In Hyderabad, Hauptstadt des Bundesstaates Andhra Pradesh © NOAH SEELAM/AFP/Getty Images

Wenn Indien offiziell seine Armen und Hungerleider zählt, werden es jedes Mal weniger. So auch diese Woche: Um 50 Millionen wäre die Zahl der armen Menschen in den Jahren zwischen 2005 und 2010 gesunken, verkündete ein Bericht der indischen Planungskommission. Das machte Schlagzeilen. War das nicht ein durchschlagender Erfolg? Doch der Jubel blieb aus.

Im Gegenteil: Im Parlament sprach die Opposition von einer "Armenlüge" der Planungskommission. Und sogar Premierminister Manmohan Singh schien diesmal für seine politischen Gegner mehr Verständnis zu haben als für die eigenen Leute: Die Zahlen der Kommission seien "nicht zufriedenstellend und zeichneten kein ganzheitliches Bild", bemerkte der Regierungschef. Sein Urteil entsprach schlicht dem gesunden Menschenverstand.

Denn die Planungskommission hatte ihre Rechnung wie immer gemacht: nach ihren eigenen Vorgaben. Demnach ist ein Inder nicht mehr arm, wenn er im Monat 9,76 Euro verdient. Ein Landbewohner braucht pro Tag sogar nur 33 Cents, ein Stadtbewohner nur 42 Cents, dann leidet keiner von ihnen mehr Hunger – sagt die Planungskommission. Doch wer wollte ihr das glauben? Nicht einmal der eigene Regierungschef. Denn in Indien steigen die Lebensmittelpreise seit Jahren im zweistelligen Bereich. Für 42 Cents bekommt man in Delhi gerade mal ein Kilo Reis und ein Busticket für drei Stationen. Jeder weiß: davon kann man nicht leben.

Vorbild China

Tatsächlich arbeitet die indische Planungskommission noch wie zu Zeiten der zentralen Planung, als die Ergebnisse stets die Vorgaben übertreffen mussten. Entsprechen willkürlich setzt sie die Armutsgrenze fest. Zudem spart die Regierung Geld, wenn sie die Armutszahlen reduziert, denn sie weist Lebensmittelhilfen und Gelder für die Landarbeiterbeschäftigung nach ihren eigenen Berechnungen der Bedürftigkeit an. 50 Millionen Arme weniger in den Statistiken der Planungskommission sind deshalb auch 50 Millionen weniger Empfänger von Lebensmittelhilfe.

Das alles ist ein zynisches Spiel mit einer der größten Krisen dieser Welt. Noch immer sterben in Indien im Jahr 1,7 Millionen Kinder an Unterernährung . Bei den wichtigsten Armutsindikatoren wie Lebenserwartung, Kinder- und Müttersterblichkeit, Kinderimpfungen und erteilte Schuljahre liegt Indien im internationalen Vergleich stets auf den allerletzten Plätzen. "Nach 20 Jahren Wachstum vergessen die meisten von uns, dass Indien bis heute eine der ärmsten Nationen der Welt ist", warnte erst kürzlich der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen.