Saudi-ArabienTwittern gegen Allah und den Propheten

Ein saudischer Blogger provoziert mit blasphemischen Botschaften Proteststürme im Internet. Aber auch eine Solidaritätsbewegung hat sich gebildet. von Nader Alsarras

Der Protest hat die Online-Sphäre verlassen: Vor der saudischen Botschaft in Berlin fand an diesem Freitag eine Kundgebung statt, wenn auch eine sehr kleine. Und auch vor den Botschaften Saudi-Arabiens im kanadischen Ottawa und in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington DC wollen an diesem Wochenende Menschen demonstrieren.

Es geht um die drohende Hinrichtung des saudischen Bloggers und Journalisten Hamza Kashgari. Der 23-jährige Mann ist vor einigen Tagen festgenommen worden, weil er über seinen Twitter-Account Gedanken veröffentlicht hatte, die in den Augen vieler Gläubiger Gott und den Propheten Mohammed beleidigen. In Saudi-Arabien ist das ein Vergehen, das mit dem Tod bestraft werden kann. Als Kashgari das klar wurde, wollte er über Malaysia nach Neuseeland fliehen. Doch die malayischen Behörden nahmen ihn am Flughafen fest und lieferten ihn trotz internationaler Proteste an Saudi-Arabien aus.

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Im Internet hatte sich an diesem Fall eine regelrechter Glaubenskrieg entzündet. Auf der einen Seite stehen die selbsternannten Glaubenswächter, die Kashgaris Hinrichtung verlangen. Auf der anderen Seite: Menschenrechtsaktivisten und NGOs, westliche Journalisten und Regierungen, die sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freilassung des Bloggers einsetzen.

"Dem Gesindel die leeren Köpfe abschneiden"

Die Zahl von Menschen, die auf Facebook und Twitter seine Bestrafung fordern , ist beunruhigend groß. Über 27.000 Mitglieder zählt die Facebook-Gruppe mit dem programmatischen Namen: "Das saudische Volk fordert die Bestrafung Hamsa Kashgari". Auch wenn wenige es explizit ausdrücken: Mit "Bestrafung" ist offenbar die Exekution gemeint.

Die Mitglieder dieser Gruppe lassen ihren Gewaltfantasien freien Lauf: Ein User zeigt das Bild eines Schwertes, das dem Propheten gehört haben soll . Dazu wird der Wunsch formuliert, Kashgari und dem "gleichgesinnten Gesindel die leeren Köpfe abzuscheiden". Die Sätze des Bloggers sehen die Mitglieder der Gruppe als schwere Beleidigung des Propheten, als Apostasie. Und das ausgerechnet in Saudi-Arabien, dem Land mit der weltweit strengsten und konservativsten Auslegung der islamischen Scharia.

Mit dem Propheten auf Augenhöhe

Aus säkularer Perspektive scheint das, was Kashgari geschrieben haben soll, harmlos, ja beinahe banal. Aus diesem Blickwinkel ist es schwer nachzuvollziehen, warum der Vorgang tagelange die arabischen und internationalen Medien beschäftigt und so heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Laut der Zeitung The Daily Beast soll Kashgari ein imaginäres Zwiegespräch mit Mohammed getwittert haben. Darin heißt es: "An Deinem Geburtstag werde ich sagen, dass ich den Rebellen in Dir geliebt habe, dass Du mir immer eine Quelle der Inspiration warst und dass ich Deinen göttlichen Heiligenschein nicht mag. Ich werde Dich nicht preisen."

Leserkommentare
  1. 33. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie die Netiquette. Kritik an der Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Danke. Die Redaktion/vn

    Antwort auf "Aber immerhin"
    • kyon
    • 24. Februar 2012 22:51 Uhr

    Man sollte gar nicht so sehr Saudi-Arabien allein(!) kritisieren.

    Wie wäre es wohl dem jungen Mann als freiem Mann auf der Straße in irgendeinem beliebigen islamischen Land ergangen?
    Und wie in einem westlich geprägten Land? Wäre er da etwa vor islamischen Verfolgern sicher gewesen?
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen und belegen Sie Ihre Aussagen mit seriösen Quellen. Danke. Die Redaktion/vn

  2. Vieleicht liege ich falsch, aber immer wenn man dem aufgestachelten menschlichen Mob in die Augen schaut, fehlt mir der göttliche Funke, sondern erkennbar werden niedere Triebe, Wünsche und Begierden offenbar.

    Dies als ein Extrem bei Verbrennungen von Staatsfahnen, Bombenanschlägen, Urinieren auf Tote,...

    Als anderes Extrem die kaltblütige Ermordung, Verfrachtung von Gefangen, usw.

    Historisch haben sich weder die Christen (Kreuzritter) noch die Islamisten (Mauren) bis nach dem Mittelalter humanitär mit Ruhm bekleckert.

    Global betrachtet erscheinen mir derzeit die radikalen Verfechter in den drei Religionen Judentum, Christentum und der Islam zu einem tolaranten Miteinander nicht fähig oder gewillt.

    Allen Religionen, der fünf Weltreligionen (mit Unterströmungen), sowie die sonstigen Religionen, einschliesslich den Naturreligionen, liegt der universelle Glaube an eine "geistige Welt" zugrunde. Hernach wird zwischen monotheistischen und politheistischen Religionen unterschieden.

    Sollte der Buddhismus recht haben, ist das Leben nur Illusion und unser Körper, Seele, Ich,..., lediglich eine irdischer Gauklerpuppe/Abbild der geistigen Realität.

    Wie auch immer, man suche aus, 40 Jungfrauen im Paradies ohne Ehefrauen; im Grabe liegen bleiben bis zum jüngsten Tag; Selbsterlösung durch Überwindung der Leiden und des Rades der Wiedergeburt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TomFynn
    • 24. Februar 2012 23:15 Uhr

    wenn man das Leben und damit andere Menschen nur als Illusion betrachtet, kann man schlecht humanitär tätig werden. Wenn der Wille des unsichtbaren Freundes wichtiger ist, als andere Menschen, genau dann sieht man das, was man jetzt sieht: den göttlichen Funken. Oder besser, den göttlichen Molotov-Cocktail.

    Wenn man sich was aussucht, dann sollte man sich die Realität aussuchen. Und nicht Märchen aus dem Eisenzeitalter.

  3. Saudi Arabien ist einer der Topfinanzierer von Moscheen weltweit, auch in Deutschland. Und von Koranschulen. [...]
    Keine Finanzierung religiöser Einrichtungen mehr aus Staaten ohne Religionsfreiheit.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    • TomFynn
    • 24. Februar 2012 23:15 Uhr

    wenn man das Leben und damit andere Menschen nur als Illusion betrachtet, kann man schlecht humanitär tätig werden. Wenn der Wille des unsichtbaren Freundes wichtiger ist, als andere Menschen, genau dann sieht man das, was man jetzt sieht: den göttlichen Funken. Oder besser, den göttlichen Molotov-Cocktail.

    Wenn man sich was aussucht, dann sollte man sich die Realität aussuchen. Und nicht Märchen aus dem Eisenzeitalter.

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    Schlimm ist heutzutage, dass man versucht mit Begriffen etwas zu vermitteln und jeglicher Begriff als Wort zu keiner Verständigung führt.

    Dies nannte man einstmal babylonische Sprachverwirrung.

    Buddhistisch ist das gegenwärtige physiche Leben maya und somit Illusion (ein Spiegel), jedoch hat jede Handlung im gegenwärtigen Leben auch Auswirkungen auf das nachfolgende Leben.

    Zwar schimpfe ich oft für die Zensur der Zeit, jedoch ..., vermisse ich auch Umgangsformen und Höflichkeit, selbst wenn man anderer Meinung ist.

    Habe ich sich richtig verstanden,..., Ihre Aussage verstehe ich derart,..., ich achte Ihren Beitrag und bitte Sie, mir im Verständnis zu helfen,...

    Besondere Zurückhaltung sollten Diejenige äussern, welche nichteinmal bereit sind, sich vor einem kritischen Posting der einfachsten Recherche im Internet zu bemühen.

    Gester war eine Diskussion über die Generation Internet in der Zeit. Tenor war, dass der Nachwuchs weder einen Dreisatz noch mittlere mathematisch Berechungen lösen kann.
    Antwort war, wir berechnen lieber kompliziertes per Computer.

    Bleibt nur festzustellen:

    "Wer den Weg nicht kennt, für den ist jeder Weg zuweit"

    Als Bildnis:
    Zum Glück haben wir Regestrierkassen in Supermärkten, sonst könnten wir demnächst Stunden in der Schlange vor der Kasse stehen.

  4. Dieser Fall und auch die Sache mit den Protesten wegen Koranverbrennung zeigen mir letztlich nur eins:

    1. Wir können diesen Menschen nicht helfen. Versuchen wir es, werden sie uns verdammen und selber noch weiter in die Fänge der Religion getrieben. Wir müssen einfach hoffen, dass ihnen irgentwann das gelingt, was den USA 1776 (Unnabhängigkeitserklärung) und Europa ab 1789 (Franz. Revolution) gelangt, nämlich die Fesseln der Ignoranz und Religion selbst zu sprengen.

    2. Wir selber sollten aufpassen, das wir das was wir uns erkämpft haben auch behalten. Spricht: "Verhindern das die Freiheit Scheibchenweise stirbt." oder "Es als Gebot der Toleranz sehen Intoleranz nicht zu tolerieren." - auch wenn religiöse Gruppen darin einen Angriff auf die Reliogionsfreiheit sehen werden, gilt die Frage, was höher steht: Freiheit oder Religionsfreiheit?

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    • TomFynn
    • 24. Februar 2012 23:21 Uhr

    Freiheit steht höher.

    Immer.

    • agaha
    • 24. Februar 2012 23:18 Uhr

    ist pure Polemik. Die Wahlen dort waren sogar von der OECD bestätigt worden.

    Im Übrigen impliziert die Liste der Länder, die Sie aufführen, Russland sei sozialistisch. Das ist es allerdings sicherlich nicht, tatsächlich gibt es wohl kaum ein Land mit einem derart entfesselten kapitalistischen System.

    • TomFynn
    • 24. Februar 2012 23:21 Uhr

    Freiheit steht höher.

    Immer.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Saudi Arabien | Allah | Blogger | Facebook | Mohammed | Ottawa
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