Mario MontiDer heilige Professor

Italiens Politik ist auf einmal so anders geworden: Der neue Premier Mario Monti genießt so etwas wie Kultstatus. Wer ist dieser Wundermann?

Der italienische Premierminister Mario Monti im Feburar 2012 in New York

Der italienische Premierminister Mario Monti im Feburar 2012 in New York

Es gibt einen Auftritt von Mario Monti, der hat sich vielen Beobachtern ins Gedächtnis eingebrannt. Er spielte am 17. November vorigen Jahres, der Neue war noch neu, und der Gegensatz zum alten Regierungschef, zum fünf Tage vorher abgetretenen Silvio Berlusconi, fiel umso stärker ins Auge.

Da hatte Mario Monti also dem Senat sein Notprogramm für ein Italien am Abgrund vorgelegt, und dann hörte er sich an, was die Parlamentarier dazu meinten. Neun Stunden lang. Eine Wortmeldung nach der anderen. Kerzengerade saß er da, ohne sich anzulehnen; nicht einmal die Beine schlug er übereinander. Monti hörte zu, machte sich – ganz der Professor – Notizen in ein großes Schulheft.

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Berlusconi, der das Parlament sowieso nie leiden konnte, hätte spätestens nach einer halben Stunde gegähnt. Dann hätte er Witzchen gerissen mit den anderen auf der Regierungsbank, er hätte Zettelchen an Parteifreunde, galante Briefchen an Freundinnen geschrieben, und nach höchstens einer Dreiviertelstunde – darin war er berechenbar – wäre er eingeschlafen.

Erst nach Stunden gönnte sich Monti ein Wasser

Nichts dergleichen bei Monti. Ablenkung gönnte er sich nicht. Er lutschte nicht einmal ein Bonbon. Und als er sich um 17.40 Uhr – der Zeitpunkt ist genau festgehalten – endlich ein Glas Wasser reichen ließ, ging ein erleichtertes Raunen durch die Halle: Der Mann war also doch von Fleisch und Blut, irgendwie. Der "Rigor Monti", den italienische Journalisten dem Regierungschef schon angedichtet haben, in sarkastischem Wortspiel die Grenzen zwischen Latein und Italienisch, zwischen Politik und Medizin überspringend, war also nicht von finaler Bedrohung: "Rigor Monti" – das kann "Montis Strenge" heißen; es war aber auch eine Anspielung auf den "rigor mortis", die Totenstarre.

"Er macht seine Arbeit nicht zu 99, sondern zu 100 Prozent"

Drei Monate liegt das alles erst zurück; in diesem "rigoristischen" Vierteljahr hat sich Italiens Politik verändert wie sonst in ganzen Legislaturperioden nicht. Mario Monti fühlt ein krankes Land und ein ansteckungsgefährdetes Europa auf den Schultern – und er hat eine Energie entfaltet, wie man sie dem 68-Jährigen nach seinen zuletzt vergleichsweise beschaulichen Jahren als Wirtschaftsprofessor und Präsident der Mailänder Elite-Universität "Bocconi" nicht zugetraut hätte. "Vielleicht", sagt einer aus Montis Umgebung, "hat er ja nur auf seine Stunde gewartet. Jetzt ist sie da. Er weiß das. Und jetzt macht er seine Arbeit nicht zu 99, sondern zu 100 Prozent."

Leserkommentare
  1. 1. Ja...

    ...whitewashing der eingesetzen und nicht gewählten Obrigkeit.

    Der wikipedia-Beitrag hat dann doch noch einige wichtige Details, die Herr Kreiner geflissentlich auslässt, bei seiner Aufzählung rein positiver Züge:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Und nur weil jemand viele positive Charaktereigenschaften hat (gebildet, sachlich, arbeitsam) ist er noch längst nicht automatisch ein guter Mensch oder gar Politiker. Da ist die Zielsetzung und Sozialisierung meist wichtiger.

    Und ich persönlich zähle Monti zu den Personen, die mit viel Elan die falschen Ziele anstreben: europäisches Großreich, wirtschaftliche Liberlisierung usw. und er ist ganz gewiss kein Demokrat, sondern ein Strippenzieher der in allen einflussreichen Elitenetzwerken sitzt. Und solche Leute neigen dazu, am Volk aus einer abgehobenen Perspektive heraus, herum zu laborieren...

    10 Leserempfehlungen
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    • u.t.
    • 05.03.2012 um 20:11 Uhr

    Verschwörungstheorien...

    Wissen Sie, wenn es um die vielzitierten, ominösen Bilderberger geht, hätten Sie schon vor vierzig oder sechzig Jahren aus Deutschland auswandern müssen.

    Denn so ziemlich jeder Bundeskanzler hatte engere oder lockere Verbindung zu den Bilderbergern.

    Da hat @Galileo recht. Für Sie, @angelamenetekel, kämen wohl ausschließlich Politker der Linken oder eindeutig linke SPDler in Frage.

    Ein Beratervertrag bei Goldmann sagt auch nicht immer alles aus. Okay, soviel wie einer bei Coca-Cola vielleicht.
    Ich habe von Monti auch nicht alles gehört und gelesen, aber wenn Sie nur mit ein paar Zeilen aus Wiki daherkommen, ist das nicht gerade eine niederschmetternde Neuigkeit.

    Es wird hier mit Signalbegriffen herumgeschmissen (Bilderberger, huihuihui...) als ob man durch Teilnahme bei Tagungen automatisch eine Gehirnwäsche hinter sich hätte.

    Wenn Monti denn so ein arger Neoliberaler ist/war, dann wird auch er einige Lehren aus der Deregulierung des Banken- und Finanzsektors und der darauffolgenden Krise gezogen haben (zumal die eigentliche Bankenkrise gar nicht Italiens Problem ist).

    Ich weiß, in einer dogmatisch linken Ecke ist der Begriff "Deregulierung" natürlich ein so rotes Tuch, dass man es nur liest und sofort verbal "zuschlägt".
    Aber Italien kann in seiner schwerfälligen Verwaltung wirklich eine Menge Vereinfachungen brauchen - nicht um dubiose Finanzgeschäfte zu erleichtern, sondern um soliden Unternehmen und dem Bürger das Leben zu erleichtern.

    • u.t.
    • 05.03.2012 um 20:11 Uhr

    Verschwörungstheorien...

    Wissen Sie, wenn es um die vielzitierten, ominösen Bilderberger geht, hätten Sie schon vor vierzig oder sechzig Jahren aus Deutschland auswandern müssen.

    Denn so ziemlich jeder Bundeskanzler hatte engere oder lockere Verbindung zu den Bilderbergern.

    Da hat @Galileo recht. Für Sie, @angelamenetekel, kämen wohl ausschließlich Politker der Linken oder eindeutig linke SPDler in Frage.

    Ein Beratervertrag bei Goldmann sagt auch nicht immer alles aus. Okay, soviel wie einer bei Coca-Cola vielleicht.
    Ich habe von Monti auch nicht alles gehört und gelesen, aber wenn Sie nur mit ein paar Zeilen aus Wiki daherkommen, ist das nicht gerade eine niederschmetternde Neuigkeit.

    Es wird hier mit Signalbegriffen herumgeschmissen (Bilderberger, huihuihui...) als ob man durch Teilnahme bei Tagungen automatisch eine Gehirnwäsche hinter sich hätte.

    Wenn Monti denn so ein arger Neoliberaler ist/war, dann wird auch er einige Lehren aus der Deregulierung des Banken- und Finanzsektors und der darauffolgenden Krise gezogen haben (zumal die eigentliche Bankenkrise gar nicht Italiens Problem ist).

    Ich weiß, in einer dogmatisch linken Ecke ist der Begriff "Deregulierung" natürlich ein so rotes Tuch, dass man es nur liest und sofort verbal "zuschlägt".
    Aber Italien kann in seiner schwerfälligen Verwaltung wirklich eine Menge Vereinfachungen brauchen - nicht um dubiose Finanzgeschäfte zu erleichtern, sondern um soliden Unternehmen und dem Bürger das Leben zu erleichtern.

  2. desidero esprimerLe la mia profonda gratitudine per il contributo che da' al paese.

    Che il futuro, buon Professore, Le riservi tutto quello che Lei merita!"

    Distinti saluti.

    6 Leserempfehlungen
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    • landab
    • 05.03.2012 um 15:38 Uhr

    Sie sind mir ja mal ein Spassvogel, aus welchem Lager Sie daherkommen ist wohl einleuchtend. "Ave Cäsar, lucrifacturi te salutant!" (Sei gegrüßt Cäsar, die sich bereichern wollen, grüßen dich!)

    • landab
    • 05.03.2012 um 15:38 Uhr

    Sie sind mir ja mal ein Spassvogel, aus welchem Lager Sie daherkommen ist wohl einleuchtend. "Ave Cäsar, lucrifacturi te salutant!" (Sei gegrüßt Cäsar, die sich bereichern wollen, grüßen dich!)

    • IQ130
    • 05.03.2012 um 13:55 Uhr

    Klar wird, dass Merkel sich gegen Monti nicht durchsetzen wird. Deutschland wird zahlen (target2) und dann heftig.

    Immerhin scheint Monti in Italia ein wenig zu bewegen.

    Mit der Mafia legt er sich allerdings nicht an.

    Angst? (wäre verständlich...)

    2 Leserempfehlungen
  3. "Und ich persönlich zähle Monti zu den Personen, die mit viel Elan die falschen Ziele anstreben"

    Ja, so jemanden kenne ich auch...Gregor Gysi, da Sie ganz Links, sehr links, die LINKE so nah fühlen.

    Grüße

    4 Leserempfehlungen
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    Bitte verzichten Sie auf Anfeindnungen anderer User. Die Redaktion/vn

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  4. Bitte verzichten Sie auf Anfeindnungen anderer User. Die Redaktion/vn

    • lubont
    • 05.03.2012 um 15:00 Uhr

    All'estero ci vedono ora diversamente. Puoi salvare l'Italia e l'Europa. Grazie Presidente!

    4 Leserempfehlungen
    • Akka1
    • 05.03.2012 um 15:01 Uhr

    Vor allem die Jugend Italiens, die "Generation Berlusconi", dürfte sich verwundert die Augen reiben, dass sich da mal nicht ein viagraaufgepumpter Kasper auf der Regierungsbank lümmelt. Schlimmer kann es auf jeden Fall nicht mehr werden. Gruss an meine italienischen Freunde!

    8 Leserempfehlungen
  5. Ich habe nun bestimmt schon 4 Artikel über den lieben Herrn Monti gelsen. Im Spiegel, im Stern und nun auch hier bei der Zeit. Diese Artikel habe alle die gemeinsammkeit, dass sie versuchen Monti in ein schönes Licht zu rücken.

    Doch nirgendwo in keinem dieser Artikel habe ich bisher gelesen, dass Mario Monti seit Jahren ein hohes Mitglied bei den Bilderbergern ist.....
    Dies erweckt in mir immmer die Frage, ob es deutsche Medien für nicht erwähnenswert halten, dass ein Mitglied einer höchst fragwürdigen Gehimgesellschaft zu einem demokratisch nicht legitimierten Staatsoberhaupt in Europa werden kann....

    5 Leserempfehlungen
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    Berlusconi war mehrfach demokratisch legitimiert, 1933 wurde auch jemand demokratisch legitimiert.

    Die rechtzeitige Diskussion über Expertenregierungen und die Art der Einsetzung solcher Regierungen könnte überlebensnotwendig werden.

    Berlusconi war mehrfach demokratisch legitimiert, 1933 wurde auch jemand demokratisch legitimiert.

    Die rechtzeitige Diskussion über Expertenregierungen und die Art der Einsetzung solcher Regierungen könnte überlebensnotwendig werden.

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