Bürgerkrieg in SyrienAus der Ferne das Richtige tun

Der syrische Student Muhammad ist tot. "Hätte ich das verhindern können?", fragt sich Stephan Urbach in Berlin, der ihm mit sicheren Netzverbindungen half. von 

Demonstration im syrischen Dorf al-Qsair, 25 Kilometer südwestlich von Homs

Demonstration im syrischen Dorf al-Qsair, 25 Kilometer südwestlich von Homs: "Wenn ihr uns nicht helft, werden wir sterben."  |  © Alessio Romenzi/AFP/Getty Images

Am anderen Ende der Leitung sitzt ein Mensch. Das vergisst Stephan Urbach nie. Der Berliner Internetaktivist schläft nicht viel in diesen Tagen und verfolgt jede Nachricht aus Syrien mit Sorge. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des internationalen Aktivistennetzwerks Telecomix unterstützt der 31-Jährige seit Monaten die arabischen Freiheitsbewegungen: Sie ermöglichen sichere Verbindungen ins Netz, damit Blogger, Oppositionelle, politisch aktive Studenten miteinander und mit der Welt kommunizieren, damit sie Zensur und Überwachung der autoritären Regime in ihren Ländern so weit wie möglich umgehen können.

Stephan Urbach

Stephan Urbach  |  © cc by Ben de Biel

Nur so gelangen viele Informationen, Fotos und Videos überhaupt nach draußen. Nur so haben die syrischen Demonstranten derzeit eine Chance, ihren Protest auf halbwegs sichere Art zu koordinieren. Und doch zweifelt der 31-Jährige oft an dem, was er und seine Mitstreiter da tun. Besonders deutlich und schmerzhaft wird das in den Momenten, wenn der Kontakt abbricht.

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Zweimal hat Urbach seit dem Beginn des Aufstands in Syrien für ZEIT ONLINE ein Interview mit einem Studenten in Aleppo vermittelt – in dem Wissen, dass er mit einer sicheren Internetverbindung dazu beitragen konnte, dass dieser Austausch keine größere Gefahr für den jungen Syrer bedeutete. Wir konnten mit dem 20 Jahre alten Muhammad (seinen richtigen Namen nennen wir nicht) chatten oder ihm per E-Mail Fragen schicken, erfuhren, dass er sich in seiner Heimatstadt an den friedlichen Protesten gegen das Assad-Regime beteiligte, wovon er träumte, wofür er sich einsetzte. Das war durch Anonymisierung und über spezielle Kanäle möglich, obwohl sein Telefon und seine Internetkommunikation überwacht wurden. "Ich habe keine Angst, das Richtige zu tun", schrieb uns Muhammad Anfang Januar.

"Hätte ich es verhindern können?"

Als wir Urbach nun treffen, erfahren wir, dass Muhammad nicht mehr lebt. Mehrere Quellen hätten das bestätigt. Getötet wurde er am 4. Februar dort, wo die Proteste und die Gewalt am stärksten sind: in Homs. Mehr als 200 Menschen starben an diesem Tag, doch das Schicksal von Muhammad geht dem Berliner Aktivisten nahe: "Man schmiedet Kontakte, es entwickelt sich eine echte Beziehung zu dem Menschen am anderen Bildschirm, und dann ist er plötzlich weg, und man fragt sich einfach: Wer ist schuld daran? Hätte ich es verhindern können?"

Ein Blick zurück: Ägypten am 28. Januar 2011. Es ist der Tag, an dem die Mubarak-Regierung angesichts der wachsenden Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo nach der Blockierung des Mobilfunknetzes auch noch das gesamte Land vom Internet abschneidet . Demonstranten, kritischen Bloggern und politischen Aktivisten war so zunächst ihre Stimme, ihr Tor zur Welt genommen. Der verzweifelte Schritt eines stürzenden Regimes rief weltweit Internetaktivisten und Hacker auf den Plan, die sich daran machten, ihre Fähigkeiten ganz konkret einzusetzen, um Ägypten wieder online zu bringen. Telecomix war nur eine von mehreren Gruppen, die sich daran beteiligten, alternative Netze aufzubauen und die Netzkommunikation auf Umwegen schnell wieder herzustellen . Das war gleichsam der Startschuss für eine Art Bewegung der "digitalen Entwicklungshilfe", wie Urbach es nennt, die heute mit dem Fall Syrien an ihre Grenzen stößt.

Leserkommentare
  1. Wollen wir wirklich glauben, dass Russland un China so wahnsinnig sind, ein blutrünstiges Terrorregime zu stützen? Was passiert wirklich in Syrien?

    Der ehemalige ARD Chefredakteur C. Hörstel analysierte erst vor wenigen Tagen in einem sehr ausführlichen Interview, wie es wirklich um Syrien steht und welche Rolle die Vorbereitungen für einen Schlag gegen den Iran spielen.

    Interview: http://www.youtube.com/wa...

    Ich verneige mich vor so viel Ehrlichkeit und hoffe die Readktion der ZEIT findet auch die Zeit, die in dem Interview besprochenen Fakten einmal selbst zu recherchieren und dementsprechend zu berichten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zuviel... ;)

    • moppelg
    • 15. Februar 2012 20:41 Uhr

    Gute Frage, vermutlich würden wir es besser wissen, wenn die syrische Regierung nicht alles daran setzen würde alle Verbindungen nach Syrien zu kappen.
    Wer hier Transparenz unterbindet hat was Schmutziges zu verstecken. Was erwarten Sie von Russland und China, die gleiche Systeme benutzen?
    Der Chaos Computer Club hat zuletzt in Berlin auch gezeigt, mit welchen Mitteln der Geheimdienst in Syrien versucht die Netzwerke zu unterwandern und auszuspähen:

    "Auf dem Kongress erzählt der Tor-Programmierer Jacob Appelbaum von Syrern, die wegen Aussagen im Netz erschossen oder ins Gefängnis geworfen wurden."
    http://www.taz.de/!84672/

    Recherche ist mit Arbeit in "alle Richtungen", Analyse, und Fakten verbunden - und das ist nicht jedermanns Sache!

    Wer interessiert ist, und alle Konfliktparteien "hören" will, sich ein differenziertes Bild machen möchte muß sich selbst kümmern.

    Danke für den link!

    ...verneigen sich gerade vor einem schwachsinnigen Kleinprojekt dass zur Truther Szene gehört.

    Ja genau die mit den chemtrails und dem anderen Unsinn...unabhängige Recherchen schön und gut aber nicht jeden Quatsch für vollnehmen.

    C.Hörstel ist Schreiber beim rechts unterlaufenen anti-alles Kanal "Alles Schall und Rauch"...

    Also was genau wollen sie mit ihrem Youtube Video von der Zeit? Dass diese zu einer sektenartigen Esozeitschrift mit rechten Ansätzen wird?

  2. zuviel... ;)

  3. 3. Danke

    An dieser Stelle ein großes Dankeschön an soviel Engagement für Menschenrechte über nationale Grenzen hinaus.
    Vielen ist Verantwortung und Solidarität bereits gegenüber ihrem sozialem Umfeld ein Fremdwort. Sie leben diese Werte und das erfüllt mich mit Ehrfurcht und Respekt.

    @grewbart: Ich würde mir allgemein wünschen, wenn mehr die Doppelmoral der Außenpolitik thematisiert werden würde. Ein Feld, auf dem man viele Tabus brechen muss. Auch wenn es bedeutet weniger Panzer zu verkaufen und dem ein oder anderem Verbündeten auf die Füße zu treten.

    Sonst wird...
    "Der Zorn die gestaltende Kraft der menschlichen Zivilgesellschaft." Georg Schramm

  4. Fantastischer Link, vielen Dank... kann ich nur empfehlen: http://www.youtube.com/us...

    • snm81
    • 15. Februar 2012 20:20 Uhr

    halt nein- ich übergebe mich so langsam bei soviel einäugigkeit in der betrachtung dieses themas und der berichterstattung darüber.
    vorneweg: mir ist klar dass medien perspektivisch sind und die syrischen regimegegner keine armen pazifisten. das man aber dahinter ständig irgendwelche komplexen westlichen verschwörungen vermutet und als beleg youtubevideos anführt bei denen die playlist von koppnachrichten und eva herrman dominiert wird ist so aaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhh--
    das, ja das ist natürlich alles ungeheuer authentisch und über jeden ideologieverdacht erhaben...

    hau ich habe gesprochen

    • moppelg
    • 15. Februar 2012 20:41 Uhr

    Gute Frage, vermutlich würden wir es besser wissen, wenn die syrische Regierung nicht alles daran setzen würde alle Verbindungen nach Syrien zu kappen.
    Wer hier Transparenz unterbindet hat was Schmutziges zu verstecken. Was erwarten Sie von Russland und China, die gleiche Systeme benutzen?
    Der Chaos Computer Club hat zuletzt in Berlin auch gezeigt, mit welchen Mitteln der Geheimdienst in Syrien versucht die Netzwerke zu unterwandern und auszuspähen:

    "Auf dem Kongress erzählt der Tor-Programmierer Jacob Appelbaum von Syrern, die wegen Aussagen im Netz erschossen oder ins Gefängnis geworfen wurden."
    http://www.taz.de/!84672/

  5. Recherche ist mit Arbeit in "alle Richtungen", Analyse, und Fakten verbunden - und das ist nicht jedermanns Sache!

    Wer interessiert ist, und alle Konfliktparteien "hören" will, sich ein differenziertes Bild machen möchte muß sich selbst kümmern.

    Danke für den link!

  6. zumLink: Was für ein dummes Zeug. !!!!
    "Ich verneige mich vor so viel Ehrlichkeit "

    Sie verneigen sich nicht vor der Ehrlichkeit, sondern beklatschen nur jemanden, der so denkt wie Sie selbst. Diesen Schritt des eigenen Schulterklopfens hat man zum Glück im Abendland überwunden. Wo leben Sie?

    Zum Artikel: Tolle Sache von Stephan Urbach, der mehr tut, als nur zuzuschauen und zu kommentieren.
    Da unsere Regierung nichts mehr auf die Reihe bekommt, ist Eigeninitiative gefragt und zu einem außerordentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft geworden.

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