Indien steht vor dem größten Fall von Korruption in seiner Geschichte. Coalgate nennen ihn die indischen Medien am Donnerstag. Der indische Rechnungshof beschuldigt in einem Bericht die Regierung in Delhi , zwischen 2004 und 2009 die Bergbaurechte an 155 Kohleminen ohne öffentliche Ausschreibung vergeben zu haben. Laut Rechnungshof seien für den indischen Fiskus Verluste über 207 Milliarden Dollar entstanden. Die leichtfertig vergebenen Kohlereserven umfassen geschätzte 33 Milliarden Tonnen des schwarzen Goldes – genug, um 50 Jahre lang den heutigen Energiebedarf Indiens abzudecken.

Die Anschuldigungen des Rechnungshofes gehen direkt an die Adresse des indischen Regierungschefs Manmohan Singh , der von November 2006 bis Mai 2009 und während zweier kurzer früherer Amtsperioden auch das Amt des Kohleministers bekleidete. Während den Morgenstunden am Donnerstag blockierten die Oppositionsparteien im indischen Parlament die Beratungen und forderten eine Stellungnahme des Regierungschefs.

"Dies ist der schlimmste aller Skandale, die Regierung raubt unser Land aus", sagte Oppositionssprecher Prakash Javedkar von der Bharatiya Janata Partei (BJP). Kohleminister Praksh Jaiwal reagierte vorsichtig und verlangte eine volle Einsicht in den Bericht, der am Morgen in Auszügen von der Times of India , der größten englischsprachigen Zeitung der Welt, veröffentlicht wurde.

Kohleabbau hat in den meisten Minen noch nicht einmal begonnen

Bereits im Dezember 2010 hatte ein Bericht des Rechnungshofs über veruntreute Gelder in Höhe von 34 Milliarden Dollar bei der Ausschreibung neuer Mobilfunklizenzen den bis dahin größten Korruptionsskandal der indischen Geschichte ans Licht gebracht. Seither sieht sich die von der Kongresspartei geführte Regierung unter Manmohan Singh ständig neuen Vorwürfen ausgesetzt.

Singhs ehemaliger Telekommunikationsminister sitzt bereits seit über einem Jahr im Gefängnis. Zuletzt hatte der Oberste Gerichtshof des Landes die Anschuldigungen des Rechnungshofs bei der Mobilfunklizenzvergabe bestätigt. Das alles verschafft den neuen Anschuldigungen von der gleichen Stelle zusätzliches Gewicht.

Mehr als hundert Privatfirmen – darunter Unternehmen von Indiens schillerndsten Milliardären – sollen von der Vergabe der Kohle-Abbaurechte profitiert haben. Allen voran die Tata-Gruppe unter Ratan Tata, dem angesehensten Unternehmer des Landes. Ebenfalls mit von der Partie: die Milliardäre Anil Agarwal, Chef der Vedanta-Gruppe, Lakshmi Mittal, Chef des Stahlriesen Arcelor Mittal, und Kumar Birla, Chef der Aditya- Birla-Gruppe.

Dabei haben viele diese Unternehmen bisher wenig mit Kohle zu tun gehabt und offenbar nur die günstige Erwerbsgelegenheit genutzt. Entsprechend hat der Kohleabbau in den meisten Minen bis heute noch nicht einmal begonnen. Gleichwohl wurde die schnelle Vergabe der Minen bisher mit einem Beschluss der indischen Planungskommission von 2005 begründet, der Indien als "nicht energiesicheres Land" beschrieb.

Die indische Regierung steckt derzeit inmitten der Haushaltsberatungen im Parlament und bedarf der Zustimmung zum Teil rebellischer Koalitionspartner. Schon am Donnerstag forderten Oppositionspolitiker den Rücktritt von Regierungschef Singh, der Premier sprach am Nachmittag mit den Oppositionsführern. Für die kleinen Parteien, die bisher noch zur Kongresspartei und zu Singh halten, wird der Druck groß sein, nach den erneuten Korruptionsenthüllungen die Regierung zu verlassen. Kommt es so weit, hätte Delhi eine handfeste Regierungskrise.