NahostWarum Netanjahu den Iran-Krieg nicht will

Alle Welt geht davon aus, dass Israel bald Irans Atomanlagen angreifen wird. Doch die innenpolitische Lage und Netanjahus Charakter widersprechen dieser Einschätzung. von 

Benjamin Netanjahu

Benjamin Netanjahu  |  © GALI TIBBON/AFP/Getty Images

Die hebräischen Kino-Plakate, die an den heutigen Iran erinnern, hängen schon seit Wochen. Sie warben schon für A Separation , noch bevor das Werk mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde. Die Zuschauer strömten von Anfang an in die Säle, neugierig auf Alltagszenen aus einem Land, dessen Regime so gerne davon redet, dass es Israel von der Landkarte löschen möchte. Zu den Kinogängern zählten betagte Einwanderer, die den Iran als Kinder verlassen hatten. Auch sie wollten einen Blick hinter die Kulissen werfen, ins moderne Teheran , in eine Gesellschaft, die mehr zu bieten hat als tiefverschleierte Frauen und vielleicht bald die Bombe.

Während die Welt entschieden hat, so hat man den Eindruck, dass Israel bald die iranischen Atomanlagen angreifen wird, um eben jene Bombe zu verhindern, ist man sich darüber in Israel selbst nicht so sicher. Zwar sprach Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vorige Woche im fernen Washington vor dem pro-israelischen AIPAC-Publikum davon, dass er Raketen auf Tel Aviv (als Antwort auf einen Militärschlag) einem Iran mit Bombe vorziehe – und erntete dafür viel Applaus. Doch in Israel, wo diese Raketen dann ankämen, nehmen sich die Reaktionen viel nüchterner aus.

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Nach den jüngsten Umfragen meinen 58 Prozent der Israelis, ihr Land sollte nicht im Alleingang handeln, falls sich die Vereinigten Staaten gegen einen Angriff entscheiden sollten. Die Hälfte der Befragten vertraut auf Netanjahu und seinen Verteidigungsminister Barak, in dieser Angelegenheit die richtigen Entscheidungen zu treffen. 65 Prozent der jüdischen Israelis und 47 Prozent der arabischen Israelis wiederum unterstützen einen Angriff auf den Iran, falls er gemeinsam mit den Vereinigten Staaten ausgeführt werden würde.

Niemand in Israel spielt die potenzielle Gefahr herunter, die von einem mit Atombomben bewaffneten Iran ausgehen würde. Doch, anders als im Ausland bisweilen dargestellt, gibt es auch viele Stimmen, die vor einem zu eiligem Handeln warnen. Und jene, die sich so äußern, haben durchaus Gewicht. Zu ihnen gehört der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan. In einem Interview für den amerikanischen Sender CBS riet er zur Vorsicht und warnte vor dem hohen Preis, den die israelische Bevölkerung bezahlen müsste. Man wisse, wie Kriege begännen, aber nicht wie sie aufhörten. Er bestätigte dem iranischen Regime zudem "Rationalität".

In Israel denkt man strategischer

Dass es derzeit noch keine klare Antwort auf die Frage gibt, ob es zu einem israelischen Militärschlag gegen die Nuklearanlagen kommen wird, nimmt man in Israel nicht als Hängepartie wahr, sondern als Teil einer Strategie, die hier jeder leicht begreift: Die Drohung soll Teheran zur Vernunft bringen; aber sie kann nur dann wirksam sein, wenn sie wirklich als ernsthafte Option auf dem Tisch liegt. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich der Iran zu Gesprächen bereit erklärt hat, weil er die Sanktionen zu spüren bekommt und versteht, dass es noch mehr Alternativen gibt", erklärte der nationale Sicherheitsberater Yaakov Amidror. Niemand wäre glücklicher als die Israelis, fügte er hinzu, wenn die Iraner ihre atomaren Bestrebungen aufgäben.

In heimischen Fernsehinterviews hatte Netanjahu kürzlich sein Dilemma gegenüber der israelischen Öffentlichkeit erläutert: "Wir stehen nicht mit der Stoppuhr da", erklärte er, ein Angriff auf den Iran sei keine Frage von Tagen oder Wochen , aber auch nicht von Jahren. Entscheidungen zu treffen sei nicht das Problem, sondern es gehe darum, die "richtige Entscheidung" zu treffen. "Wenn man aber keine Entscheidung trifft und den Iran nicht davon abhält (die Atombombe zu produzieren), wem soll man das dann später erklären? Den Historikern? Den Generationen vor einem, und jenen nach einem, die es dann nicht mehr gibt?"

Während solche existenziellen Ängste durchaus vorhanden sind, gibt es aber auch zunehmend Kritik an Netanjahus großzügigem Gebrauch von derlei Untergangsszenarien, die wie Yoel Marcus in der Haaretz schreibt, vor allem auf die junge Generation nur abschreckend wirkten.

Fest steht indes: Netanjahu bräuchte keinen militärischen Erfolg im Iran, um mögliche vorgezogene Wahlen zu gewinnen, von denen in jüngster Zeit immer öfter die Rede ist, und die Netanjahu möglicherweise sogar selbst mit initiieren könnte. Denn schon jetzt ist er quasi unumstritten. Gerade erst wurde er erneut an die Spitze der Likud-Partei gewählt, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht, und – trotz der massiven sozialen Proteste vom vergangenen Sommer – haben sich bisher keine ernstzunehmenden Nachfolger-Persönlichkeiten hervorgetan.

Nach dem derzeitigen Stand der Wähler-Sympathien würde Netanjahus Likud-Partei 35 bis 37 Sitze gewinnen, was ihn zum eindeutigen Favoriten macht. Weit abgeschlagen mit nur zehn Sitzen liegt die Oppositionschefin Zipi Livni.

Furcht vor dem Risiko

Von Israels Öffentlichkeit jedenfalls geht derzeit kein Handlungsdruck gegenüber dem Iran aus. Bleibt die Agenda Netanjahus, der bei seinem Amtsantritt 2009 als Ministerpräsident immerhin feierlich versprochen hatte, dass es unter seiner Ägide keine iranische Nuklearmacht geben werde. Doch Netanjahu hat noch eine andere Seite. Daniel Levy bezeichnete sie in Foreign Policy treffend als "Risiko-Scheuheit". Netanjahu sei ein Vollblut-Politiker und vermeide als solcher riskante Entscheidungen, nicht nur in Sachen Frieden, sondern auch was Krieg betreffe. Ein Krieg gegen den Iran aber wäre schon aufgrund der Stärke des iranischen Militärs eine hochriskante Operation, die Netanjahu im Zweifel seine Wiederwahl kosten könnte.

Netanjahu wird also abwarten. Das sehen auch Beobachter so: "Beide Seiten spielen auf Zeit. Die Iraner, um ihr Atomprogramm voranzutreiben und Israel, das auf einen Regime-Wechsel hofft", sagt ein ehemaliger hochrangiger Sicherheitsoffizier. Was ja in diesen Zeiten in der Region nicht ganz illusionär ist.

Der deutsche SPD-Chef Sigmar Gabriel jedenfalls hatte einen ähnlichen Eindruck, als er am Montag seinen zweitägigen Israel-Besuch bilanzierte: Nun habe er "nicht mehr den Eindruck, dass ein bewaffneter Konflikt mit dem Iran unmittelbar bevorsteht", sagte er. In den deutschen Medien werde das anders beschrieben.

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Leserkommentare
  1. Wann hört das Propagieren dieser falschen Übersetzung denn endlich auf?
    Sie schreiben: "[...] neugierig auf Alltagszenen aus einem Land, dessen Regime so gerne davon redet, dass es Israel von der Landkarte löschen möchte."

    Lesen Sie das:
    http://www.ag-friedensfor...

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    sehr aufschlußreich

    Der ehemalige iranische Präsident hat sehr wohl mehrmals behauptet, das Israel von der Lankarte getilgt werden soll und außerdem noch den Holocaust geleugnet. Zu sagen das wäre eine "falsche Übersetzung" ist schändlich, weil ein dadurch ein durch und durch antisemitischer Menschenfeind in Schutz genommen wird. Denn genau das ist Ahmadineschad.

    • Ffm74
    • 13. März 2012 15:58 Uhr

    Unterschiedliche Verpackung aber gleicher Inhalt!

    um endlich mal Schluss mit der Verschubladung zu machen:

    http://www.youtube.com/wa...

    • Afa81
    • 13. März 2012 16:44 Uhr

    Aus dem von Ihnen geposteten Link:

    "Und dieser Satz spielt eine zentrale Rolle bei der Unterstellung, der Iran plane, Israel mittels Atomwaffen auszulöschen."

    Also, wer glaube der Iran werde eine Atombombe auf Israel schmeißen, der hat zu viele Filme gesehen. 20% der in Israel lebenden Menschen sind Moslems. Jerusalem ist auch für die Moslems eine Heilige Stadt.

    Dieser Satz ist ein an den Haaren herbeigezogener Kriegsgrund wie Massenvernichtsuntswaffen im Irak oder das tausenfache Wiederholen des Wortes "Terror".

    Die Behauptung Amirpurs, es handele sich um eine absichtlich falsche Übersetzung westlicher Medien stellt eine ziemlich dreiste Falschbehauptung dar, da die betreffende Übersetzung mit der Aussage
    "Israel must be wiped off the map" vom zuerst iranischen Staatsrundfunk kam: http://de.wikiquote.org/w...

    Sie stellt somit die erste und autorisierte Übersetzung des Regimes selber dar.

    Zudem wurde der Artikel in der Süddeutschen Zeitung
    einige Tage später von Sprachwissenschaftlerin Mariella Ourghi widerlegt:

    "In der Tat handelt es sich um ein intransitives Verb, und zwar als Pendant zum transitiven "mahv kardan", was soviel wie "ausrotten, vernichten, tilgen" bedeutet. Doch kann "mahv shodan" auch als Passiv verstanden werden. Konsultiert man ein Wörterbuch Persisch-Deutsch, findet sich als erste Übersetzung von "mahv shodan" "vernichtet werden".

    Es ist also wohl eher Haarspalterei, auf gewisse Übersetzungsungenauigkeiten zu verweisen. An Sinn und Zielsetzung des Satzes ändert es wenig. "

    http://www.sueddeutsche.d...

    @1 - Ich habe die von Ihnen zitierte Quelle gelesen. Es fehlt dort der Originaltext in persischer Sprache (Dari? Farsi?). Daher kann die Behauptung der falschen Übersetzung nicht von jedermann schlüssig nachgeprüft werden. Für einen Link auf den Text in Originalsprache wäre ich Ihnen äußerst dankbar.

    • Aoshi
    • 13. März 2012 21:09 Uhr

    Die Nachricht ist eindeutig als Drohung zu verstehen - egal, ob sie die offizielle Übersetzung nehmen, oder Ihre beschönigte Variante.

    • mik28
    • 14. März 2012 12:41 Uhr

    wenn wir sagen, Ahmadinedschad drohe mit einem Angriff auf Israel, da er sagt "das (israelische) Regime muss verschwinden" und wir daraus "Israel von der Landkarte ausradieren" machen,

    dann müsste auch die Bevölkerung Chinas mit unserem Angriff rechnen, wir drängen ja oft genug auf die Beendigung "des (chinesischen) Regimes"

    (Ich wäre auf die Reaktionen hier gespannt, wenn China in diesem Zusammenhang vom Präventivschlag gegen uns öffentlich sprechen würde)

    Aber es ist auch klar, dass Ahmadinedschad kein Freund Israels ist.

    • Aoshi
    • 14. März 2012 20:59 Uhr

    Wenn Ahmadinejad also sagen würde

    "Das (deutsche) Regime muss verschwinden!"

    würde Sie das weniger beunruhigen, als wenn er sagen würde

    "Deutschland muss von der Landkarte ausradiert werden!"?

    Ich jedenfalls würden im Zweifelsfall das Leben meiner Familie und Mitmenschen nicht von der richtigen Übersetzung abhängig machen...

    • Furzl
    • 13. März 2012 15:39 Uhr

    Der Sprachendienst des Deutschen Bundestages führt nach eigener Recherche folgende Übersetzung:
    "Unser lieber Imam [Khomeini] sagte auch: Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte [safha-yi rozgar] getilgt werden."

    Liebe Redaktion, wäre es evtl. freundlicherweise möglich, dass falsche Zitat aus dem Artikel dahingehend zu korrigieren?

    Ich darf hier exemplarisch auf folgenden Link aus Ihrem Hause verweisen.

    http://community.zeit.de/...

    Vielen Dank.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    @Furzl: Die Passage in unserem Text ist überhaupt kein Zitat, sondern eine inhaltliche Zusammenfassung mannigfaltiger Äußerungen, die es aus dem offiziellen Teheran zu Israel bisher gab. Der Satz bezieht sich nicht auf jenes umstrittene Achmadinedschad-Zitat von 2005, das manche zu der Argumentation brachte, Achmadinedschad meine es gar nicht so böse mit Israel, weil er ja nicht "Landkarte" sagte, sondern "Geschichtsbuch". Und nicht "Israel", sondern "Besatzerregime". Aber darum ging es hier, wie gesagt, nicht. Sondern beispielsweise um so Sätze wie den von 2006, als Achmadinedschad "Marg bar Esrail" in eine Zuhörermenge rief, Tod für Israel, also.

    Gruß, Markus Horeld

  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachlich argumentierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

  3. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare und verzichten auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

  4. Ich habe in der Mitte des ersten Absatzes aufgehört zu lesen. Vom Vorwurf, der Iran wolle Israel von der Landkarte löschen, ist seit langem bekannt, dass er auf eine falsche Übersetzung zurückgeht. Wenn man die Feindschaft der beiden Länder betonen will, sollte man dies nicht so uneindeutig tun. Besonders bei einem so heiklen Thema wie der Situation im Mittleren Osten und dem Säbelgerassel des Westens sollte man sich dem was man schreibt sicher sein. Insbesondere bei der hochgelobten ZEIT sollte jemandem dieser Punkt sofort auffallen.

  5. Sie haben recht, das ist natürlich viel weniger ein Aufruf zur Gewalt gegen den Staat Israel.

    *anshirnfass*

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte [safha-yi rozgar] getilgt werden.

    Sie haben recht, das ist natürlich viel weniger ein Aufruf zur Gewalt gegen den Staat Israel.

    Achso, und wenn man fordert das Regime Assad soll aus den Annalen der Geschichte getilgt werden möchte man also ganz Syrien vernichten?

    • fse69
    • 13. März 2012 17:21 Uhr

    "...Sie haben recht, das ist natürlich viel weniger ein Aufruf zur Gewalt gegen den Staat Israel.

    *anshirnfass*..."

    ... ganz gleich, wohin Sie sich auch fassen mögen. Erst recht nicht übrigens, wenn man den Kontext der Rede und die von ihm bemühten historischen Analogien, etwa zum Untergang des Ostblocks in Betracht zieht. Da wird sehr schnell deutlich, dass sich dieses von ihm herbeigesehnte Ende in der Erfüllung einer wagen schicksalhaften Entwicklung der Geschichte erschöpft - und nicht in einer propagandistisch hinzugedichteten konkreten militärischen Aggression, schon gar nicht einer solchen, die vom Iran selber ausginge.

    Zum eigentlichen Thema: auch ich glaube nicht an einen Krieg Israels gegen Iran. Die Iran-Karte ist für Netanjahu zu wertvoll, um sie zum jetzigen Zeitpunkt zu vergeuden - und zwar im Sinne des damit einhergehenden Erpressungspotenzials gegenüber Obama und den USA. So lange Netanjahu das Damoklesschwert eines Krieges gegen Iran über Obamas Kopf schwenkt, muss sich dieser in seiner gesamten Nahost-Politik von Netanjahu am Nasenring durch die Arena führen lassen. So lange Netanjahu den Iran-Trumpf ausspielen kann, ist der in der Nahost-Frage einst als Tiger gestartete Obama dazu verdammt, als Netanjahus Bettvorleger zu enden.

    Ich muss mich wirklich fragen woraus sie in der Übersetzung des Originaltextes noch einen Aufruf zur Gewalt herauslesen. Vorausgesetzt Sie meinten das nicht sarkastisch und Ihr *anshirnfass* ist ein Ausdruck der diese Unverantwortlichkeit dieses absichtlich in die Welt gesetzten Missverständnisses in Ihr Hirn zu bringen versucht.

    • politz
    • 13. März 2012 15:48 Uhr

    Wenn man den Artikel halbwegs aufmerksam betrachtet, kommt man zu einer der Überschrift entgegengesetzten Schlussfolgerung. Wenn Netanjahu sagt, der Krieg sei keine Frage von Tagen und Wochen, aber auch keine von Jahren – dann kann er eigentlich nur meinen, er will später in diesem Jahr, vorzugsweise im Herbst, angreifen. Wie man diesen Mann nicht als Kriegstreiber bezeichnen soll, bleibt schleierhaft.

    Einsätze dieser Größenordnung stehen unter Garantie schon einige Zeit vorher fest, als dies bekannt gemacht wird. Also im Falle des Irankriegs schon jetzt. Alles andere sind naive Illusionen, die durch die Erfahrungen der Vergangenheit widerlegt sind. Dass dann noch Obama als jener dasteht, der den Krieg bremsen oder vermeiden will, ist eine der weniger amüsanten Grotesken bei diesem Schauspiel.

  6. 8. Danke

    sehr aufschlußreich

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