Israels Premier Benjamin Netanjahu mit US-Präsident Barack Obama (r) © Amos Ben Gershom/GPO/Getty Images

Das Schreiben aus dem Jahr 1944 bewahrt Benjamin Netanjahu als ständige Mahnung in seinem Schreibtisch auf. Israels Ministerpräsident zitierte daraus bei seiner Rede in Washington vor der israelischen Lobby-Organisation AIPAC . Damals, 1944, flehte der Jüdische Weltkongress das Kriegsministerium der USA an, das Vernichtungslager der Nazis in Auschwitz zu bombardieren.

Die Amerikaner lehnten ab – unter anderem mit der Begründung, eine solche Aktion würde die Katastrophe nur verschärfen und die Deutschen zu weiteren Racheaktionen verleiten. Die Folgen sind bekannt: Der amerikanische Angriff blieb aus, die Deutschen mordeten weiter.

Netanjahu zitierte aus diesem Schreiben, um damit die Lage im Atomkonflikt mit dem Iran zu verdeutlichen. Auch in diesem Konflikt werde immer wieder das Argument vorgetragen, ein Angriff auf den Iran würde das Regime dort nur noch weiter anstacheln und darum mehr schaden als nutzen.

Heute haben die Juden eine schlagkräftige Armee

"Aber 2012 ist nicht 1944", gestand Netanjahu in seiner Rede ein. Zum einen, weil die Amerikaner heute anders seien. Zum anderen aber, weil die Juden anders seien. Sie besäßen knapp 70 Jahre später einen Staat und eine schlagkräftige Armee.

Der Vergleich hinkt aber noch aus anderen Gründen: Nicht nur die westliche Welt ist besorgt über den Iran. Die arabische Liga ist alarmiert und der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat scharfe Sanktionen beschlossen. Zudem erklärte US-Präsident Barack Obama unmissverständlich , seine Politik ziele nicht darauf, den Iran im Falle einer atomaren Bewaffnung einzuhegen, sondern von vornherein den Bau der Atombombe zu verhindern – notfalls mit militärischer Gewalt.

Anders als damals in Auschwitz schließt Amerika also jetzt einen Angriff nicht aus. Nur will Präsident Obama zunächst der Diplomatie und den Sanktionen eine weitere Chance geben.

Das unterscheidet Netanjahu und Obama – und das ist ihr erster Streitpunkt: Für den Israeli ist es bereits eine Minute, für den Amerikaner erst zehn Minuten vor Zwölf. Netanjahu will bereits der Atomwaffenfähigkeit des Irans Einhalt gebieten, Amerika hingegen will in erster Linie den Bau einer Atombombe verhindern.