Täter von ToulouseKalt, präzise, antisemitisch

Tausende Polizisten sind auf der Jagd nach dem Toulouser Täter. Alles deutet auf ein antisemitisches Motiv, der Täter scheint geübt im Töten. G. v. Randow, Toulouse von 

Polizisten bewachen den Tatort vor der Ozar Hatorah Schule in Toulouse.

Polizisten bewachen den Tatort vor der Ozar Hatorah Schule in Toulouse.  |  © Gilles Bouquillon/Getty Images

Schock ist das richtige Wort. Hat man es je gesehen, dass das quirlige Zentrum von Toulouse am späten Abend menschenleer ist? Wenige Stunden zuvor war die große Synagoge der Stadt überfüllt, denn nicht nur die jüdische Gemeinde, sondern auch unübersehbar viele andere Bürger waren gekommen, um zu trauern . Da trafen sich nach diesem schrecklichen Tag auch viele Schülerinnen und Schüler, fielen einander in die Arme und begannen, über das Geschehen zu sprechen . Während Tausende Polizisten ermitteln, haben auch psychologische Beratungsgruppen ihre Arbeit aufgenommen.

Nach allem, was heute bekannt ist, fuhr gestern früh kurz nach acht Uhr ein schwerer Motorroller am Eingang der jüdischen Schule Ozar-Hatorah vor. Der behelmte Fahrer stieg in aller Ruhe ab und wählte seine ersten Opfer: den 30-jährigen Religionslehrer Jonathan Sandler und seine beiden Söhne Gabriel und Arieh, vier und fünf Jahre alt. Der Unbekannte tötete alle drei. Sodann machte er ein paar Schritte auf den Schulhof, ermordete die siebenjährige Myriam Monsonego und schoss einen 17-jährigen Schüler nieder. Anschließend raste er mit seinem Roller davon.

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Die Tat gleicht in vielerlei Hinsicht zwei anderen . Am Nachmittag des 11. März wird der 30-jährige Unteroffizier Imad Ibn Ziaten erschossen, ebenfalls in Toulouse. Vier Tage später, in Montauban, sterben die Fallschirmspringer Mohamed Legouad und Abel Chennouf. Sie waren 24 und 25 Jahre alt. In allen drei Mordfällen wurden der gleiche Motorroller und die gleiche Waffe benutzt. Jedes Mal zeigte der Täter beste Ortskenntnis. Stets ging er kaltblütig vor und tötete seine Opfer aus der Nähe, mit Schüssen in den Kopf.

Die Tatumstände sind Anhaltspunkte für die Polizei. Wie und wo hat sich der Täter das Motorrad beschafft? Sein Vorgehen legt außerdem nahe, dass er den Umgang mit Waffen richtiggehend gelernt hat. Es heißt auch, er habe sich mit seinem ersten Opfer, den Unteroffizier Imad Ibn-Ziaten, über eine Kleinanzeigen-Website verabredet: Wenn das stimmt, dann existieren Spuren im Netz; die Pariser Cyberpolizei ist eingeschaltet.

Auch die in allen drei Fällen benutzte Waffe, ein Colt 45, gibt Hinweise. Die schon vor hundert Jahren erfundene Pistole ist vom Kaliber 11,43, das bedeutet, dass sie sehr schwer und laut ist sowie einen enormen Rückstoß hat. Mit ihr umzugehen erfordert viel Übung. Sie ist nicht typisch für Terroristen, zumal auf dem Schwarzmarkt andere, automatische Schusswaffen ebenso leicht zu bekommen sind. Warum hat der Mörder beispielsweise keine Maschinenpistole benutzt? Weil er vor allem mit Sicherheit töten wollte und deswegen ein großes Kaliber benutzte?

Und nach welchen Kriterien hat er seine Opfer gewählt? Er hätte eine beliebige Schule angreifen können, stattdessen traf es eine kleine, recht versteckt liegende jüdische Einrichtung. Keine Frage, die Tat ist antisemitisch. Wenn der Täter ideologische Motive gehabt haben sollte, dann kommen daher ein rechtsextremer oder ein dschihadistischer Hintergrund in Frage.

Die ermordeten Soldaten stammten aus dem Maghreb sowie aus der Karibik . Damit ist islamistischer Terror nicht ausgeschlossen, denn den Maghrebinern war ihre Herkunft nicht unbedingt anzusehen; der Unteroffizier Imad Ibn Ziaten wiederum soll bei der Kontaktaufnahme über die Website seinen Namen nicht benutzt haben. Was allerdings die Aufmerksamkeit der Fahnder erregt hat ist der Umstand, dass just in Montauban vor vier Jahren eine Gruppe rechtsextremer Soldaten aufgedeckt und entlassen worden war.

Leserkommentare
    • gorgo
    • 20. März 2012 9:04 Uhr

    Mein Mitgefühl an die Opfer dieser perversen Tat.

    Antisemitismus muss konsequent und auf allen Ebenen von Gesellschaft bekämpft werden. Keine heimlichen oder verdruckst verpackten Sympatien für Judenfeindlichkeit in der "Mitte" der Gesellschaft

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    Das ist sicher notwendig. Aber man sollte wohl jemanden der vierjährige erschiesst ungeachtet seiner Absichten das Handwerk legen.

    Wir brauchen mehr Kontrollen um abartige Massaker präventiv zu vereiteln.

    - Überwachungskameras
    - Permanente Drohnenaufklärung
    - Vorratsdatenspeicherung
    - Einsatz der Bundeswehr im Inneren
    - Vollständige Überwachung des Datenverkehrs im Internet

    Nur so gelingt es solche Perversen aufzuspüren um Sie von Bluttaten abzuhalten.

    Grüße aus Bayern

    • fur0
    • 20. März 2012 9:10 Uhr

    Die Frage ob Terror oder durchgedrehter Einzeltäter, wird wahrscheinlich gleich wieder in allen Ausführungen breit diskuttiert. Wem's gefällt.
    Die wichtigste Frage ist jedoch nicht jene, wie der Präsident am meisten von dieser Greueltat profitieren könnte,

    sondern vielmehr, ob nicht jede Form von Fremdenhass auch einen Ursprung in einer Politik hat, die gesellschaftlich spaltet, statt zu söhnen.

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    Seit Ewigkeiten leben in Frankreich Juden.
    Seit Ewigkeiten leben in Frankreich Farbige, die immer schon Franzosen sind, weil sie aus den ehemaligen Kolonien stammen.
    Und es gibt die zahlrteichen Algerier, Tunesier, Libyer, die nicht erst seit gestern im Lande leben.

    Den Hass auf Juden muss man nicht immer aus einer Richtung kommen sehen, gerade jetzt wo immer mehr einen kommenden Konflikt mit dem Iran ins Auge sehen.
    Dazu kommt noch das Bestehen des Zustandes in Palästina bzw Ghasastreifen.

    Sicher kann es auch einen Nachahmungseffekt zum Osloer Attentäter geben.

    Im Grunde ist alles möglich. Weshalb es aber keine Bilder von den Überwachungskameras gibt, erscheint schon ein wenig suspekt.

  1. Das ist sicher notwendig. Aber man sollte wohl jemanden der vierjährige erschiesst ungeachtet seiner Absichten das Handwerk legen.

    Antwort auf "Beileid"
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    ...passt eben sowohl in das Bild eines Dschihadisten, als auch in das eines Neonazis. In Beslan im September 2004 waren es Dschihadisten, die Schulkinder abknallten.

    Neonazis und Dschihadisten haben eines gemeinsam: sie sind fanatische Anhänger von menschenverachtenden, totalitären Ideologien.

  2. in diesem fall in der tat antismetisch da ja die meisten araber auch semiten sind.

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    ... von "Antisemitismus" die Rede ist, frage ich mich auch immer, ob die Journalisten überhaupt die Bedeutung des Wortes kennen. Da wird schon mal Gruppen "Antisemitismus" unterstellt, die dann gegen sich selbst sein müssten.^^

    Solange ein islamistischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann, steht keinesfalls fest, dass die Tat "antisemitisch" motiviert ist. Zumal es dann auch an dem besondere europäischen Hintergrund fehlen würde, durch den dieses Wort geprägt wurde.

    bezieht sich ausschließlich auf Juden.
    Er wurde von seinen Erfindern im 19ten Jahrhundert als politisches Programm eigens geprägt, um einen Unterschied zum religiösen Antijudaismus, der sich letzthin nur auf die Religion des Judentums bezog, kenntlich zu machen.

    Daher der Begriff Antisemitismus, der sich auf die biologische Existenz der Juden bezieht, mit der er bestimmte charakterliche Determinationen verbindet.

  3. Wer eine derart abartige Tat mit einer derartigen Präzision durchführt - die flüchtenden Kinder wurden in die Schule hinein verfolgt und erschossen - kann kein Einzeltäter sein. Und wer im Nahkampf ausgebildete französische Soldaten niederstreckt, kann kein militärischer Laie sein.

    Allerdings: nach dem NSU-Skandal hier in Deutschland würde es mich nicht wundern, wenn gewisse staatliche Stellen schon Bescheid wissen und den Täter und seiner Helfershelfer kennen.

    Zudem: Nicholas Sarkozy dürfte das alles nicht ganz unpassend kommen. Politisch steht der Präsident mit dem Rücken zur Wand - und als "Law-and-Order"-Politiker, als den er sich immer gibt, hat er jetzt eine Bühne, auf der er sein "knallhartes Durchgreifen" demonstrieren kann. Das eigentliche Problem wird natürlich nicht gelöst. Wo kämen wir denn da hin?

  4. Entfernt. Bitte bleiben Sie konstruktiv. Danke, die Redaktion/se

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    Redaktion

    Die Überlegung geht so:

    Erstens: Der Anschlag auf die Schule deutet auf ein antisemitisches Motiv hin.
    Zweitens: Die Morde an den Soldaten sprechen nicht gegen ein djihadistisches Motiv, denn (a) war die maghrebinische Herkunft dem Täter nicht unbedingt bekannt und (b) schrecken Djihadisten nicht vor Attacken zurück, wenn in den verhassten Uniformen Moslems stecken.

    Es gibt ein paar andere Umstände, die mir die Variante, dass es ein Rechtsextremer war, wahrscheinlicher erscheinen lassen. Das nimmt aber den obigen Erwägungen nichts von ihrer Validität.

    Wenn ein Erwachsener ermordet wird, dann geht man immer erst auch einmal davon aus, dass es eine Beziehung zwischen dem Täter und dem Opfer gegeben haben könnte, dass die Tat auch Vergeltung für irgendwas sein könnte. Werden Kinder ermordet, dann kann man getrost davon ausgehen, dass dies nicht der Fall ist. Verdichten sich die Hinweise - wie im vorliegenden Fall - dass es nicht reine Mordlust war, sondern die Tat auch politisch motiviert sein dürftee, ändert sich zwangsläufig die Sicht auf das Geschehen.

    "Da werden Moslems in Frankreich getötet, was überhaupt erst irgendjemanden zu interessieren scheint, wenn aus der gleichen Waffe Juden ermordert werden."

    Ich kann Ihnen versichern, dass zumindest hier in Frankreich dass "Interesse" schon nach dem Mord an den Soldaten hoch war. Dass ein Mord an Kindern vor der Schule ein noch ein höheres Maß an Aufmerksamkeit erhält als einer an Soldaten erscheint mir normal. Bei einer moslemischen Schule wäre die Reaktion nicht anders gewesen.

    Übrigens, haben Sie eine Quelle dafür, dass Moslems ermordet wurden? Ich habe nur von einer nordafrikanischen Herkunft von drei der vier beschossenen Soldaten gelesen. Der vierte (der überlebte) war von den Antillen.

    Man sollte bei jeder Erklärung für ein Geschehen die Erklärung zur Ausgangshypothese heranziehen, die mit der kleinstmöglichen Anzahl an Variablen auskommt. Diese Hypothese lässt sich einfach überprüfen. Kommt man dabei zu keinem Ergebnis - und erst dann - sollte man weitere, überprüfbare Variablen einführen. Sie gehen den umgekehrten Weg. Nur, wer möglichst viel spekuliert, wird nie zu einem Ergebnis kommen.
    Abgesehen davon wird man bei einer Einzeltat nicht auf einen größeren Zusammenhang schließen können. Wären zuerst die jüdischen Kinder und dann die Soldaten ermordet worden, würde man die Tat kaum anders bewerten, als dies momentan der Fall ist.

    • serins
    • 20. März 2012 9:52 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten auf Polemik. Danke, die Redaktion/se

    Daß eine solche Barbarei in der traditionell links gerichteten und bekennend gegen Le Pen eingestellten Region passiert, ist für die Toulouser unfaßbar. Trotz aller vergangenen Unruhen blieb es in Toulouse bislang stets gemäßigt. Ich habe dort 20 Jahre gelebt - viele Algerier, Marokkaner, Tunesier sind absolut gegen "Djihad".

    Sie dürfen nicht den Fehler machen, von hiesigen Verhältnissen auszugehen. Sie werden im Südwesten Frankreich "Franzosen", "Maghrebiner" oder "Juden" nicht so leicht voneinander abgrenzen können, wie anderenorts.

    Die Wahl der Schule ist ganz verblüffend. Wollte jemand wirklich einen terroristischen Akt verüben, hätte er sich das Lycée Pierre de Fermat ausgesucht. Fermat ist eine DER Eliteschulen Frankreichs. Fermat hat zudem sehr viele jüdische Schüler. Mögliche "muslimische" Animositäten wären hier am allergrößten - das Konkurrenzdenken der staatlichen Schulen und Schüler untereinander hat Tradition.

    Statt dessen suchte sich der Täter aber eine kaum bekannte private jüdische Schule aus, eine Schule, deren Existenz kaum jemand kennt.

    Die Hypothese eines Racheakts gegen "maghrebinische Kameraden" und die jüdische Gemeinde wegen der 17eRPG-Story (von einem "Maghrebiner" initiiert, durch Intervention des CRIF publik gemacht) halte ich, wenn denn, momentan für glaubwürdiger.

  5. Hoffen wir nur, das saich jetzt nicht wieder einige Unbelehrbare in die Diskussion hier einschalten und damit anfangen, die Toten der Anschläge gegen angebliche Morde durch Muslime / Juden gegenzurechen.

    Solche Gedankengänge gabs nämlich zu Hauf bei den Diskussionen zu den NSU-Morden.

  6. Redaktion

    Die Überlegung geht so:

    Erstens: Der Anschlag auf die Schule deutet auf ein antisemitisches Motiv hin.
    Zweitens: Die Morde an den Soldaten sprechen nicht gegen ein djihadistisches Motiv, denn (a) war die maghrebinische Herkunft dem Täter nicht unbedingt bekannt und (b) schrecken Djihadisten nicht vor Attacken zurück, wenn in den verhassten Uniformen Moslems stecken.

    Es gibt ein paar andere Umstände, die mir die Variante, dass es ein Rechtsextremer war, wahrscheinlicher erscheinen lassen. Das nimmt aber den obigen Erwägungen nichts von ihrer Validität.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Besser, man ermittelt schon von vorneherein in alle Richtungen, als sich wie bei den Ermittlungen der NSU-Morde sich auf Vorurteile zu stützen und nur in eine bestimmte (politisch gewollte ?) Richtung zu ermitteln, in der den Opfern vorgeworfen wird, selbst an Ihrem erlittenen Schicksal zumindest teilschuldig zu sein.

    • fse69
    • 20. März 2012 10:17 Uhr

    Islamistische Terroristen nehmen Kinder zwar als "Kollateralschaden" in Kauf, dass in diesen Kreisen aber jemals gezielt auf Kinder geschossen worden wäre, habe ich noch nicht vernommen. Gewiss: es gab zwar auch Zeiten, in denen Muslime, die als Selbstmordattentäter in Erscheinung treten, meine Vorstellungskraft gesprengt hätten, aber die gezielte Ermordung von kleinen Kindern ist auch in islamistischer Logik und Ethik nochmals eine ganz andere "Hausnummer". So was würde ich dann doch eher dem konventionellen rechtsextremistischen Rassismus zutrauen.

    Selbst wenn sie, wie sie in ihrem Kommentar schildern, beide Varianten, also die des Rechtsextremen und des Dschihadisten, gleich setzen, hört sich das noch lange nicht so im Text an. Viel mehr hat man das Gefühl, dass sie den Leser mit wiederholter Rhetorik zwanghaft versuchen zu der Dschihadisten-variante zu führen.
    Alle anderen Medien, wie auch sie selbst, sagen eindeutig, dass die Tat sehr ähnlich zu den anderen zwei war (die komischer Weise nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich zogen). Und wie kommen sie eigentlich darauf zu schreiben: den "Maghrebinern war ihre Herkunft nicht unbedingt anzusehen"? Ist das ihre persönliche Meinung? Davon abgesehen wird geschildert, dass der Täter sehr überlegt gehandelt hat. Wenn dem so ist, dann wird er bestimmt die Identität der ersten Opfer auch gekannt haben. In diesen Zusammenhängen weiterhin zu versuchen die Dschihadisten-variante als plausible(r) zu verkaufen, ist mir unverständlich.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Nicolas Sarkozy | Eta | Toulouse | Motorrad | Opfer | Schüler
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