Afghanistan-Einsatz: Das Gerede vom Abzug ist falsch
Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten debattiert der Westen wieder über den Sinn der Afghanistan-Mission. Doch das ist die falsche Perspektive, kommentiert Carsten Luther.
Sie ist wieder da, die Debatte um einen Abzug aus Afghanistan. Ausgelöst hat sie diesmal der perverse Amoklauf eines US-Soldaten am vergangenen Sonntag. Nicht lange zurück liegen ähnlich schlimme Auswüchse, Leichenschändungen, Hetzjagden auf Zivilisten und die versehentliche, aber folgenreiche Verbrennung von Koran-Exemplaren. Die Diskussion danach war dieselbe: Kann man angesichts solcher Vorfälle noch in Afghanistan bleiben? Kann man ernsthaft darauf hoffen, dass diese Mission doch noch ein Erfolg wird? Oder sollte man nicht endlich das Scheitern der Mission eingestehen und die internationalen Truppen früher als geplant vom Hindukusch zurückholen?
Der Westen hat diesen Krieg aus eigenen Interessen als Kampf gegen den Terror begonnen. Dann aber wurde daraus das Versprechen, die Afghanen in eine bessere Zukunft zu führen, ihnen dabei zu helfen, einen Staat zu bauen, der Sicherheit und Chancen für die Menschen im Land garantieren kann.
Es ist bei einem Versprechen geblieben, der Westen ist grandios an ihm gescheitert. Zum einen, weil er viele militärische und organisatorische Fehler gemacht hat, vor allem aber, weil von Anfang an die Perspektive nicht stimmte. Nie ging es nämlich darum, wie Afghanistan bestmöglich geholfen werden könnte, sondern darum, was der Westen für Afghanistan zu leisten bereit ist – und was nicht. Entsprechend halbherzig wurde der zivile Wiederaufbau vorangetrieben, entsprechend einseitig wurde auf das Erstarken der Taliban Mitte des Jahrzehnts reagiert.
Die Afghanen müssen entscheiden, nicht wir
Stets waren es unsere Vorstellungen und unsere Ressourcen, die den Einsatz in Afghanistan bestimmten, stets war es unsere Perspektive. So auch jetzt, nach dem Amoklauf des US-Soldaten.
Richtig wäre stattdessen zu fragen, ob uns die Afghanen noch wollen. Welche Vorstellung haben sie von der Zukunft ihres Landes? Wann wollen sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen? Und glauben sie, dass sie dies ab 2014, dem Zeitpunkt des internationalen Abzugs, schon können?
Gerade die Reaktion des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai auf den Amoklauf zeigt: Diese Fragen bleiben vorerst ungeklärt. Auf der einen Seite nutzt er nahezu jeden Fehler, jede Wahnsinnigkeit, die dieser Krieg produziert, um vor allem den Einsatz der USA als ungewollte Besatzung zu diskreditieren.
Karsai heizt damit nach innen eine Stimmung im Land an, die den internationalen Truppen alles, was über die Kampfhandlungen gegen Extremisten hinausgeht, so unendlich schwermacht, dass manchmal in der Tat alles verloren scheint. So schwächt er aus taktischen Gründen die moderaten Kräfte in seinem Land – und spielt jenen in die Hände, die einen funktionierenden Staat weiterhin mit Anschlägen verhindern wollen und damit einen Ausblick auf das mögliche Chaos nach dem Abzug geben.
Auf der anderen Seite weiß er genau, auch weil sein persönliches Schicksal damit untrennbar verbunden ist: Ohne die Amerikaner wird es vorerst nicht gehen. Deshalb verhandelt Karsai mit den USA über eine strategische Partnerschaft nach 2014, die vielleicht auch eine Stationierung von Soldaten nach dem Ende des Kampfeinsatzes ermöglichen könnte.
Karsai muss sagen, was er will
Und das ist der eigentliche Punkt, auf den man in diesen Tagen schauen muss. Der Westen kann nur in Afghanistan bleiben, wie lange auch immer, wenn die Afghanen es wollen. Wenn zumindest eine Mehrheit der Menschen dort es will. Erst wenn bei uns – und in der afghanischen Führung – die Erkenntnis wächst, dass es vor allem auf die Afghanen selbst ankommt, können beide Seiten zusammen an Lösungen für alle drängenden Probleme arbeiten.
Der Westen müsste dazu seine ehrgeizig-optimistischen Ziele auf ein realistisches Maß reduzieren und sich geduldig zeigen. Die Afghanen müssten sich eingestehen, dass sie Hilfe weiterhin brauchen und dies auch selbstbewusst sagen – nach innen wie nach außen. Karsais doppelzüngige Gratwanderungen belasten diesen Prozess ebenso sehr wie verkohlte Koranseiten und außer Kontrolle geratene Soldaten. Karsai muss sagen, was er will.
Ja, die Diskussion um einen Abzug muss geführt werden. Aber sie darf nicht allein die Kriegsmüdigkeit des Westens als Hintergrund haben.






... mit der Überschrift des Herrn Luther überein. Aufhören über den Abzug zu reden und einfach abziehen -JETZT!
Ja, der afghanische Staat sollte, wenn der Westen abzieht einen tolerablen Grad an Akzeptanz in der Bevölkerung haben. Zum Anfang hat man käufliche Afghanen zu Verbündeten gemacht. Anfänglich eine einfache Lösung, die aber schon den Kern des späteren Scheiterns in sich trug. Da die obersten Köpfe gekauft wurden, hatten diese eine entsprechende Moral. Die der Korruption und Käuflichkeit. Der Fisch fängt vom Kopf her an zu stinken. Die Moral der Korruption bestimmte die Beamtenapparate von ganz oben den Vorbildern bis nach ganz unten zu den einzelnen Beamten. Wenn man sich mit entsprechendem Bestechungsgeld Beamtenposten kaufen konnte. Wenn an den Straßen und Kreuzungen die Polizisten geschmiert werden müssen, damit die Afghanen unbehelligt ihrem Tagesgeschäft nachgehen können, wenn der ganze Beamtenapparat von Korruption und Mißwirtschaft geprägt ist, dann wird der Rückhalt des afghanischen Staates in der Bevölkerung herabsinken. So niedrig wie der Grad an 'good governance' ist so ist auch der Grad an Rückhalt in der Bevölkerung. Die derzeitige Militärstrategie ist darauf ausgerichtet, die Akzeptanz der afghanische Regierung in der Bevölkerung zu heben. Aber so kann das westliche Militär tun was es will, es nutzt nichts und alle Opfer sind vergeblich, es ist eine Sisyphosarbeit. Das die Soldaten austicken und abdrehen ist auch nicht hilfreich.
Zur derzeitigen Strategie gehört aber auch, den Ministerien zivile westliche Berater zur Seite zu stellen, die die afghanischen Beamten auf 'good governance' trimmen. Dies ist die einzige Hoffnung das Desaster Afghanistan abzumildern. Dafür sollte die Zeit nicht verkürzt werden. Ziel sollte sein, Afghanistan so weit es in der Macht steht geordnet zu hinterlassen. Die afghanischen Beamten sollten Verstand genug im Kopf haben, dass ihre Zukunft vom Rückhalt in der Bevölkerung abhängt.
Ein korrupter Staat schwächt sich selbst gegenüber seiner Bevölkerung. Ich würde auch vermuten, dass das alte US-Konzept genau das einschloß. Ein korrupter sich selbst schwächender Staat, ist zu seinem Überleben auf fremde Hilfe angewiesen. Ohne diese fremde Hilfe würde er von innen gestürzt werden. Eine staatliche Struktur, die Aufgrund ihrer Schwäche nur als ein Vasall fremder Mächte taugt, so etwas ist nicht gerade einzigartig.
Ein noch schnellerer Abzug würde der alten westlichen Hegomonialordnung näher kommen, deswegen ist er abzulehnen.
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