Als Wissenschaftler beschäftigen wir uns seit Langem mit dem Studium und der Förderung globaler Demokratie. Wir glauben, dass man sich an die gegenwärtige Zeit sehr wahrscheinlich als diejenige erinnern wird, in der das Aufbegehren für mehr Demokratie zu einer globalen Bewegung geworden ist. Der Funke entzündete sich im letzten Januar in Tunesien und breitete sich quer durch die arabische Welt aus, um dann viral zu werden. Bis zum Ende des Jahres hatten die Proteste Europa, die Vereinigten Staaten, Lateinamerika, Indien und schließlich Russland erreicht.

Die Anhänger dieser demokratischen Bewegung haben in jedem Land ihre besonderen Anliegen. Das Ausmaß ihrer Gemeinsamkeiten ist aber überaus bemerkenswert. Sie teilen die Frustration über ein grenzüberschreitendes System korrupter Behörden, Regierungen und Unternehmen, über soziale Ungleichheit und Umweltzerstörung. Viele beginnen zu erkennen, dass Lösungen nicht länger allein innerhalb nationaler Grenzen gefunden werden können.

Was wir beobachten, ist die bisher deutlichste Manifestation eines entstehenden globalen Gemeinwesens, das sich mobilisiert, um transnationale Probleme anzusprechen und dabei auch gehört werden will. Die Teilnehmer des Occupy-Protestcamps vor der St.-Pauls-Kathedrale in London hatten ein Spruchbanner an prominenter Stelle aufgehängt, das die Sichtweise genau trifft: "Keine G 20 – die G 7 Milliarden". Wie wir wissen, ist das aber einfacher gesagt, als getan. Damit diese Parole mehr wird als nur ein Slogan, müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, wie das globale System reformiert werden kann, damit es den Menschen der Welt dient und diese repräsentiert.

Vorbild Europaparlament

Ein Blick auf die Geschichte gibt uns dafür etwas Orientierung. Seit den stolzen Tagen des Kleisthenes von Athen hat die Menschheit damit experimentiert, wie demokratische Werte in der politischen Wirklichkeit umgesetzt werden können und dabei auch einige signifikante Fortschritte gemacht, insbesondere in der Epoche seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Durch qualvolle Erfahrung haben wir nach und nach herausgefunden, dass es in der Ära der Massengesellschaften notwendig wird, viele politische Entscheidungen an politische Institutionen zu delegieren, die das Volk repräsentieren und diesem rechenschaftspflichtig sind.

Es ist wohl kaum als Zufall anzusehen, dass jede echte Demokratie, die es heute in der Welt gibt, im institutionellen Kern ihrer Regierungsstruktur auf einer gewählten Versammlung oder einem Parlament beruht.

Aber ist es denn möglich, ein Parlament einzurichten, das über den souveränen Nationalstaat hinausgeht? Die Antwort ist ganz klar ja. Tatsächlich wurde das bereits gemacht. Durch direkte Wahl bestimmen die 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union die Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Etabliert wurde das Europäische Parlament in der Anfangszeit der europäischen Integration als ein rein beratendes Organ, dessen Abgeordnete von den nationalen Parlamenten entsandt wurden. Seitdem hat es seine Rolle stetig ausgebaut und deutlich an Format gewonnen. Heute ist seine Zustimmung bei vielen Gegenständen in der Gesetzgebung der Europäischen Union unverzichtbar. Und Europa ist keine Anomalie.