrieg. Eigentlich geht es um einen größeren Konflikt zwischen einer extremistischen und einer eher gemäßigten Auslegung der Scharia in Saudi-Arabien. Die vorsichtige Öffnung des Landes unter König Abdullah ibn Abdel Asis scheint den konservativen Kräften zu weit zu gehen. Der König ließ Kommunalwahlen zu – die ersten Wahlen dort überhaupt. Und er unterstütze die Ausstellung Roads of Arabia , die Exponate aus vorislamischer Zeit in westlichen Metropolen präsentierte. Vielen hoffen seither, das Land würde seine kulturelle und politische Abschottung ein wenig lockern.

Doch die Angst vor den sogenannten Liberalen und Laizisten scheint in Saudi-Arabien größer zu sein, als sie im Westen wahrgenommen wird. Unfreiwillig treffend fasst der Beitrag eines Mitglieds der Anti-Kashgari-Gruppe auf Facebook diese Angst zusammen: "Heute twittert er, was er möchte. Aber das ist nur der erste Schritt. Wenn wir Hamza zu spät vor Gericht stellen, werden bald 1.000 neue Hamza erscheinen."

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Leserkommentare
  1. Jemand klärt die Welt über Massenmorde an Zivilisten durch das amerikanische Militär auf: das ist Pflicht jedes Menschen, der davon erfährt. Ein Verbrechen ist es, diese Informationen für sich zu behalten.
    Gegen die tiefreligiösen Gefühle einer ganzen Kultur zu verstoßen, ist zwar kein Verbrechen, aber relativ viel schlimmer.
    Das sind Selbstverständlichkeiten und sollten von jedem verstanden werden, der verstehen will.

  2. Gebt mal auf Youtube "Kashgari" ein und schaut euch an, was im ersten Video übersetzt wird.

    (Saudi Sheikh weeping as he demands that Saudi Columnist Hamza Kashgari gets executed)

  3. Eigentlich hätte ich mir neue Erkenntnisse über die Rolle von Interpol bei der Auslieferung Hamza Kashgaris von Malaysia nach Saudi-Arabien erhofft. Zum ganzen Rest ist der Telepolis-Artikel vom 14.2. informativer http://www.heise.de/tp/ar... oder der aus dem Guardian http://www.guardian.co.uk... vom 10.2.
    Immerhin etwas, daß Hamza Kashgari von Der Zeit nicht ganz und gar 'prominent ignoriert' wird. Unerklärlich ist mir, warum seitens ZO nicht mehr spürbare Solidarität mit einem Kollegen gezeigt wird, bzw. der Meinungs- und Pressefreiheit so wenig Nachdruck gilt.

    Interessant zu lesen fand ich die Position von Sheikh Ali Gomaa, dem ägyptischen Großmufti http://www.thenational.ae... und die Meinung von Richard Cohen http://www.washingtonpost...

    Mir ist nicht klar, was an den 3 Tweets (s.link zu Telepolis) eigentlich 'blasphemisch' sein soll. Ich hatte den Islam immer als Monotheismus verstanden, der Prophet war ein Mensch. Genau das bringen die 3 Tweets zum Ausdruck, nichts daran empfinde ich als respektlos oder gar als 'blasphemisch'.

    Hier http://www.change.org/pet... eine Petition zum online unterschreiben, die um seine Entlassung ersucht und facebook 'Save Hamza Kashgari' http://www.facebook.com/S...

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    "Ich hatte den Islam immer als Monotheismus verstanden, der Prophet war ein Mensch."
    Ja, die Sichtweise der intelligenten westlichen Welt. Wir werden alle Brüder.
    Intelligence meets religion.
    Wer obsiegt?
    Erst einmal bleibt festzustellen: Falsch gedacht, falsch verstanden. Die erste, die einzige Enttäuschung bisher?
    Andere waren/ sind da aufgeklärter.

    hier nochmals:

    Hier http://www.change.org/pet... eine Petition zum online unterschreiben, die um seine Entlassung ersucht und facebook 'Save Hamza Kashgari' http://www.facebook.com/S...

    • aichbus
    • 24. Februar 2012 20:18 Uhr

    Bester Kommentar ever! Gerade beim Thema Islam kommen bei Zeitonline oft nur 1 von 3 Beiträgen durch. Der Rest wird zensiert. Finde auch, dass das einer Demokratie unwürdig ist.

    Antwort auf "Und ich Simpel dachte"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wurden immer Möglichkeiten gefunden, und sei es auch nur für kurze Zeit, die Systemwächter kurzfristig zu überwinden. Ich wünschte mir die Zeiten zurück, als man in Deutschland noch freie Kommentare zu JEDEM Thema abgeben konnte, mein Traum heute heißt Speakers Corner/ Hyde Park bei Zeit online. Utopia.

  4. verantwortlich gemacht wird, es geht um die Instrumentalisierung von Religion zum Machterhalt,
    wie das auch in anderen Religionen vorkommt.
    Dementsprechend hat sich der GroßMufti von Ägypten,
    im TV folgendermaßen zu Hamza Kashgari
    geäußert "Wir töten unsere jungen Leute nicht,
    wir reden mit ihnen"
    www.thenational.ae/news/u...

    Islam ist nicht gleich Islam, Judentum nicht gleich Judentum,
    Christentum nicht gleich Christentum...nur zur Erinnerung.

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    Der einzige Sinn hinter Religion ist immer einzig und allein der Machterhalt. Von einer Instrumentalisierung der Religion zum Machterhalt zu sprechen ist gleichbedeutend mit einer Instrumentalisierung eines Hammers zum hämmern.

  5. In unserer Kultur gilt die "Rübe ab"-Ideologie mit Recht als verfemt - selbst wenn es sich um zehn mal schlimmere "Verfehlungen" handelt als die, deren sich Kashgari "schuldig" gemacht hat. Die Verhältnisse in Saudi-Arabien werden wir zwar so leicht nicht ändern können. Aber wir sollten das Nötige dafür tun, dass sich solche Ideologie nicht auch noch bei uns breit macht. Null Toleranz für Intoleranz!

  6. wurden immer Möglichkeiten gefunden, und sei es auch nur für kurze Zeit, die Systemwächter kurzfristig zu überwinden. Ich wünschte mir die Zeiten zurück, als man in Deutschland noch freie Kommentare zu JEDEM Thema abgeben konnte, mein Traum heute heißt Speakers Corner/ Hyde Park bei Zeit online. Utopia.

    Antwort auf "Sehr gut!"
    • sjdv
    • 24. Februar 2012 20:52 Uhr

    ...ist hier fehl am Platz. Es sollte "Ermordung" heißen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo sjdv,
    .
    Zitat: "Das Wort "Hinrichtung"... ...ist hier fehl am Platz. Es sollte "Ermordung" heißen."
    .
    Das klingt so, als sei eine Hinrichtung etwas, was man rechtfertigen könne!?

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  • Schlagworte Saudi Arabien | Allah | Blogger | Facebook | Mohammed | Ottawa
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