Arabische RebellionenKatar hat in allen Konflikten die Finger im Spiel

Er ist mit den USA verbündet und hilft Islamisten. In der arabischen Welt unterstützt der Emir von Katar die Rebellionen. Welche Ziele verfolgt Hamad bin Khalifa al-Thani? von Andrea Nüsse

In Deutschland haben viele erstmals von dem Emirat Katar gehört, als der winzige Wüstenstaat am Golf 2010 überraschend die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2022 gewann. Da war zwar der arabische Fernsehsender Al Dschasira schon ein Begriff – aber Doha hatte er im Westen noch nicht wirklich auf die Landkarte gesetzt.

Seit dem Ausbruch der Aufstände in der arabischen Welt ist das anders: Fast täglich erscheint Katar in den Nachrichten, weil sein Emir Hamad bin Khalifa al-Thani in allen Konflikten in der Region die Finger im Spiel hat. Das Land mit den 1,7 Millionen Einwohnern, von denen nur etwa 300.000 Einheimische sind, hat sich zur dynamischsten Kraft der arabischen Welt entwickelt: Es war Katar, das die Arabische Liga im März 2011 dazu drängte, sich für eine Nato-Intervention in Libyen einzusetzen.

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Im Falle Syriens ist der Emir von Katar die treibende Kraft gegen Präsident Baschar al-Assad. Doch welche Ziele verfolgt der Emir, der sein Reich als absolutistischer Monarch regiert, wenn er die Revolutionen in den meisten arabischen Ländern unterstützt?

Die einen unterstellen dem 59-Jährigen, der seinen Vater 1995 in einem unblutigen Coup absetzte, einen Napoleon-Komplex, andere vermuten eine islamistische Agenda. Unbeachtet vom Westen hat Katar seit Mitte der neunziger Jahre eine Vermittlerrolle in der Region gespielt. Zwischen den mächtigen Nachbarn Saudi-Arabien und Iran musste sich das Emirat immer arrangieren und setzte auf gute Beziehungen zu allen Regionalmächten. Und den USA , dem es seine Sicherheit anvertraut.

So beherbergt Katar den wichtigsten Luftwaffenstützpunkt der US-Armee in der Region, ist aber gleichzeitig auf Kooperation mit dem Iran angewiesen, mit dem es sein größtes Gasfeld teilt. Nach Ansicht von Guido Steinberg von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) wollte sich das Emirat mit seiner Krisendiplomatie "dem Westen als Akteur präsentieren, der wertvolle Dienste für die Lösung der zahlreichen Konflikte in der Region anbieten kann".

Unterstützung für Islamisten zahlt sich jetzt aus

Außerdem gelang es ihm, aus dem Schatten Saudi-Arabiens zu treten. Katar schlichtete 2008 erfolgreich im Libanonkonflikt. Den Süden des Libanon, von der islamistischen Hisbollah beherrscht, baute Katar nach dem Krieg mit Israel 2006 wieder auf.

Die Tatsache, dass Katar seit Jahren Islamisten aller Couleur ein Exil bot, zahlt sich jetzt aus. So ist hier der einflussreiche ägyptische Fernsehprediger Youssef Qaradawi zu Hause, der prominente libysche Islamist Ali Sallabi fand hier Zuflucht, bis er im neuen Libyen eine islamistische Partei gründete. Die Rebellengruppe von Sallabis Bruders unterstützte Doha mit Waffen und Training ebenso wie andere islamistische Kräfte.

Khaled Meschaal von der Hamas sitzt nun in Doha, und auch zum tunesischen Islamistenführer Raschid Ghannouchi sind die Verbindungen eng. Dessen Schwiegersohn, der einige Jahre in Katar arbeitete, ist nun Außenminister in Tunis.

Engste Verbindungen zu neuer Führungsschicht in Umbruchstaaten

Damit hat Katar engste Verbindungen zur neuen islamistisch geprägten Führungsschicht in den arabischen Umbruchstaaten, die es tatkräftig unterstützt. Der Emir scheint zu glauben, dass die "Muslimbruderschaft und viele Salafisten eine Islaminterpretation vertreten, die mit der in Katar vorherrschenden Lehre vereinbar ist", meint Steinberg. In jedem Fall habe das Emirat mit den konservativen Kräften mehr gemeinsam als mit den gestürzten "republikanischen Regimen".

In Bahrain allerdings hat sich Katar auf die Seite des Regimes geschlagen und Soldaten geschickt – aus Angst vor einer Machtübernahme der Schiiten, die als fünfte Kolonne Irans betrachtet werden.

Doch der "traditionelle Balanceakt" zwischen den USA und dem Iran droht laut Steinberg in Syrien zu scheitern: In dem Konflikt stehen sich Iran und Katar diametral gegenüber. Auch die Vermittlerrolle in der Region sieht er langfristig in Gefahr: "Viele Gegner der Islamisten in Libyen, Tunesien und Ägypten sind in den letzten Monaten auch zu Gegnern Katars geworden."

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte kommentieren Sie sachlich zum konkreten Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/sc

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    Mir persönlich ist aufgefallen, dass der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen und jetzige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Christian Wulff, seit mit finanzieller Hilfe des Emirs von Katar die Übernahme von VW durch Porsche abgewandt und in eine Übernahme von Porsche durch VW umgewandelt wurde, überzufällig häufig nach Katar reist. Reisen nach Katar unternahm er in halbjährlichen Abständen auch als Bundespräsident.
    Verfolgt man die Zahl der Auslandsreisen und diplomatischen Begegnungen auf der homepage des Bundespräsidialamtes, traf Bundespräsident Wulff vermutlich kein anderes Staatsoberhaupt häufiger als den Emir von Katar.
    Zusätzlich ist mir aufgefallen, dass der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland in zeitlicher Koinzidenz zu seinen häufigen Besuchen sehr häufig betont, dass der Islam zu Deutschland gehört.
    In letzter Zeit wurde hierzulande intensiv erörtert, ob der Bundespräsident in seiner Zeit als Ministerpräsident politische Entscheidungen und Äußerungen und Entgegennahme freundschaftlicher Geschenke nicht immer deutlich genug getrennt hat.
    Ich stelle mir daher die Frage, ob es sich bei der überzufällig häufigen Betonung der Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland und den überzufällig häufigen Besuchen Katars um reine Zufallskoinzidenz handelt.
    Bei seinem letzten Staatsbesuch in Katar war die Delegation Wulffs in einen Verkehrsunfall verwickelt. Ich frage mich, ob dieser ungewöhnliche Umstand ebenfalls rein koinzidentiell war.

  2. Katar hat großen Einfluss auf die gegenwärtigen Entwicklungen in Tunesien. Die Frage ist, ob die Demokratisierung des Landes unter diesen Umständen droht zu scheitern:
    http://www.theeuropean.de... ?

  3. Ein kritischer Artikel zum "Strippenzieher" Katar?!

    Dieses kleine "unheilvolle Ölfeld", ausgestattet mit "multimedialer Macht", wird uns sicher noch viel "Freude" bereiten.

    Aber: der Krug geht zum Brunnen bis er bricht!
    Irgendwann wird auch eine Art "Revolution" bei den "Feudalisten" ins Haus stehen - und ich freue mich jetzt schon auf die "Berichterstattung" in den "Qualitätsmedien" ;-)

  4. dass die Islamisten von der Mehrheit gewählt wurden. Aber was sagt das schon aus. Dass islamistische Bestebungen von einer Mehrzahl der Bevölkerung getragen werden, legitimiert das ganze noch lange nicht. Man vergisst häufig, dass zu einer Demokratie mehr dazugehört, als freie Wahlen. Es gehört eine gewisse aufgeklärte Historie, eine offene Kultur und ein säkulares Staatswesen dazu. In Europa ist ja auch häufig von der Kanzel bestimmt worden, wer gewählt werden soll.
    Eine freie Meinungsäußerung der Bevölkerung muss nicht bedeuten, dass sich die Situation zwangsläufig zum besseren wendet. Wenn Scharia, Anti-Säkularisierung etc. dadurch zurückkehrt, ist es nun mal ein Rückschritt.
    Freie Wahlen alleine sind das Papier nicht wert, auf denen die Stimmen abgegeben wurden.

  5. 21. :-DDDD

    Hahah, danke für den Link. Was hat Obama eigentlich anschließend mit dieser Ankerkette gemacht?

    Katar taugt in keinster Weise als Vorbild, es ist eine absolute Monarchie, religiös extrem streng (dominiert vom Taliban-ähnlichen Wahabitismus) und wirtschaftlich total von Öl und Gas abhängig, da können noch so euphorische Werbespots auf CNN laufen, wo tolle Museen gezeigt werden und gut aussehende westliche Touristen flanieren.

    Die Herrscher sind allerdings sehr clever, sie haben die Gründung Al Jazeeras gefördert, agieren/hinter den Kulissen der Arabischen Liga und fördern kräftig die ihrer Meinung nach "Rechtgläubigen" in aller Welt, aber in der Hauptsache gegen die in ihren Augen schiitischen Ketzer aus dem Iran. Mit soviel Einfluss hält man sich aus der medialen Schusslinie heraus

    Antwort auf "Kiloweise Gold"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Joseph "Sepp" Blatter sei dank, 75 jähriger FIFA Präsident und mehrfacher Millionär.

    Gibt man seinen Namen bei Google ein, ist der zweite Treffer "Sepp Blatter korrupt"

  6. Joseph "Sepp" Blatter sei dank, 75 jähriger FIFA Präsident und mehrfacher Millionär.

    Gibt man seinen Namen bei Google ein, ist der zweite Treffer "Sepp Blatter korrupt"

    Antwort auf ":-DDDD"
  7. ..da habe ich doch neulich Katar mit Dubai verwechselt. Wahrscheinlich weil die nur ein gemeinsames Konsulat haben.
    Leicht ist das alles da in der Region aber sicher für keines dieser VEA Staaten.

  8. ..was herauskommt, wenn man mal den einen oder anderen post auf die essenz eindampft:
    der diktator qatars ist also schlecht, weil er diverse aufstände gegen andere diktatoren unterstützt hat. (natürlich aus niederen motiven)
    schlecht ist auch die unterstützung der volksbewegungen gegen eben diese diktaturen durch "den westen".
    schlecht sind dabei vor allem die usa, die ja stets an allem schuld sind und überall ihre finger drin haben (mag ja sein, aber das heisst nicht, dass sie überall gestaltungsmacht haben).
    gut ist, das syrische regime weiter blutbäder anrichten zu lassen, das sollte auch nicht verurteilt werden, denn die sich dagegen wehren, wenden ja auch gewalt an.
    gut ist weiterhin russland, das natürlich nur im sinne hat, zu helfen.
    schlecht wiederum ist die syrische opposition, denn die könnte ja einfach bis märz warten und dann wählen gehen, anstatt einen aufstand zu proben, der doch nur zu unnützem blutvergiessen führt.

    ja, der emir von qatar ist ein machtpolitiker, der sich vor allem um seinen eigenen vorteil bekümmert. ja, er will seinen einfluß vergrößern, und es gelingt ihm sogar.

    mensch, mensch, da ist er ja bestimmt der einzige...

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte Hisbollah | Katar | Doha | Iran | Libyen | Muslimbruderschaft
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