Libyen "Es ist eine Diktatur, die wir jetzt wieder erleben"

Ein Jahr nach dem Aufstand gegen das Gaddafi-Regime ist in Libyen Ernüchterung eingekehrt. Der Diktator ist weg, doch das Land kämpft mit seinem Erbe.

Vor dem Flughafengebäude in Bengasi rauchen gelangweilte Ex-Rebellen. Sie lehnen an rostigen Kleintransportern, auf denen immer noch die Großkaliber-Maschinengewehre aus Zeiten der Anti-Gaddafi-Schlachten montiert sind. Die schimmelnden Wände der Ankunftshalle sind eilig kaschiert mit ein paar Plastiktafeln. Es gibt keine Hochglanzfahnen. Nur ein halb verwischter, schlampiger Schriftzug mit schwarzem Filzstift prangt auf einer der weißen Tafeln: We are happy now – jetzt sind wir glücklich.

Wie es um Libyen am ersten Jahrestag der Revolution steht, zeigt das Stillleben am Flughafen von Bengasi mit bemerkenswerter Präzision. Hier im Osten, in der zweitgrößten Stadt des Landes, begann am 17. Februar 2011 der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime. Die Krise im Nachkriegs-Libyen wirft Schatten auf die Jubelparaden an diesem Tag. Im Land gibt es hohe Arbeitslosigkeit, Berichte über brutale Folter in den Gefängnissen, Fehden zwischen Regionen, Städten, Ethnien, Klans. Exrebellen aus den Städten Sintan oder Misrata liefern sich in Wild-West-Manier regelmäßig Feuergefechte in der Hauptstadt Tripolis. Angesichts dessen erodiert die Unterstützung für die einzige Konstante im Chaos: den libyschen Übergangsrat samt dessen Präsidenten Abdel Mustafa Jalil.

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Dabei hätten die sechs Millionen Libyer alles, was man für einen gelungenen Neustart braucht: Eine Nato-Intervention half – anders als in Syrien – im Kampf gegen den Diktator. Das Niveau der Erdölförderung erholt sich rasch, Wirtschaftsforscher prognostizieren zweistellige Wachstumsraten. Nur, man mag den Kampf gegen Gaddafi gewonnen haben, nicht aber den gegen sein Erbe.

Starker Mann an der Spitze

"Es ist eine Diktatur, die wir jetzt wieder erleben," sagt der Unternehmer Jalal al-Gallal, der bis vor Kurzem Sprecher des Übergangsrates war: "Wie soll ich das sonst nennen? Die Gerichte, an die man sich wenden könnte, arbeiten nicht, Vergehen werden nicht bestraft. Es gibt einen starken Mann an der Spitze, das ist Jalil. Er beschließt alles, setzt eine Regierung ein, muss aber niemandem Rechenschaft ablegen."

Al-Gallal schilderte zu Beginn des Aufstands unter Lebensgefahr via Telefon für internationale TV-Stationen, wie Gaddafi-Truppen auf Menschen schossen. Er behielt die Rolle als Sprachrohr der Rebellen. Bis jetzt. "Mir kommen die Tränen, wenn ich an die Tage nach der Befreiung Bengasis denke: Das war Utopia, wir waren alle verbrüdert. Es brachte das Beste in uns hervor. Umso brutaler ist nun die Ernüchterung. Unser Übergangsrat ist durchsetzt von ehemaligen Getreuen Gaddafis", sagt er. "Sie haben die Revolution gestohlen, für die 30.000 starben".

Die Frustration wächst

Das 57 Mitglieder starke Komitee des Übergangsrates formierte sich ursprünglich, quasi auf Zuruf und über Nacht, im befreiten Osten Libyens. Als der Rest des Landes in Rebellenhand war erweiterte es sich um Vertreter aus dem Westen des Landes. Hier laufen alle Machtfäden zusammen; auch die Verwaltung des libyschen Staatsvermögens. Noch sind erst sechs Milliarden Dollar aus eingefrorenen Gaddafi-Konten im Ausland freigegeben worden, aber weitere 150 Milliarden werden folgen.

Die Gefahr, dass dadurch die Macht des Übergangsrats zementiert wird, macht viele Kritiker nervös. Erst vor wenigen Wochen stürmten Demonstranten den Sitz des Gremiums in Bengasi. Präsident Jalil konnte nach sieben Stunden heftiger Auseinandersetzungen nur deshalb unversehrt entkommen, weil er in einem Krankenwagen aus dem Areal geschmuggelt worden war.

"Die Frustration wächst derzeit ins Unermessliche. Nicht bloß im Westen, in Tripolis und Misrata, die immer skeptisch gegenüber dem Bengasi-Rat waren", kommentiert einer der führenden Journalisten der neuen Generation Libyens, Suliman Ali Zway. "Die Menschen haben jetzt auch in Bengasi das Gefühl, von ihren neuen Führern, die sie von der Stunde null an bedingungslos unterstützten, im Stich gelassen zu werden", sagt er. "Die Entscheidungen sind undurchsichtig, Korruptionsfälle häufen sich, unterdessen warten Hunderttausende auf Jobs, bekommen aber nur die galoppierende Teuerung zu spüren."

Leser-Kommentare
    • HLWT
    • 16.02.2012 um 15:18 Uhr

    Darum ging es doch!!!!

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    ...auch um Wasser.Und wie es nun mal im Neokolonialzeitalter ist, das wird sich unter den Kolonialherren aufgeteilt. Der eine bekommt den Zugriff auf Wasser, der andere erhält Ölföderkonsessionen das wird dann unter den Kolonialmächten ausgehandelt.

    ...auch um Wasser.Und wie es nun mal im Neokolonialzeitalter ist, das wird sich unter den Kolonialherren aufgeteilt. Der eine bekommt den Zugriff auf Wasser, der andere erhält Ölföderkonsessionen das wird dann unter den Kolonialmächten ausgehandelt.

  1. ...es lebe die Diktatur", denn von demokratischen Verhältnissen kann doch nun wirklich keine Rede sein.
    6 Millionen Libyer waren sicher nicht begeistert, als NATO-Bomben auf sie hernieder rieselten, ausgenommen die sogenannten Rebellen, von denen einige mittlerweile wohl auch in Syrien als Rebellen unterwegs sein dürften.Hundertausende Gastarbeiter mussten wieder ihren Heimweg antreten, weil sie um ihr Leben fürchten mussten.
    Am Jahrestag der sogenannten Revolution, besteht absolut kein Grund zum feiern.

    11 Leser-Empfehlungen
  2. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, den Übergangsrat unter Druck zu setzen? Warum drängt man den Rat nicht dazu die Wahlen endlich vorzubereiten? Warum macht man den gleichen Fehler wie im Irak und schliesst das alte Establishment völlig aus.

    Bomben werfen ist einfach. Was danach kommt ist die Herausforderung. Aber der NATO scheint das völlig schnuppe zu sein, solange Jalil an der macht ist und das Öl fliesst.

    Aber nein, es haben ja nicht Hunderte vor genau dieser Entwicklung gewarnt. Nein, das passiert alles völlig unvorhergesehen...

    10 Leser-Empfehlungen
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    ...Druck zu setzen. Die Libyer reiben sich die Augen und wollen wahrscheinlich Gaddafi`s Grausamkeiten wiederhaben.

    http://www.schweizmagazin...

    Das dürfte ohne das Öl, über welches nun Andere verfügen, schwer werden.

    ...Druck zu setzen. Die Libyer reiben sich die Augen und wollen wahrscheinlich Gaddafi`s Grausamkeiten wiederhaben.

    http://www.schweizmagazin...

    Das dürfte ohne das Öl, über welches nun Andere verfügen, schwer werden.

    • monrol
    • 16.02.2012 um 15:36 Uhr

    Und wenn`s nach den Inniatoren des Libyen-Dramas geht, und danach sieht es stark aus, dann wird sich in SYRIEN wiederholen, was sich in Libyen abspielt - und die Folgen werden dieselben wie in Libyen sein: Ein destabilisierter Staat, in dem Banden, Stämme und religiöse Gegensätze sich hemmungslos austoben!

    Aber die Innitiatoren wollen -oder DÜRFEN?- aus den Folgen ihrer "Befreiungen" im IRAK, in AFGHANISTAN, in LIBYEN sowie in Kürze auch in Syrien keine Lehren ziehen, WEIL
    Israel den letzten potentiellen Unterstützer des IRAN -noch vor dem Überfall auf dieses Land- ausschalten will!

  3. ...auch um Wasser.Und wie es nun mal im Neokolonialzeitalter ist, das wird sich unter den Kolonialherren aufgeteilt. Der eine bekommt den Zugriff auf Wasser, der andere erhält Ölföderkonsessionen das wird dann unter den Kolonialmächten ausgehandelt.

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    • Medley
    • 21.02.2012 um 7:20 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen. Bedenklcihe Kommentare können Sie gern über die entsprechende Funktion melden. Danke. Die Redaktion/sc

    • Medley
    • 21.02.2012 um 7:20 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen. Bedenklcihe Kommentare können Sie gern über die entsprechende Funktion melden. Danke. Die Redaktion/sc

  4. 6. na ja

    erst ist gaddafi schuld, jetzt ist es sein erbe.
    gaddafi getreue haben die revolution geklaut.
    gehts noch?

    hier hat ein bürgerkrieg um die macht stattgefunden liebe autorin. die milizen streiten sich jetzt um beute und einfluß. die gaddafi getreuen oder verdächtige in der richtung sitzen im gefängnis und werden zeitgemäß befragt.

    interessant ist, das es 30.000 tote gegeben haben soll.
    wer war das?

    12 Leser-Empfehlungen
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    • monrol
    • 16.02.2012 um 16:25 Uhr

    Ob 30.000 oder, wie andere Quellen meinen, 50.000 Tote, zumindest die Hälfte davon gehen ausschliesslich auf das Konto der NATO!

    Im Vergleich zum IRAK sind die Libyer also noch "sehr gnädig" davon gekommen!

    Allerdings scheinen es täglich mehr Tote zu werden; auch das gleicht fatal der Situation im IRAK!

    "Der Fluch der bösen Tat" ended eben NICHT mit der Tat, sondern viel, viel später! Das zeigt sich exemplarisch im IRAK, bald auch in Afghanistan und sehr bald vermutlich auch in Syrien!

    • monrol
    • 16.02.2012 um 16:25 Uhr

    Ob 30.000 oder, wie andere Quellen meinen, 50.000 Tote, zumindest die Hälfte davon gehen ausschliesslich auf das Konto der NATO!

    Im Vergleich zum IRAK sind die Libyer also noch "sehr gnädig" davon gekommen!

    Allerdings scheinen es täglich mehr Tote zu werden; auch das gleicht fatal der Situation im IRAK!

    "Der Fluch der bösen Tat" ended eben NICHT mit der Tat, sondern viel, viel später! Das zeigt sich exemplarisch im IRAK, bald auch in Afghanistan und sehr bald vermutlich auch in Syrien!

    • snm81
    • 16.02.2012 um 15:42 Uhr

    der aufmerksamkeit ist ein paar kilometer nordöstlich weitergezogen, kein schwein interessiert sich mehr für die zustände im "befreiten" lybien. (ausser ein paar multis die jetzt sicherlich schon dabei sind sich irgendwelche exklusivrechte zu sichern)
    ansonsten? wenig neues- im grunde sah es nach allen revolutionen der geschichte so aus- man kann den lybiern nur alles gute wünschen, im grunde müssen sie das alles sowieso selber klären. auf die "weltgemeinschaft" ist da kein wirklicher verlass.

  5. Libyen liegt im Chaos, das Volk ist mit sich selbst beschäftigt. Es herrscht ein schwelender Bürgerkrieg und in dem Gerangel um Kompetenzen und Zuständigkeiten wird das Land geplündert.
    Besser hätte es doch für die NATO-Strategen nicht laufen können.

    Wenn ich mir dann noch die zynischen Einleitungsabsätze dieses Artikels durchlese, dann schwillt mir der Hals.
    Der großartige Heilsbringer NATO-Intervention und wenn es dann doch nicht so läuft, wie in den Mainstreammedien propagandistisch prognostiziert, dann sind die dummen Libyer selbst schuld. Das ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten.
    Sämmtliche mahnenden Stimmen, die gegen eine Aufrüstung und militärische Unterstützung der Rebellen waren, die vorraussagten, dass ein Krieg keine Probleme löst, sondern neue schafft und die einen geregelten, schrittweisen Übergang von einer Diktatur zu einer Republik forderten, wurden diffamiert oder schlimmer, als Gadhafi-Anhänger diffamiert.

    Diese gezielte Destabilisierung Libyens soll nun auf Syrien übertragen werden und schon stimmen die Medien wieder ein ins Kriegsgeheul, pfui Deibel.

    MfG
    AoM

    17 Leser-Empfehlungen
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    • mczakk
    • 16.02.2012 um 15:57 Uhr

    in Gottes Ohr.

    • Gerd R
    • 16.02.2012 um 16:51 Uhr

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken möchten. Danke, die Redaktion/au.

    "Diese gezielte Destabilisierung Libyens soll nun auf Syrien übertragen werden und schon stimmen die Medien wieder ein ins Kriegsgeheul, pfui Deibel."

    Die Kommentare auf ZON werden den auf WELT-Online substantiell immer ähnlicher.

    Nebenbei bemerkt: Ich habe immer noch die Schimpftiraden vor Augen, mit denen Gegner des Libyen-Feldzugs hier im Forum belegt wurden.
    In innere Angelegenheiten islamischer Staaten sollte sich der Westen auf keinen Fall einmischen. Er kann sich dabei nur die Finger verbrennen.

    • mczakk
    • 16.02.2012 um 15:57 Uhr

    in Gottes Ohr.

    • Gerd R
    • 16.02.2012 um 16:51 Uhr

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken möchten. Danke, die Redaktion/au.

    "Diese gezielte Destabilisierung Libyens soll nun auf Syrien übertragen werden und schon stimmen die Medien wieder ein ins Kriegsgeheul, pfui Deibel."

    Die Kommentare auf ZON werden den auf WELT-Online substantiell immer ähnlicher.

    Nebenbei bemerkt: Ich habe immer noch die Schimpftiraden vor Augen, mit denen Gegner des Libyen-Feldzugs hier im Forum belegt wurden.
    In innere Angelegenheiten islamischer Staaten sollte sich der Westen auf keinen Fall einmischen. Er kann sich dabei nur die Finger verbrennen.

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