GroßbritannienDas Budget einer politischen Vernunftehe

Großbritanniens Regierung hat einen Haushalt für 2013 vorgelegt. Man könnte das als Erfolg der Koalition aus Tories und LibDems sehen. Doch die Spannungen nehmen zu.

Der britische Premierminister David Cameron (links) und sein Vize Nick Clegg

Der britische Premierminister David Cameron (links) und sein Vize Nick Clegg

Die Regierung in London hält an ihrem finanzpolitischen Kurs fest. Es bleibt bei der Route, auf die sich Konservative und Liberaldemokraten bei der Bildung der Koalition im Jahre 2010 geeinigt hatten. Die Schuldenkrise, in der Großbritannien wie andere Staaten des Westens stecken, verlangt es, das strukturelle Defizit des Staates zu beseitigen. Das war und ist die Argumentation der Koalition, und so lautet im Kern die Botschaft von Schatzkanzler George Osborne, der am Mittwoch seinen Haushaltsplan für das nächste Jahr vorlegte.

Die Koalition zwischen Tories und LibDems war von Anfang an eine freudlose Angelegenheit. Von einer Liebesheirat zwischen Konservativen und Liberaldemokraten konnte nie die Rede sein – auch wenn David Cameron und Nick Clegg in den romantischen Anfangsmonaten gern den Eindruck erweckten, als seien sie stets für einander bestimmt gewesen. In Wahrheit handelt es sich um eine kühle Vernunftehe.

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Das Bündnis verdankt seine Geburt einzig schierer Notwendigkeit: Das Wahlresultat von 2010 ließ keine Alternative zu. Zugleich verlangten das Ausmaß der Staatsverschuldung und ein Haushaltsdefizit von beinah griechischen Dimensionen harte Einschnitte. Andernfalls hätte Großbritannien der Staatsbankrott gedroht, es hätte einen Teil seiner Souveränität preisgeben müssen und damit die Fähigkeit verloren, über das eigene Schicksal zu entscheiden.

Das ist der Hintergrund, vor dem Osbornes Haushalt gesehen werden muss. Liberaldemokraten und Konservative mögen sich wochenlang gefetzt haben über die Prioritäten des Budgets, über die Fragen, welches Segment der Bevölkerung zu entlasten sei, wem mehr Lasten zugemutet werden können.

Defizitabbau hat absoluten Vorrang

Am Ende kam ein fiskalneutrales Budget heraus: Steuersenkungen wurden durch Erhöhungen an anderer Stelle ausgeglichen. Die Regierung weicht nicht einen Deut ab von ihrem Sparkurs. Der Abbau des Defizits besitzt absoluten Vorrang. Die Entschlossenheit verdient Anerkennung.

Doch sind die Konservativen mit der Senkung des Spitzensteuersatzes von 50 auf 45 Prozent ein hohes, Kritiker sagen unnötiges Risiko eingegangen. Wahrnehmung zählt mehr denn je in der aufgeheizten, emotionalisierten Atmosphäre westlicher Mediendemokratien, die eine Sparpolitik erleben und in denen der Lebensstandard der großen Mehrheit der Bevölkerung über die nächsten Jahre hinweg unweigerlich weiter sinken wird. Die Gefahr ist, dass die Öffentlichkeit dieses Budget nur als "Geschenk für die Superreichen" wahrnehmen wird.

Osborne sagt die Wahrheit, wenn er verkündet, er werde den Reichen dank des Bündels an neuen Maßnahmen künftig fünfmal mehr Steuern abknöpfen als zuvor. Mit dem Spitzensteuersatz von 50 Prozent stand Großbritannien unter den G20 und in Europa allein auf weiter Flur. Auch Deutschland und Frankreich verzichten auf diesen Spitzensatz, der dem britischen Staat in der Vergangenheit wenig eingebracht hat. Unabhängige Berechnungen sprechen von 100 Millionen statt der erwarteten 3 Milliarden Pfund.

"Budget der Millionäre"

Der letzte Schatzkanzler einer Labourregierung, Alistair Darling, hatte die 50-Prozent-Marke im Jahr 2009 angesichts der Erregung über gierige Banker mehr aus Gründen der psychologischen Hygiene denn in Erwartung signifikanter Mehreinnahmen eingeführt und die Maßnahme wohlweislich stets als nur "temporär" bezeichnet. Zum Budget von Osborne bemerkte er, dass er viele der Veränderungen darin willkommen heiße.

Vielleicht wäre Labourführer Ed Miliband gut beraten gewesen, sich an Darlings Reaktion zu orientieren. Doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen und sprach von einem "Budget der Millionäre", in der durchaus berechtigten Annahme, Teile der Medien und der Öffentlichkeit würden diese griffige Deutung übernehmen. In der Tat wird nun da und dort suggeriert, die Tories hätten jetzt endlich die Maske der "fürsorglichen Konservativen" fallen gelassen und ihr wahres, kaltes und unsoziales Gesicht enthüllt. Zurück zu den Achtzigern und der Härte der Thatcher-Epoche.

Leserkommentare
  1. 1. ......

    [Die Wähler wissen, dass es ohne drastische Kürzungen auch des Sozialstaates nicht gehen wird.]

    Der Sozialstaat ist nicht nur eine Stütze für die Armen, sondern auch für die Wirtschaft. Aber so lange die Journalisten und Co. es nicht begreifen, wird sich auch nichts ändern.

    Wenn man am Sozialstaat streicht, streicht man auch die Steuereinnahmen, Arbeitsplätze und an der Wirtschaftsleistung.

    Wo man hingegen den Rotstift ansetzt, ist bei den Steuergeschenken für Reiche.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben vollkommen Recht.
    Ein weiterer wichtiger Faktor, warum ein funktionierender Sozialstaat überaus wichtig ist, liegt auch in der Wahrung des gesellschaftlichen Friedens.
    Wenn selbst die Ärmsten ein menschenwürdiges Auskommen haben, sorgt das auch für die Sicherheit der reicheren Bevölkerungsschichten. Verweigert man ihnen dies, ist das ein sicherer Weg hin zu sozialen Unruhen und Instabilität. Es ist ja nicht so, als hätte England nicht kürzlich traurige Erfahrungen damit machen können, wie schnell der soziale Frieden verschwinden kann.

    Das sollten sich die Eliten klar machen: Es garantiert vor allem auch ihre eigene Sicherheit, wenn sie mittels eines funktionierenden Sozialstaats auch den Armen ein menschenwürdiges Leben zugestehen.

    Sie haben vollkommen Recht.
    Ein weiterer wichtiger Faktor, warum ein funktionierender Sozialstaat überaus wichtig ist, liegt auch in der Wahrung des gesellschaftlichen Friedens.
    Wenn selbst die Ärmsten ein menschenwürdiges Auskommen haben, sorgt das auch für die Sicherheit der reicheren Bevölkerungsschichten. Verweigert man ihnen dies, ist das ein sicherer Weg hin zu sozialen Unruhen und Instabilität. Es ist ja nicht so, als hätte England nicht kürzlich traurige Erfahrungen damit machen können, wie schnell der soziale Frieden verschwinden kann.

    Das sollten sich die Eliten klar machen: Es garantiert vor allem auch ihre eigene Sicherheit, wenn sie mittels eines funktionierenden Sozialstaats auch den Armen ein menschenwürdiges Leben zugestehen.

  2. das englische Dilemma oder die Totalabhängigkeit von der City nicht so tragisch sehen. Die Briten werden die ihnen vorgesetzten Kröten schlucken. Schließlich sind sie nicht ohne Grund als Patrioten bekannt.
    Ausserdem hat man gut betuchte Freunde zuhauf. Was also sollte da schief gehen?
    Ach ja, und ausserdem gibt es in Nahost noch einige Optionen.
    Da kann man getrost sein.
    Der Unionjack wird nicht untergehen. Da werden eher die Gänse Radfahren lernen.
    Und schließlich hat man ja noch seine eigene Währung, mit deren Hilfe Alles a little bit better geht.
    Nur Mut.

  3. Sie haben vollkommen Recht.
    Ein weiterer wichtiger Faktor, warum ein funktionierender Sozialstaat überaus wichtig ist, liegt auch in der Wahrung des gesellschaftlichen Friedens.
    Wenn selbst die Ärmsten ein menschenwürdiges Auskommen haben, sorgt das auch für die Sicherheit der reicheren Bevölkerungsschichten. Verweigert man ihnen dies, ist das ein sicherer Weg hin zu sozialen Unruhen und Instabilität. Es ist ja nicht so, als hätte England nicht kürzlich traurige Erfahrungen damit machen können, wie schnell der soziale Frieden verschwinden kann.

    Das sollten sich die Eliten klar machen: Es garantiert vor allem auch ihre eigene Sicherheit, wenn sie mittels eines funktionierenden Sozialstaats auch den Armen ein menschenwürdiges Leben zugestehen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "......"
  4. "Der Abbau des Defizits besitzt absoluten Vorrang. Die Entschlossenheit verdient Anerkennung."

    Auch dieser Artikel insinuiert, dass ALLE gemeinsam jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben und es demnach nur gerecht ist, dass auch ALLE den Gürtel enger schnallen müssen.

    Unterschlagen wird (mal wieder), dass nur ein paar WENIGE von den Finanzspekulationen profitiert haben, diese dafür aber umso gewaltiger. Und diese paar wenigen werden jetzt auch noch über Gebühr von den zukünftigen Härten verschont bleiben.

    Jedoch erklären uns die "Leitmedien" warum das alles doch irgendwie ganz prima so ist. Tag für Tag für Tag.

    Eine Leserempfehlung

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