Horn von AfrikaNur die Extremisten zu bekämpfen, reicht in Somalia nicht

Die internationale Gemeinschaft will in Somalia das Chaos beenden. Dabei muss sie vor allem den politischen Friedensprozess unterstützen. von 

Soldaten der Afrikanischen Union und der somalischen Übergangsregierung in einem Vorort der Hauptstadt Mogadischu

Soldaten der Afrikanischen Union und der somalischen Übergangsregierung in einem Vorort der Hauptstadt Mogadischu  |  © Mohamed Abdiwahab/AFP/Getty Images

Wie hilft man Somalia, also einem Staat, den es im Grunde gar nicht gibt? Dessen hilflose, von den Vereinten Nationen gestützte Zentralregierung kaum über die Hauptstadt Mogadischu hinaus relevant ist für das, was im Land passiert? Die große Londoner Somalia-Konferenz hat diese Frage am Donnerstag erstaunlich einfach beantwortet: mehr Geld , mehr Militär, mehr Koordination. Letzteres meint in diesem Fall vor allem mehr Einfluss von außen.

Und damit wird klar, dass der Blickwinkel auf das Chaos in dem Land am Horn von Afrika bestimmt wird von den Interessen jener Länder, die sich den Auswirkungen eines weiteren Zerfalls ausgesetzt sehen; dass die Aufmerksamkeit, die Somalia jetzt wieder von der internationalen Gemeinschaft erfährt, vor allem aus der Angst vor Terrorismus und Piraterie resultiert.

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Das ist erklärtermaßen auch der Grund für das wachsende Engagement Großbritanniens , dessen Premierminister David Cameron als Gastgeber zu der Konferenz gerufen hatte. Schon im Vorfeld beschrieb er Somalia als Sicherheitsrisiko, ein Land, das zum Trainingsgebiet von Extremisten zu werden drohe, die Ziele in der westlichen Welt angreifen könnten. "Zwei Jahrzehnte lang wurde Somalia zerrissen von Hungersnöten, Blutvergießen und einer Armut, die zu den schlimmsten auf der Erde gehört", sagte er nun und zog daraus den Schluss: "Wenn wir anderen uns jetzt nur zurücklehnen und zuschauen, werden wir dafür den Preis bezahlen."

Islamisten sind längst nicht besiegt

Kern der Bedrohung sind aus dieser Sicht die radikal-islamistischen Al-Shabaab-Milizen, die seit Jahren gegen die Zentralregierung kämpfen und sich jüngst dem Terrornetzwerk Al-Kaida angeschlossen haben. Sie haben zuletzt gegen die Schutztruppen der Afrikanischen Union ( AU ), gegen Militäreinheiten aus Äthiopien und Kenia oder auch regierungsnahe somalische Kämpfer empfindliche Niederlagen erlitten. Aus der Hauptstadt sind sie seit August vertrieben, kontrollieren aber immer noch Teile des Zentrums und vor allem den Süden des Landes, zudem verüben sie in Mogadischu immer wieder Bombenanschläge . Die Aufstockung des Kontingents der AU von bisher 12.000 auf bis zu 17.700 Soldaten, die der UN-Sicherheitsrat am Vortag der Konferenz beschlossen hatte, ist vor diesem Hintergrund nur konsequent. Das war auch in London Konsens.

Militärische Erfolge schaffen nur Atempause

Diese Verstärkung der militärischen Kräfte im Land dürfte zwar nur vordergründig stattfinden. Wahrscheinlicher ist, dass Truppen aus Äthiopien, Kenia und Eritrea , die aus eigenem Interesse in Somalia eingegriffen haben, eingegliedert werden. Trotzdem wäre damit zumindest ein deutlich koordinierteres Vorgehen möglich und die bislang unkontrolliert aktiven Nachbarstaaten stärker eingebunden. Hinzu kommen Überlegungen über Luftangriffe gegen Trainingslager und Logistikzentren von Al-Shabaab, die von der Übergangsregierung ausdrücklich gewünscht sind.

Dennoch, auch in dieser Größenordnung bleibt ein endgültiger militärischer Sieg gegen die Extremisten eine Wunschvorstellung. Denn die Milizen aus weiteren Regionen zu vertreiben – das mag den AU-Truppen gelingen –, wäre nur ein erster Schritt. Der Frieden in den nach und nach "befreiten" Städten und Dörfern müsste auch gesichert werden, wollte man verhindern, dass die Islamisten wieder zurückkehren. Mehr als eine Atempause werden auch fast 18.000 Soldaten in dieser Hinsicht nicht schaffen können.

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  • Schlagworte Afrika | David Cameron | Somalia | UN-Sicherheitsrat | Hauptstadt | Hungersnot
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