Die Farbe der Opposition ist blau. Die Anhänger marschieren mit blau-gelben Fahnen vorneweg, ihr Hoffnungsträger Henrique Capriles Radonski trägt ein hellblaues Oberhemd. Er steht auf dem Dach eines klapprigen LKW und winkt strahlend in die Menge.

Es ist Wahlkampf in Caracas . In der venezolanischen Hauptstadt wird der jugendlich wirkende Gouverneur des Bundesstaates Miranda frenetische gefeiert. Er ist der Politiker, der dem umstrittenen Staatspräsidenten Hugo Chávez am gefährlichsten werden könnte.

Henrique Capriles ist in Caracas geboren. Er hat deutsche und polnische Wurzeln. Der 39-Jährige strahlt etwas aus, was Chávez schon allein wegen seiner Krebserkrankung schwer vermitteln kann: Zukunft. Zwar hat der Präsident nach eigenen Angaben den Krebs besiegt, doch viele Venezolaner zweifeln daran.

Er brüllt nicht, ganz anders als Chávez

Chávez kann auf den von Ölmilliarden finanzierten Staatsapparat zurückgreifen. Seine ganz in Rot gehaltenen Aufmärsche in Wahlkampfzeiten erinnern an religiöse Prozessionen, in denen der Heilsbringer vorneweg marschiert und die frohe Botschaft verkündet. Chávez flimmert stundenlang über die staatlich kontrollierten venezolanischen Bildschirme, bis auch der letzte TV-Zuschauer ihn wahrgenommen hat.

Ein neues Staatsoberhaupt wird in Venezuela erst in acht Monaten gewählt, am 7. Oktober 2012. An diesem Sonntag aber wählt die Opposition den Herausforderer, der den lange Zeit als unschlagbar geltenden Chávez aus dem Präsidentenpalast Miraflores verdrängen will.

Capriles ist der mit Abstand chancenreichste Kandidat der Opposition. Er gehört der Partei Primero Justicia an, die sich 1992 als Bürgerbewegung gegen den Verfall des Rechtssystems gegründet hat und die sich selbst als Zentrumspartei bezeichnet.

In den jüngsten Umfragen liegt Capriles etwa 15 Prozentpunkte vor dem Zweitplatzierten Pablo Pérez, dem Gouverneur der ölreichen Provinz Zulia. Viele Chávez -Gegner hoffen, dass Capriles die bislang zersplitterte Opposition einen könnte.

Capriles selbst unterscheidet sich in vielfacher Hinsicht von Chávez. Er brüllt, beleidigt und demütigt seine Gegner nicht, wie Chávez es öffentlich immer wieder zelebriert. Er spricht leise und überlegt. Die Versäumnisse und Fehlentwicklungen der Chávez -Ära listet er präzise auf.