KolumbienStagnation in der Guerillazone

Der Süden Kolumbiens erlebt einen Ölboom, doch die Einwohner profitieren davon kaum. Th. Wagner berichtet aus einer der am dichtesten militarisierten Regionen der Welt. von 

Ein kolumbianischer Soldat an der Straße nach San Vicente del Caguán

Ein kolumbianischer Soldat an der Straße nach San Vicente del Caguán  |  © Carlos Villalon/Getty Images

Ein Schützenpanzerwagen rollt um die Kurve. Ihm folgen fünf Tanklaster, dann wieder ein Panzerwagen. Insgesamt 21 mit Öl beladene Transporter fahren vorbei, geschützt von der kolumbianischen Armee. Bis zu dreimal täglich startet die Lkw-Karawane von San Vicente del Caguán im südkolumbianischen Departamento Caquetá in Richtung der Provinzhauptstadt Florencia.

Für die Trucker ist es ein mörderischer Job. Viele von ihnen tragen kugelsichere Westen. Autofahrer rasen an der Lkw-Schlange vorbei. Sie haben Angst, von einer Kugel oder einem Sprengsatz der Linksguerilla "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens " ( Farc ) getroffen zu werden.

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Vor zwei Jahren begann eine Tochterfirma des chinesischen Konzerns Sinochem vor den Toren von San Vicente del Caguán mit der Förderung von Öl. Die Firmenbosse im fernen Peking machten ihre Rechnung allerdings ohne die Farc. Weil sie sich weigerten, ihre Quote an die Rebellen zu zahlen, bräuchten sie nun Begleitschutz, sagt der Chef einer lokalen Hilfsorganisation. Im Ort gibt es ansonsten kein Geschäft, keinen Unternehmer, der nicht die "Kriegssteuer" an die Guerilla abführt.

1998 zog die Armee ab, 2002 kam sie wieder

Seit den 1980er Jahren ist die Farc in der Region aktiv, angelockt vom Koka-Geschäft. 1998 entschied der damalige Präsident Andrés Pastrana, die Armee aus San Vicente del Caguán sowie vier weiteren Landkreisen abzuziehen – im Gegenzug für Friedensgespräche. Die Dschungelkämpfer verfügten damit plötzlich über einen De-Facto-Staat, so groß wie die Schweiz . Am Ende ließ Rebellenchef Manuel Marulanda seinen Verhandlungspartner Pastrana sitzen. Im Februar 2002 marschierten die Streitkräfte wieder in der demilitarisierten Zone ein.

Die Demütigung Pastranas vor Augen, suchten seine Nachfolger, Álvaro Uribe und Amtsinhaber Juan Manuel Santos , die Rebellen militärisch zu bezwingen. Die mit US-Hilfe aufgerüstete, 230.000 Mann starke Armee brachte den Rebellen in den vergangenen zehn Jahren eine Reihe schwerer Niederlagen bei. Zuletzt töteten Spezialkräfte Marulandas Nachfolger Alfonso Cano . Militärisch können die Farc den Konflikt nicht mehr gewinnen. Geschlagen, wie Regierungsvertreter manchmal behaupten, sind sie aber noch lange nicht.

Auf dem zentralen Platz von San Vicente del Caguán spielen Kinder. Beschützt werden sie von einem Dutzend Soldaten. Insgesamt 19.000 Soldaten sind hier und im benachbarten Landkreis Cartagena del Chairá stationiert. Ihnen stehen Schätzungen zufolge 4.000 Guerilleros gegenüber. Auf vier Zivilisten komme ein bewaffneter Akteur, sagt der Assistent des Bürgermeisters, Oscar Prieto. "Wir befinden uns in einer der am dichtesten militarisierten Zonen der Welt."

Wer zum Bürgermeister will, muss zunächst an einer Polizeisperre vorbei. Im Amtssitz herrscht das Flair einer Berliner Studenten-WG. An den Wänden hängen Fotos von Che Guevara . Junge Leute spielen Gitarre. Es sind die Mitarbeiter von Bürgermeister Domingo Pérez. Sie wohnen hier, genauso wie das Stadtoberhaupt. Aus Sicherheitsgründen, sagt der 35-Jährige.

Ein Plakat provoziert

Vor einigen Tagen schaffte es Pérez bis in die nationalen Schlagzeilen. Mit einem Poster anlässlich des zehnjährigen Jahrestags der Auflösung der demilitarisierten Zone. Der Stein des Anstoßes: Auf dem Plakat ist neben Ex-Präsident Pastrana auch Farc-Gründer Marulanda zu sehen. Für kolumbianische Verhältnisse eine unerhörte Provokation.

Ex-Stadtrat Ordubay Tejada ist immer noch empört. "Marulanda war ein Krimineller, der dem Land viel Schaden gebracht hat." Und Bürgermeister Pérez sei ein Sympathisant der Guerilla, klagt der Rentner. Die Wahlen habe er nur dank des Drucks der Farc auf die Bevölkerung gewonnen.

Leserkommentare
  1. früher fanden Kriege statt wegen Kohle und Erz.

    in jüngster Zeit geht es um Öl, Gas und seltene Erden.

    Wo diese Schätze vorhanden sind, ist das Militär oder der Krieg nicht weit, siehe Irak und Iran . Es ist eine neue Form von Kolonialismus für Ölkonzerne und Militärmächte.

    Von daher eindeutig systemkonform in Verbindung mit Banken und den Energiekonzernen.

    Z.B.Venezuela ist einen anderen Weg gegangen, wie lange noch?

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    • Nibbla
    • 02. März 2012 10:36 Uhr

    http://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#Menschenrechte

    ... scheint mir auch grad nicht das Land zu sein wo Milch und Honig fließen.

    • tobmat
    • 02. März 2012 11:14 Uhr

    Wo geht es bei der FARC um Öl? Die beschriebene chinesische Firma ist erst seit ein paar Jahren dort. Die FARC seit Jahrzehnten. War das ein Schnellschuss von ihnen?

  2. kanne es sein, dass das ein Rechtschreibfehler ist?

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    Haha. Oh Nein und selbst verschrieben...so schnell geht das.

    Redaktion

    ... muss es natürlich heißen. Wir haben das geändert.

  3. Haha. Oh Nein und selbst verschrieben...so schnell geht das.

    • Nibbla
    • 02. März 2012 10:36 Uhr

    http://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#Menschenrechte

    ... scheint mir auch grad nicht das Land zu sein wo Milch und Honig fließen.

    Antwort auf "Energiekriege"
  4. Die Bauern von Kolumbien verhalten sich wie die Bauern in den anderen Teilen der Welt. Wirft ein Anbauprodukt zu wenig Gewinn ab, weil der Ernteertrag aufgrund von regelmäßigen Zerstörungen zu gering ist, dann wird eben die Fruchtart gewechselt. Wahrscheinlich entstehen auf den brachliegenden Koka-Plantagen nun Sojafelder.
    Der Anbau von Soja oder andere Früchten benötigt aber keine bewaffneten Truppen zur Sicherung und so wurde auch den FARC- Guerillas der Nährboden ihrer Macht entzogen.

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    <em>Die Bauern von Kolumbien verhalten sich wie die Bauern in den anderen Teilen der Welt. Wirft ein Anbauprodukt zu wenig Gewinn ab, weil der Ernteertrag aufgrund von regelmäßigen Zerstörungen zu gering ist, dann wird eben die Fruchtart gewechselt. Wahrscheinlich entstehen auf den brachliegenden Koka-Plantagen nun Sojafelder.</em>

    Derzeit gibt es eine breite öffentliche Diskussion in mehreren Ländern in Süd- und Mittelamerika, Drogen wie Mariuhana udn Kokain zu legalisieren. Der Drogenkrieg gilt allgemein als gescheitert und gerade die Bauern würden von dieser Legalisierung enorm profitieren. Sie könnten legal arbeiten und wären nicht mehr den Drogenbaronen unterstellt.

    Und zu den Farc: Es stört mich ein bisschen, dass diese Organisation immer einseitig als kriminelle Vereinigung eingestuft wird. Nicht dass die FARC nicht kriminelle Einnahmequellen hat, aber trotzdem ist sie im Grunde ein politisch oppositionelle Vereinigung.

    Zu den politischen Zielen bitte mal Wiki lesen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/FARC

    Seltsamerweise wurden die Gegner der Farc, die rechten Paramilitärs, die unter Uribe zehntausende Zivilisten töteten und in Massenräbern verscharten, nicht thematisch zugeordnet. Keiner wurde in Kolumbien dafür verurteilt.
    Die Ziele dieser Rebellen sind durchaus legitim und demokratisch. Aber da sie politisch links sind, sind die Farc komischerweise keine "Freiheitskämpfer", sondern Kriminelle.

  5. Redaktion

    ... muss es natürlich heißen. Wir haben das geändert.

    • tobmat
    • 02. März 2012 11:14 Uhr

    Wo geht es bei der FARC um Öl? Die beschriebene chinesische Firma ist erst seit ein paar Jahren dort. Die FARC seit Jahrzehnten. War das ein Schnellschuss von ihnen?

    Antwort auf "Energiekriege"
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    • MyBaum
    • 13. April 2012 16:01 Uhr

    Die Farc geben die Entführungen auf, weil man längst vom illegalen Schürfen von Mineralen in Naturschutzgebieten lebt. Die Sache mit dem Öl ist so, dass die Konzessionen früher lokal verteilt wurden, heute aber national. Es war früher einfacher Bürgermeister zu erpressen, als heute die Regierung in Bogota. Das von dem Geld nichts zurück fließt hilft natürlich nicht gerade.

  6. <em>Die Bauern von Kolumbien verhalten sich wie die Bauern in den anderen Teilen der Welt. Wirft ein Anbauprodukt zu wenig Gewinn ab, weil der Ernteertrag aufgrund von regelmäßigen Zerstörungen zu gering ist, dann wird eben die Fruchtart gewechselt. Wahrscheinlich entstehen auf den brachliegenden Koka-Plantagen nun Sojafelder.</em>

    Derzeit gibt es eine breite öffentliche Diskussion in mehreren Ländern in Süd- und Mittelamerika, Drogen wie Mariuhana udn Kokain zu legalisieren. Der Drogenkrieg gilt allgemein als gescheitert und gerade die Bauern würden von dieser Legalisierung enorm profitieren. Sie könnten legal arbeiten und wären nicht mehr den Drogenbaronen unterstellt.

    Und zu den Farc: Es stört mich ein bisschen, dass diese Organisation immer einseitig als kriminelle Vereinigung eingestuft wird. Nicht dass die FARC nicht kriminelle Einnahmequellen hat, aber trotzdem ist sie im Grunde ein politisch oppositionelle Vereinigung.

    Zu den politischen Zielen bitte mal Wiki lesen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/FARC

    Seltsamerweise wurden die Gegner der Farc, die rechten Paramilitärs, die unter Uribe zehntausende Zivilisten töteten und in Massenräbern verscharten, nicht thematisch zugeordnet. Keiner wurde in Kolumbien dafür verurteilt.
    Die Ziele dieser Rebellen sind durchaus legitim und demokratisch. Aber da sie politisch links sind, sind die Farc komischerweise keine "Freiheitskämpfer", sondern Kriminelle.

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