Front-National-Präsidentin Marine Le Pen bei einer Parteiveranstaltung © Martin Bureau/AFP/Getty Images

Auf den ersten Blick sieht alles ganz bürgerlich aus. Dieses Bild zeichnet Marine Le Pen, französische Präsidentschaftskandidatin und Chefin des Front National (FN), am liebsten von ihrer Partei. Seit Monaten treibt sie Ausschlussverfahren voran, um die radikalsten der Mitglieder loszuwerden.

Zumindest in einer Hinsicht scheint diese selbst verordnete "Dediabolisierung" sogar zu funktionieren: Nach einer aktuellen Befragung des Instituts Ipsos-Logica würden 17,5 Prozent der Franzosen im ersten Wahlgang Le Pen wählen. Trotz Sarkozys Rechtswende . Tatsächlich aber ist der vermeintliche Reinigungsprozess nur oberflächlich: Le Pen und viele Parteikollegen pflegen weiter intensive Kontakte zur extremen Rechten.

In Lille verkündete die FN-Jugendorganisation auf einer Veranstaltung mit Marine Le Pen die strategische Partnerschaft mit der "Union zur Verteidigung der Jugend" (UDJ), einer extrem gewaltbereiten Pariser Studentenverbindung. Wegen schwerer Körperverletzung an Muslimen standen zwei der Mitglieder im Februar dieses Jahres bereits zum zweiten Mal vor Gericht.

Ein ehemaliger Vorsitzender der Gruppe, Fréderic Chatillon, leitet die Kommunikationsagentur der Partei. Chatillon begleitete Le Pen auch auf ihrer offiziellen Italienreise und stellte den Kontakt zur neofaschistischen Bewegung MSI her. Ein weiteres ehemaliges UDJ-Mitglied, der Anwalt Philippe Péninque, arbeitet für Le Pen als politischer Berater. Mit Wissen der Pariser Parteiführung betreibt der Wahlkampfleiter der Region um Nantes, Christian Bouchet, ein antizionistisches Blog. Sein Sohn betreut die offizielle Facebook-Seite Le Pens.

Radikale bleiben mehr im Hintergrund

"Marine Le Pen ist nicht dabei, sich der Antisemiten und der (katholischen) Traditionalisten zu entledigen", sagt die französische Soziologin Marie-Cécile Naves. Die Mitherausgeberin eines Lexikons des Rechtsextremismus beschreibt die offensichtliche Strategie der Parteichefin so: "Wichtig ist es lediglich, dass die radikalsten Mitglieder weniger in den Medien und auf Demonstrationen sichtbar sind."

Einen weiteren Beleg für die halbherzige Abkehr von radikalen Elementen liefert ein Blick in das Umfeld des umstrittenen Universitätsprofessors und FN-Spitzenpolitikers Bruno Gollnisch . Er unterlag 2011 knapp Marine Le Pen im Rennen um die Präsidentschaft der Partei. Gollnisch ist Abgeordneter im Europaparlament, Mitglied des Parteivorstands und Vorsitzender der FN-Fraktion in der Region rund um Lyon. Er gilt als Europas einflussreichster Nationalist und hat beste Kontakte zur extremen Rechten.

Weicher Händedruck, gewählte Ausdrucksweise, fast möchte man den grau melierten Herrn als Anhänger eines weltoffenen Europabildes sehen. Doch der Schein trügt. Gollnisch ist Professor für "Japanische Sprache und Zivilisation" an der Lyoner Universität Jean Moulin und zugleich mitverantwortlich dafür, dass man die drittgrößte Stadt in den französischen Medien gern als "Labor des Rechtsextremismus" bezeichnet. Man könnte sich fragen, ob es schlimm sei, wenn ein Professor einer rechten Partei Vorlesungen über Japan hält. Doch es geht auch mehr um das, was Gollnisch sonst noch sagt.