Virale Kampagne : Kony 2012 jagt den Falschen

Die Kampagne Kony 2012 nutzt die Mechanismen des Netzes geschickt, aber sie führt in die Irre. Uganda hat ganz andere Probleme als den Kriegsherrn, kommentiert A. Endres.
Joseph Kony auf einem Bild aus dem Jahr 2006. Damals empfing er Journalisten im Südsudan. © Stuart Price/AFP/Getty Images

Eines ist den Machern von Kony 2012 gelungen: Ihre Kampagne steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Halb Hollywood hat den Link zum You-Tube-Video über Twitter verbreitet. Mehr als 500.000 Menschen gefällt die Facebook-Seite zur Kampagne, klassische Nachrichtenmedien berichten weltweit, das zentrale Kampagnenvideo wurde auf You Tube in den wenigen Tagen nach seiner Veröffentlichung mehr als 50 Millionen Mal angesehen. Das ist der Stand von Freitagnachmittag, und die Zahl steigt rasend schnell.

Plötzlich interessiert sich die Welt für Joseph Kony, den Verbrecher gegen die Menschlichkeit . Das ist gut – viel zu häufig finden Grausamkeiten weltweit statt, ohne dass die Berichte darüber in der Öffentlichkeit groß zur Kenntnis genommen werden. Gerade im Netz verstärkt die Jagd nach Klicks oft die Fokussierung auf Themen, die Konjunktur haben. Kony 2012 aber holt vergessene Gräueltaten zurück auf die Agenda; gerade weil die Initiatoren verstanden haben, wie man die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie online nutzt.

Geschickt spricht das Video gleich zu Beginn die Mitglieder von sozialen Netzwerken persönlich an. Die Botschaft: Auch du kannst Teil einer Bewegung sein, die die Welt verbessert! Schnitt – schon sind wir mitten in einer arabischen Revolution.

Dann sehen wir den kleinen Sohn des Filmemachers Jason Russell, der uns mit Jacob bekannt macht, "einem Freund aus Afrika ". Jacob weint um seinen toten Bruder und um sich selbst. Er sagt, er möchte sterben. Jacob ist ein ehemaliger Kindersoldat aus Gulu , in Norduganda. Wir sehen das Grauen, das diese Kinder erlebt haben , und hören Russells entschlossene Stimme, die Jacob verspricht: "Wir werden sie stoppen." Sie, das sind Joseph Kony und seine Lord's Resistance Army LRA. Die Menschen im Netz sollen Russell helfen, sein Versprechen zu erfüllen.

Rührung statt Fakten

Das ist manipulativ. Statt sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, rührt Russells Video die Zuschauer zu Tränen. Bevor Sie sich mitreißen lassen und sich der weltweiten Stop-Kony-2012-Bewegung anschließen – hier ist die Kritik:

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Das Video suggeriert, die Gewalt in Norduganda könne nur beendet werden, die entführten Kinder erst dann zu ihren Familien zurückkehren, wenn Joseph Kony gefasst werde. Falsch. Der Bürgerkrieg ist seit Jahren vorbei. Die Menschen sind auf ihre Felder zurückgekehrt , die Flüchtlingslager existieren nicht mehr. Zwar fehlt es den lokalen Behörden an Geld und anderen Ressourcen, es gibt viel zu wenige Lehrer und die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist schlecht. Aber auch wenn Joseph Kony festgenommen würde: Daran würde sich rein gar nichts ändern. Vor sechs Jahren, schreibt der ugandische Journalist Angelo Izama , hätten die Kinder in Norduganda nichts mehr gefürchtet als die LRA. Heute seien die Probleme andere: "Die wirklich unsichtbaren Kinder sind jene, die an der 'Nodding Disease' leiden. Über 4.000 sind Opfer dieser unheilbaren Krankheit."

Kony selbst ist aber vermutlich gar nicht mehr im Land. Vor sechs Jahren floh er in die Demokratische Republik Kongo ; seither gab es kein Lebenszeichen. Seine LRA treibt im Kongo und den benachbarten Ländern immer noch ihr Unwesen, zeitweise soll sie von der sudanesischen Regierung unterstützt worden sein . In vereinzelten Fällen sind auch in Norduganda von ihren Kämpfern wieder Kinder entführt worden – doch Kony selbst ist vielleicht längst schon tot. Selbst wenn es gelingt, ihn zu fassen: Einen Ausweg aus den Konflikten der Region zu finden, ist viel, viel komplizierter.

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Kommentare

101 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Entschuldigen Sie,..

Was genau ist jetzt falsch daran, die LRA und Ihren Machenschaften ein Ende zu bereiten?
Mit welcher Aktion hätten die Initiatoren denn bei Ihnen ein Eisen im Feuer?
Bevor nichts passiert, soll lieber akutes Leid verhindert werden.
Des Weiteren: Wenn das erste Ziel erreicht ist, wird das nächste in Angriff genommen. DAS ist doch die eigentliche Message von KONY 2012.

Die Kritik geht für mich am Thema vorbei.

Viele Grüße und schönes Wochenende,
Johannes T.

Beim Aufrechtgehen liest sich's wohl schwer

Deshalb nochmal: "es gibt viel zu wenige Lehrer und die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist schlecht. Aber auch wenn Joseph Kony festgenommen würde: Daran würde sich rein gar nichts ändern. ... Heute seien die Probleme andere: "Die wirklich unsichtbaren Kinder sind jene, die an der 'Nodding Disease' leiden. Über 4.000 sind Opfer dieser unheilbaren Krankheit."
Na, kommen Sie nun vielleicht auf eine Idee, wie besser geholfen werden könnte?
Aber nun, in einer Zeit, wo Präsidenten und Kanzlerinnen jubeln, wenn einer der Bösen umgebracht wird, darf man natürlich nicht allzu viel erwarten.

Interessant ist der Fall Kony natürlich schon, da er zeigt, dass islamistischer und christlich-fundamentalistischer Irrsinn nicht weit voneinander entfernt sind.

Herr Valkenberg

Nochmal zum Text, bzgl. der problematischen Regierung in Uganda:

Die Idee ist die Beseitigung einer martialischen Kämpfertruppe in einem fremden Land. Dass das nicht ohne die dortige Regierung funktioniert sollte eigentlich jedem klar sein.

Bzgl. die Probleme seien ja andere:

Volter/Mord/Misshandlung durch Rebellen und Krankheiten/Bildung sind verschiedene Paar Schuhe. Das subjektiv drastischere ist in jedem Fall ersteres. Es behält damit, wenn das auch bedauerlich sein mag, das größere Potential in sich, in der öffentlichen Meinung einen gemeinschaftliche Handlungswillen, ja gar eine gemeinschaftliche Wut, hervorzurufen.

Wenn die Regierungen nicht eingreifen, und das ist ja das Ziel der Bewegung, dann wird es niemand tun. Hilfsorganisationen haben viel erreicht. Von Rebellengruppen werden sie jedoch reichlich belächelt sein. Warum nicht einmal anders an die Sache herangehen?

Die Regierungen der Welt können auf Druck der Weltbewohner dem Begriff der Weltpolizei nun eine neue, positive Bedeutung geben. Wer da an der Spitze steht ist egal, wenn das Gute, das Menschliche zählt.
Das mag visionär und einwenig blauäugig klingen. Halten Sie mir das gerne vor.

Aber mal grundlegend: Wegschauen, in welchen Größenordnungen auch immer, gehört doch zum widerwertigsten Verhaltensweisen unserer Gesellschaft.

Vielen Dank,
Johannes T.

Frage am Rande: Haben Sie das Video überhaupt ganz gesehen?

Ich habe das Video ganz gesehen,

und bin der Meinung, dass man sich das auch sparen kann. Und ich halte diese binäre Verständnis von Engagieren - Wegschauen weder für eine in irgendeiner Form adäquate Darstellung/Wahrnehmung der gesellschaftlichen und politischen Realität, noch ist es auf irgendeine Art und Weise produktiv. Ich habe den Eindruck, dass es sich beim aufrecht gehen auch mal um einen Euphemismus handeln könnte. Denn wir können nicht aufrecht gehen, wenn wir nicht auch gleichzeitig fähig sind, aus der Geschichte zu lernen. ich empfehle ein klein wenig Auseinandersetzung mit der dem Paternalismus, Rassismus und Eurozentrismus (inter)nationaler, westlicher Hilfsorganisationen, oder beispielsweise auch der deutschen EZ.
Und noch was: Falsch, es ist nicht egal, wer an der Spitze steht. Es sollte niemand an der Spitze stehen. Dann könnten alle aufrecht gehen.

Wegschauen

mag zu den widerwärtigsten menschlichen Verhaltensweisen gehören. Nicht an einer fragwürdigen Kampagen teilzunehmen bedeutet jedoch nicht wegzuschauen. Ich frage mich wirklich, wie all die vielen Internetheld_innen immer wieder dazu kommen, mit diesem Generalschlag auf (berechtigte) Kritik an 'Hilfs'-kampagnen, -projekten, und -organisationen zu reagieren.
Das, und in erster Linie das [!] ist Wegschauen. Im Übereifer, auch ein bisschen gutes tun zu wollen, nicht mehr richtig hinzuschauen, was man da eigentlich grade 'gutes' tut.

Scheinheilig

Diese ganze Kampagne und all jene, die diese unterstützen sind doch scheinheilig. Die meisten Persönchen, die das Video bei Facebook verbreiten haben mit Politik rein gar nichts am Hut. Und jeder, der auch nur im Ansatz Interesse für Nachrichten hegt, der weiß, was in vielen afrikanischen Statten geschehen ist oder immer noch geschieht. Wer denkt, er könne tatsächlich helfen, indem er ein derartiges Video verbreitet, der ist doch recht einfältig. Ein paar Leute machen mit dem Grauen einen Reibach, indem sie es vermarkten, anstelle es tatsächlich zu bekämpfen. Frieden kann nicht durch die Unterstützung einer fragwürdigen ugandischen Armee geschaffen werden.

......

>>Diese ganze Kampagne und all jene, die diese unterstützen sind doch scheinheilig. Die meisten Persönchen, die das Video bei Facebook verbreiten haben mit Politik rein gar nichts am Hut.<<

Aha. Also Menschen, vor allem junge Menschen, die andere Formen entdeckt haben als es Ihnen in den Kram passt, sind deswegen, Persönchen, scheinheilig, einfältig und unpolitisch ja?

Menschen wie Sie (und dazu gehören alle Anhänger der etablierten Parteien) werden sich noch wünschen, dass diese ach so einfältigen Menschen unpolitisch wären!

Am Thema vorbei

Die Kritik hat überhaupt keinen Bezug zu den Zielen der Aktion. Es geht darum das mit Hilfe von Sozialen Netzen heute weltweite Veränderungen möglich sind. Es geht darum den oder die Täter für seine Greultaten zur Rechenschaft zu ziehen. Es geht darum das Menschen anderen Menschen helfen - und Gerechtigkeit geschieht.

Sie steigen auf die Emotionsschiene ein, ohne auf die ....

... sachlichen Kritik des Beitrags einzugehen. Es ist aus meiner fraglich, ob mit "Hilfe von Sozialen Netzen heute weltweite Veränderungen möglich sind", die vorliegende Aktion zeigt nur, dass es mit Hilfe viralen Marketings möglich ist, in kurzer Zeit höchste Aufmerksamkeit zu generieren.

Was davon nachhaltig ist, wird sich zeigen, es wird ja schnell geklickt heute, wenn Emotionen im Spiel sind.

Soziale Netzwerke

An meinem Arbeitsplatz habe ich mich vor Kurzem mit Gästen aus dem arabischen Raum unterhalten, die seit einiger Zeit zur Weiterbildung in Deutschland sind. Die haben mir recht glaubhaft versicht, dass der ganze "arabische Frühling" in erster Linie Facebook/Twitter-Revolutionen waren, da der grösste Teil der Organisation und Kommunikation wohl darüber gelaufen ist. So gesehen scheinen soziale Netzwerke durchaus eine grosse Rolle bei Veränderungen spielen zu können.

Nur waren es in dem Fall natürlich die Landsleute selbst, die die sozialen Netzwerke zur Änderung ihrer eigenen Situation genutzt haben.

nachhaltigkeit?

ich könnte mir vorstellen, dass die kampagne dazu führen könnte, dass der druck, kony, sollte er noch leben, auszuliefern u./o. festzunehmen wächst und das tatsächlich geschieht. insofern finde ich die macht sozialer netzwerke erstaunlich und faszinierend. ich bin mir aber auch sicher, dass, sobald man konys arsch auf einem silbernen tablett serviert hat, sich alle facebook-, youtube- und vimeo-aktivisten selbst auf die schulter klopfen werden und uganda und seine politischen und sozialen probleme damit vom tisch sind...

Halt Stop

ich sehe hier irgendwie ein paar Missverständnisse:
Klar, es geht ein Großteil der Gelder für Marketing usw. usf. drauf, aber mal ehrlich, die Leute die das ganze initiieren dürfen auch Geld verdienen. Auf der einen Seite streiken, weil Löhne niedrig seien, auf der anderen Seite Leuten, die nicht ehrenamtlich auf Probleme aufmerksam machen, Geldmacherein vorwerfen? Ist doch gut, wenn Leute, die im sozialen Bereich arbeiten, auch Geld verdienen. Gut, das allerdings als eher triviales Argument.

Viel wichtiger ist doch die gesamte Menge an Geldern, die letzten Endes dort ankommt. Gibt man viel Geld für Marketing und die Filme aus, spenden mehr Leute.. Dass prozentual gesehen immer weniger rausspringt, ist schade, aber ich wette, dass eine 100 Prozent ehrenamtlich und "nur-spendende" Organisation nicht die gleichen Mittel aufbringen wird.

Außerdem wird in diesem Artikel in keinster Weise erwähnt, dass die Aktivisten Schulen bauen und ein Frühwarnsystem für die dort wohnenden Menschen installieren/installiert haben. Was ist schlecht daran, Schulen zu bauen?
Könnten die rückläufigen Zahlen an Kriegsopfern evtl. auf ein solches System zurückzuführen sein?
Es gibt viel mehr zu berücksichtigen und ich bin mir relativ sicher, dass invisiblechildren etwas bewegen kann/wird.
Und wenn nicht: Wenigstens hat man es versucht, anstatt in jeder Suppe ein Haar zu finden und letztlich nichts zu machen!

an trsnC: Diese Aussage finde ich arm.

Danke fürs Lesen!!!