BundespräsidentGauck zu Gast bei Freunden

Seine erste Auslandsreise führte Bundespräsident Joachim Gauck nach Polen. Dort fühlte er sich sichtlich wohl, mied aber kontroverse Themen. von 

Freiheit, Freude und immer wieder das Herz: Mit diesen Begriffen dankt Joachim Gauck  auf seiner ersten Auslandsreise den polnischen Gastgebern "für ihre Offenheit und Freundschaft". "Einige Kommentatoren haben es zu einem politischen Kalkül erklärt, dass ich zuerst nach Warschau und nicht nach Paris gefahren bin, nur weil in Frankreich Wahlkampf herrscht. Das ist falsch. Ich bin dem Ruf meines Herzens gefolgt", stellt der neue Bundespräsident klar.

Gauck überhäuft seine Gastgeber derart redegewandt mit Lob, dass sogar die Dolmetscherin um Einhalt bitten muss. "Es ist mir eine große Freude, hier zu sein", sagt der Präsident immer wieder. Das Staatsoberhaupt fühlt sich sichtlich heimisch bei seinem Antrittsbesuch in Warschau . Er ist zu Gast bei Freunden. "Kein deutscher Präsident vor ihm hat die polnische Seele so gut verstanden wie er", kommentiert die Zeitung Polska den Besuch.

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Für und gegen die Solidarnosc

Der polnische Präsident Bronisław Komorowski schenkt dem neuen Amtskollegen ein Wahlplakat der polnischen Demokratiebewegung Solidarność aus dem Wendejahr 1989. Das Bild zeigt einen Westernhelden im Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit. "Der Kampf der Solidarność hat mich in der DDR immer motiviert", erzählt der glückliche ehemalige Bürgerrechtler Gauck.

Komorowski ist sichtlich zufrieden. Dabei ist es ausgerechnet die Gewerkschaft Solidarność, die ihm und vor allem der Regierung seines Parteifreundes Donald Tusk derzeit besonders schwer zu schaffen macht. Vor der Warschauer Regierungszentrale bietet sich Gauck vor seinem kurzen Gespräch mit Tusk ein Bild, das ihn nach der Episode mit dem Plakat erst recht an alte Zeiten erinnert haben dürfte. Die Solidarność hat vor der Kanzlei des Ministerpräsidenten ein Zeltlager errichtet. Die Aktivisten protestieren gegen die geplante Einführung der Rente mit 67 Jahren.

Gauck kritisiert polnische Vergangenheitsbewältigung

"Über die polnische Innenpolitik haben wir nicht gesprochen", antwortet Gauck, als ihn einheimische Journalisten nach dem Streit um Tusks Sozialreformen fragen. Der Präsident ist sichtbar bemüht, keinen Fehler zu machen. Dabei ist längst nicht alles so harmonisch zwischen Gauck und den Polen . Als Gauck bereits für das Präsidentenamt nominiert, aber noch nicht gewählt war, zeigte er sich bei einem Besuch in Łódź enttäuscht darüber, dass die postkommunistische Führung um Lech Wałęsa in den neunziger Jahren einen "dicken Schlussstrich" unter die Vergangenheit gezogen hatte. Den langjährigen Herrn über die Stasi-Akten ärgert das bis heute.

Die Kritik an Wałęsa hat den Nebeneffekt, dass Gauck in Polen sogar auf der äußeren Rechten punkten kann, im traditionell antideutschen Lager von Jarosław Kaczyński . Der Parteichef der Nationalkonservativen setzte während seiner Regierungszeit zwischen 2005 und 2007 eine Durchleuchtung der Gesellschaft auf Stasi-Seilschaften ins Werk – bis ihn die Bürger schnell wieder abwählten. Eine Gauck-Behörde wie in Deutschland hat es in Polen nie gegeben.

Leserkommentare
    • ThorHa
    • 27. März 2012 16:53 Uhr

    im Ausland (!) als Repräsentant Deutschlands ohne politische Macht heikle Themen anzusprechen. Und das weiss auch der Autor dieses Artikels. es trotzdem prominent zu erähnen, kann verschiedenen Zwecken dienen. Keiner davon ist ehrenwert.

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    Stelle im Grundgesetz finden, in der erwähnt wird, dass der Präsident nur Streicheln und Seifenblasen pusten soll. Ein Präsident hat wohl immernoch die Macht, selbst zu entscheiden, wie er sich Präsentiert und "uns" repräsentiert.

    Ich hätte mir zumindest die UNterlassung der Bescreibung des "Landes der Freiheit" gewünscht. Das ist Polen nicht im geringsten. Es ist vielmehr ein Mekka der Homophoben, weil der Katholizismus dort groß ist. Es gibt nicht nur keine Öffnung der Ehe sondern überhaupt keine eingetragene Partnerschaftlich für Homosexuelle. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sogar dagegen.

    Wenn ich sehen will, wie liberal ein Land ist, schaue ich mir immer an, wie es seine Minderheiten, seine Benachteiligten und seine Schwachen behandelt. Tiere, Kinder, Alte, Homsoexuelle, Frauen, Arme ect.

    Man muss das sicher nicht alles erwähnen bei einem Auslandsbesuch. Aber man sollte nicht mit dem Begriff der Freiheit so unvorsichtig umgehen und es um sich herumwerfen. Ich bin sicher, dass viele Homosexuelle in Polen, das mindestens als Unangebracht bezeichnen würden wenn nicht sogar als Schlag ins Gesicht.

  1. "Gauck überhäuft seine Gastgeber derart redegewandt mit Lob, dass sogar die Dolmetscherin um Einhalt bitten muss."

    Klingt aber gar nicht. Sind Lobhudelei und kritiklose Befürwortung wie auch das Unter-den-Teppich-kehren von realen Konflikten ein Zeichen echter Freundschaft?

    "Der Streit um die Geschichtspolitik, um das richtige Gedenken an Weltkriegsverbrechen, Flucht und Vertreibungen hat beide Seiten zwar ebenso wenig dauerhaft entzweien können wie die antideutsche Attitüde der Kaczyński-Zwillinge oder der Bau der deutsch-russischen Ostseepipeline an Polen vorbei. Doch die Chancen, die sich der Bundesregierung bieten, seit in Warschau der prodeutsche Premier Tusk regiert, hat Kanzlerin Angela Merkel wohl auch in Gaucks Augen zu wenig genutzt."

    Die bestehen worin? Zu allen Ja und Amen sagen und der polnischen Seite wie auch deren Ansichten Genüge zu tun?

  2. Also Polen kann er. Wenn er jetzt noch zugibt, dass er nie ein Stasi-Jäger war, haben wir fast Normalität.

  3. ...hat bisher ohne wirkliche politische Unterstützung statt gefunden. Das haben die polnische und deutsche Bevölkerung selbst gut auf die Reihe bekommen. Seitens der Politik wurde vielfach dagegen gearbeitet. Ich nenne hier nur die Namen Steinbach oder die der Kaczinski-Zwillinge. Schön, dass Joachim Gauck da sehr viel differenzierter auftritt und auch seinen ersten Staatsbesuch in Polen gemacht hat.

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/kvk

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    • Schnel
    • 27. März 2012 17:51 Uhr

    Pumpernickel?

    Entfernt. Der Kommentar auf den Sie sich beziehen, wurde bereits moderiert. Die Redaktion/ls

  5. ich habe heute morgen auf WDR 5 einen Kommentar von polnischer Seite gehört, der passte eigentlich ziemlich genau zu dem Gauck, wie wir ihn kennen.
    Der Pole meinte nämlich, am Anfang habe Gauck von der Solidarnoc-Bewegung gar nichts gehalten, dachte an ein nicht lebensfähiges Kind, wie die Aufstände im Ostblock zuvor. Sollten sie besser sein lassen.

    Erst als Solidarnoc die polnische Regierung zu einem Abkommen zwang, habe er gemerkt, dass da wirklich was lief.

    Seitdem preist er Polen, ohne dessen Vorbild die friedliche Revolution in der DDR wohl so nicht möglich gewesen wäre.

    Bei der kam er allerdings auch wat spät :-)

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    • bugme
    • 27. März 2012 20:21 Uhr

    Dort haben Polnische Politiker die vorbildliche Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit durch Gauck gelobt und erklärt, dass Polen nach dem vorbild Gaucks dies auch versucht habe.
    Darüberhinaus sprachen Sie darüber, welche Aussagen Gaucks seit jahren in Polen häufig zitiert werden, da sie als vorbildlich und motivierend gesehen werden. War ein echt interessanter Beitrag.

    • th
    • 27. März 2012 22:40 Uhr

    Viele "Linke" (in und ausserhalb der SPD, und in den Medien) in der damaligen Bundesrepublik haben noch nicht einmal gemerkt, was die Solidarnosc für Polen bedeuteter, als in Polen 1981 das Kriegsrecht ausgerufen wurde - also ein Jahr nach dem von Ihnen erwähnten "Abkommen" von 1980 - und was die Solidarnosc für den gesamten Ostblock bedeutet hat, haben sie noch nicht einmal 1989 eingesehen.

    "Erst als Solidarnoc die polnische Regierung zu einem Abkommen zwang, habe er gemerkt, dass da wirklich was lief."

    Ja und? Ist es verboten, seine Meinung zu ändern? Ich meine, man sollte einmal die historische Entwicklung im Auge behalten.

    Als Solidarnoc zu Beginn der 1980er Jahre in Erscheinung trat, war das nicht nur im Westen mit schlimmsten Befürchtungen verbunden. Man gab keinen Pfifferling auf Solidarnosc.

    Es war die Zeit der Breschnew-Doktrin - und ohne die Verhängung des Kriegsrechts durch General Jaruselski wäre es zu einer massiven militärischen Intervention der UdSSR in Polen gekommen. Und dass die Sowjets mit abtrünnigen Staaten keinen Spaß verstanden, haben die Interventionen in Ungarn, der CSSR und in Afghanistan gezeigt.

    Man sollte immer nicht vergessen: die Staaten des Warschauer Pakts waren nicht wirklich unabhängig. Letztendlich wurden die Entscheidungen in Moskau getroffen. Dass die Sowjetunion am Ende selbst zusammenbrach, konnte 1981 niemand ahnen.

  6. "Kein deutscher Präsident vor ihm hat die polnische Seele so gut verstanden wie er"
    versteht er die französische, englische und amerikanische Seele denn auch? Und überhaupt mit Gott kann er ja wohl auch noch.......

    Daumen hoch, was soll uns da schon noch passieren.

    Wer will schon eine deutsche Seele verstehen?

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    Bevor er eine Seele versteht, sollte er erst mal für alle erklären was eine Seele ist und sie begründen/beweisen.

    Aber es klingt ja soooo schön, wenn man Völkern Seelen zuschreibt. So literarisch, so romantisch. Da sind Inhalte nebensächlich.

    • th
    • 27. März 2012 22:43 Uhr

    aber natürlich kann Gauck die Beweggründe der mittleren und älteren Politiker-Generation in Polen besser nachvollziehen, als die meisten deutschen Politiker mit westdeutschem Hintergrund.

    Das liegt ganz einfach an seiner DDR-Erfahrung.

    Ist doch offensichtlich - also wozu die Aufregung?

    • Schnel
    • 27. März 2012 17:51 Uhr

    Pumpernickel?

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