Der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow © Odd Andersen/AFP/Getty Images

"Hallo Wanjo, Mischo Birata (Mischo das Bier) hat mich schon wieder angerufen", erzählte Bulgariens Ministerpräsident Bojko Borissow dem Direktor der Nationalen Zollagentur, Wanjo Tanow, im Mai 2010 am Telefon. Es folgte ein Gespräch über eine anhängige Aktion von Tanows Zollbeamten in der Bierfabrik Ledenika wegen angeblicher Steuervergehen. Im Januar 2011 veröffentlichte das regierungskritische Boulevard-Blatt Galeria eine Aufnahme des Telefonats. Aus ihr geht hervor, dass Borissow Zoll-Chef Tanow anwies, seine Beamten aus der Brauerei abzuziehen, weil er dessen Besitzer Michail Michow versprochen habe, "ihn nicht anzupacken".

Die Geschichte vom Mischo Birata ließ Bulgariens Öffentlichkeit aufhorchen und veranlasste Generalstaatsanwalt Boris Weltschew zu Ermittlungen. Bis heute ist ungeklärt, ob die Abhöraufnahmen authentisch sind, und wenn ja, wer sie erstellt und Galeria zugespielt hat. Auch die Frage, ob sich Bulgariens Premier mit seiner Fürsprache für Mischo Birata etwa der unrechtmäßigen Verhinderung zollpolizeilicher Maßnahmen schuldig gemacht hat, blieb ohne rechtsverbindliche Antwort. Einzig der plötzliche Herztod des 47-jährigen Michail Michow am 30. März 2011 in einem Hotelzimmer in dem kleinen Städtchen Prawets scheint klar.

In einer Rap-Version hat der delikate Telefonplausch als YouTube-Video Kultstatus erlangt. Im jüngsten Jahresbericht der EU-Kommission zu Bulgariens Fortschritten beim Kampf gegen Korruption und Verbrechen vom Juli 2011 fand er dagegen keine Erwähnung. Wie ein ausgezeichneter Schuljunge konnte sich Ministerpräsident Borissow damals über ein gutes Zeugnis aus Brüssel freuen. Die EU-Kommissare bescheinigten seiner Regierung der rechtsgerichteten Partei "Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens" (GERB) den "politischen Willen" zur Korruptions- und Verbrechensbekämpfung und "Streben nach Reformen".

Im jetzt veröffentlichten Halbjahresbericht der Europäischen Kommission fehlen derlei anerkennende Worte, der Schwerpunkt liegt auf Kritik. Die Kommission bemängelt das "Fehlen überzeugender Resultate", "unprofessionelle Ermittlungsmethoden" und häufige "polizeiliche Übergriffe". Auch Bulgariens leidiges Problem des Handels mit Wählerstimmen und die Vorwürfe von Wahlmanipulationen bei den Präsidentschafts- und Kommunalwahlen im vergangenen Oktober spricht sie an.

EU-Kommission beurteilt Nachbarn Rumänien deutlich besser

Bulgarien kommt deutlich schlechter weg als sein ebenfalls im Januar 2007 der EU beigetretener Nachbar Rumänien . Im Juli 2012 will die Europäische Kommission eine Gesamtbewertung der Entwicklung beider Länder in den vergangenen fünf Jahren vornehmen. Anschließend steht die Entscheidung an, ob die regelmäßigen Berichte zu ihren Fortschritten in den Bereichen Innerer Ordnung und Rechtswesen beendet oder fortgesetzt werden sollen. Obwohl die Evaluation und der Beitritt der beiden Balkanstaaten zum Schengener Raum formal nichts miteinander zu tun haben, bestehen die Niederlande darauf, ihnen den Beitritt zu Schengen erst nach zwei aufeinander folgenden positiven Evaluationsberichten zu gestatten.

Bojko Borissow sucht Verantwortung für Missstände gern bei anderen; gefunden hat er sie diesmal bei der Opposition und kritischen Bürgerrechtsgruppierungen. "So wie die Nicht-Regierungsorganisationen ihre Schriften durch ganz Europa schicken und die Bulgaren im europäischen Parlament ihr Land anschwärzen, kann man gar nichts anderes erwarten als einen negativen Bericht", ließ er am Mittwoch während der Kabinettssitzung seine Minister wissen. Die bulgarische Flagge auf seinem Amtssitz hängt auf Halbmast, allerdings nicht wegen des vermasselten Zeugnisses aus Brüssel. Es ist Tag der Trauer in Bulgarien, ein gebrochener Staudamm hat am Montag das südostbulgarische Dorf Biser überschwemmt , acht Menschen starben.