Jemenitinnen in Sana'a, die für die Teilnahme an der Wahl am 21. Februar werben. © MOHAMMED HUWAIS/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Am 21. Februar finden im Jemen Präsidentschaftswahlen statt. Doch das Land ist instabil und die Jugendbewegung unzufrieden mit dem bisher Erreichten. Sind Wahlen so überhaupt sinnvoll?

Tim Petschulat: Das sind sie auf jeden Fall. Zwar sind sich die meisten Jemeniten darüber einig, dass es keine echten Wahlen sind, denn es gibt ja nur einen einzigen Kandidaten und keine Mindestwahlbeteiligung. Das heißt, dass der Kandidat, wenn nicht etwas Unvorgesehenes dazwischen kommt, gewählt wird.

Gleichzeitig wissen die Jemeniten aber auch, dass es sich eher um eine Abwahl des alten Präsidenten handelt, als um eine echte Wahl des neuen. Und dass es außerdem eine Wahl für zwei Jahre ist. So ist es mehr eine Art Referendum über den vom Parlament vorgeschlagenen Konsenskandidaten. In zwei Jahren sollen dann ein neuer Präsident und ein neues Parlament gewählt werden. Der am 21. Februar gewählte Präsident und seine Übergangsregierung haben die Aufgabe, den Übergangprozess zu den echten Wahlen in zwei Jahren mit einer neuen Verfassung und einem nationalen Dialog vorzubereiten.

ZEIT ONLINE: Von Wahlen im eigentlichen demokratischen Sinn kann man in diesem Fall nicht sprechen. Das ist nicht im Sinne der jemenitischen Protestbewegung.

Petschulat:Es ist nicht im Sinne der meisten jungen Protestierenden , nur muss man hier insgesamt vier Gruppen unterscheiden, die aus unterschiedlichen Gründen gegen die Wahlen sind. Ein Teil der Jugend auf der Straße ist eine von ihnen. Sie sagen, die jemenitische Verfassung verlangt mindestens zwei Kandidaten, aber in diesen Wahlen gibt es nur einen Kandidaten. Dann gibt es Alhirak Aldschanubi, die Süd-Bewegung, die mehrheitlich für die Abspaltung und die Eigenstaatlichkeit des Südens ist. Auch Teile der Houthis im Norden sind gegen die Wahl. Als vierte Gruppe kommt Al-Kaida dazu, die gegen jede demokratische Mitbestimmung ist und überhaupt demokratische Prozesse ablehnt.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn Unterstützung für diese Wahlen?

Petschulat: Ja, die Bevölkerungsmehrheit ist schon dafür, weil die Wahlen den Weg für einen neuen Jemen frei machten. Die meisten Jemeniten können sich einen Jemen ohne Präsident Salih kaum vorstellen. Er war schon im Amt, als im Kreml Breschnew und im Weißen Haus Carter regiert haben. 75 Prozent der Jemeniten sind unter 24 Jahren und haben noch nie jemand anderes an der Staatsspitze erlebt. Die Ereignisse seit Januar 2011 haben aber die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass es mit diesem Präsidenten nicht weitergehen kann. Diese Wahl macht den Weg frei für einen Neubeginn.

ZEIT ONLINE: Sie haben die vielen inneren Konflikte angesprochen, die im Land unterschwellig oder auch offen, zum Teil gewaltsam ausgetragen werden. Können die Wahlen an diesen Konflikten scheitern?

Petschulat: Das ist unwahrscheinlich. Von den vier Gruppen, die die Wahl ablehnen, haben die Houthis im Norden gesagt: "Wir sind zwar gegen die Wahl, aber wir werden die Menschen, die wählen wollen, nicht daran hindern." Ähnliches hört man auch von der Jugendbewegung, während die Unabhängigkeitsbewegung des Südens tatsächlich versucht, die Wahlen auf verschiedenen Wegen zu unterminieren. Möglicherweise wird die Wahlbeteiligung im Süden sehr gering ausfallen, fünf Prozent zum Beispiel. In diesem Fall hätte der neue Präsident dort ein großes Legitimationsproblem.