Leserartikel

SyrienSieben Jahre Flucht vor Assad

Als syrischer Deserteur auf der Flucht: Leserin Christin Raßweiler schreibt über einen Freund, der seit Jahren in ständiger Angst lebt, gefasst zu werden.

Istanbul. Wir sitzen auf Plastikstühlen am Wasser. Zwei, drei Stunden, vielleicht auch länger. Der Tag ist klar, die Sonne steht tief hinter dem Häusermeer. Ich studiere in dieser Stadt. Meinen Freund zwang seine Geschichte hierher.

Mein Freund ist ein Verräter. Sein Name steht auf der 42. Blacklist des syrischen Staates, weil er den Militärdienst verweigert hat. Er sitzt neben mir und blinzelt, als ich ihn frage, warum er ihn nicht einfach abgeleistet hat, wie jeder andere Mann auch. "Weil es keinen Sinn hat", sagt er. "Ich möchte meinem Land mit meiner Bildung dienen und nicht mit einer Waffe."

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Statt zu dienen, ließ er sich lange Haare wachsen und hörte Heavy-Metal-Musik. Eines Tages besuchte ihn die Staatssicherheit auf seiner Arbeitsstelle. "Satanist", nannten sie ihn. Er lacht, als er das sagt.

Er wurde zum Verräter. Illegal im eigenen Land. Gesucht, keinen Reisepass, keinen Führerschein, keine Hochzeit, keine offizielle Arbeit. Alles ist ein Problem als Militärdienstverweigerer. Sein lückenhaftes Militärbuch machte es ihm unmöglich, sein Studium in Syrien abzuschließen. "Ich möchte noch weiter studieren. Das akzeptieren sie nicht. Warum zerstören sie uns die Zukunft?", sagt er zu mir.

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Sieben Jahre versteckte er sich. Der psychische Druck ließ seine Haare grau werden. Manchmal ließ sich eine Gefahr mit etwas Geld abwenden. "Staat ist für mich Polizei, Korruption und Ungerechtigkeit. In was soll ich Vertrauen?", fragt er mich. "Ich möchte einfach an die Menschlichkeit glauben."

Im Jahr 2006 fing er ehrenamtlich bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond an. So fand er schließlich Arbeit bei den Vereinten Nationen. Doch dann begann die Revolution. Die Vereinten Nationen beendeten ihr Engagement. Es wurde kompliziert für ihn, er musste das Land verlassen.

Er ist 29 Jahre alt, hat noch nie gewählt oder ein Bankkonto besessen. Ich will wissen, was für ihn Syrien bedeutet. "Striche auf einer Landkarte, ein abgestecktes Gebiet." Es klingt sehr nüchtern, ich fühle mich ernüchtert. Das Wort Zuhause benutzt er fast nie.

Das Wasser rauscht gegen die steinerne Ufermauer unter uns. "War deine Familie am Wochenende wählen?", frage ich. Er sieht mich an, als hätte ich nichts verstanden. "In Syrien wählen wir nicht. Wir gehen zu der esteftaa. Das bedeutet Zustimmung und meine Familie will nicht zustimmen."

"Natürlich", sagt er und zieht lange an seiner Zigarette, "manchmal bin ich wütend, dass diese Menschen meine Prinzipien nicht verstehen. Letztendlich richtet sich die Wut aber doch immer gegen das System." Er sieht aber nicht wütend aus, nur traurig.

 
Leserkommentare
  1. In jedem Land auf der W4elt, in dem die Wehrpflicht existiert, ist man ein Deserteur wenn man sich vor dem Militärdienst drückt und hat Konsequenzen. Das gilt auch in der Türkei, wo sich der "Freund" gerade befindet. In der Türkei nennt es sic Firar und wird mit Gefängnisstrafen geahndet.

    8 Leserempfehlungen
  2. dass es um einen authentischen "Bericht" geht? Geschrieben wird viel und die Echtheit, also die wahrheitsgemäße Darstellung von Person und Situation können wir Leser niemals nachvollziehen.

    Der junge Mann strebt und lebt scheinbar einem bestimmten Ideal nach, was ja lobenswert ist - Enttäuschungen über ein "Nicht -verstanden- werden müssen wir allerdings alle verarbeiten, gehört zum Leben (Erwachsen werden) - und die entsprechende Selbstreflektion ist immer eine persönliche Sache, bzw. Aufgabe.

    Viel Erfolg dabei - es wid Zeit neue und andere Wege zu suchen und zu gehen, scheint mir.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Super"
  3. es heissen.. Sorry

  4. ... dass Syrien eine ganz normale Armee hat, die mit ganz normalen Soldaten aus der ganz normalen Bevölkerung bestückt ist.

    Ich konnte in Deutschlands Qualitätsjournalismus-Blätterwald schon Schauergeschichten über die syrische Armeen lesen, die den Eindruck zu vermitteln suchten, Assad würde seine Armee mit Divisionen aus Mordors gewissenlosen Unterweltarmee füllen.

    Syrien ist nicht so weit von westlichen Standards weg, wie so manches Land, das die syrischen Rebellen mit Waffen und Geld unterstützt.

    7 Leserempfehlungen
  5. "Es geht gar nicht um Syrien. (...) Es geht darum, nun den Iran (...) vorschnell zu schwächen und vor allem zu verhindern, dass Iran eine durchgehende Landbrücke baut über den Irak (...) ,schiitischer Ministerpräsident al-Maliki, und dann über Syrien (...) dann rübergeht zur schiitischen Hisbollah im Libanon. (...)
    Und um diese durchgehende Brücke des Schiitentums, das mit dem Iran verbunden wird, zu verhindern, schlägt man nun Syrien zusammen."
    P.Scholl-Latour am 9.3.12 im Deutschlandfunk-Interview.

    Vor dem Hintergrund verhält sich der "Freund" dort "auf dem Plastikstuhl am Wasser" ziemlich unpatriotisch. Finde ich.

    Wenn der Artikel etwas besser geschrieben wäre, könnte man den Verdacht hegen, dass er aus jener Werkstatt stammt, aus der vor dem 2.Golfkrieg die aus den Brutkästen gerissenen Kleinkinder in Kuweit stammten ...

    5 Leserempfehlungen
  6. Mit Verlaub, ein typischer Bericht zur Stimmungmache, der nicht mit der Wahrheit übereinstimmt.

    Fakt ist, aus persönlicher Erfahrung, die auch bei den hiesigen AUsländerbehörden abgefragt werden kann.

    Der Wehrdienst wird - wie praktisch überall weltweit - gegebenenfalls zwangsweise durchgesetzt, auch gegen Bürger die im Ausland leben.

    Wer nicht zum Militär will, kann sich jederzeit - wie auch ind er Türkei, etc. - gegen eine ABstandszahlung frei kaufen.

    Wer im AUsland lebt kann seit Jahren aufgrund Geseztesänderung unbehelligt das Heimatland für 30 Tage im Jahr besuchen. Viele Syrer, auch mir bekannte, die hier leben, haben von der Möglichkeit mehrfach Gebrauch gemacht.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Bemerkungen, die lediglich der Provokation dienen. Danke. Die Redaktion/sc

    4 Leserempfehlungen
  7. Bis zur AUfhebung der allgemeinen Wehrpflicht wurden auch hier Werhdienstverweigerer mit der Polizei bzw. den Feldjägern abgeholt um wahlweise den Dienst zwangsweise anzutreten oder eben vor dem Strafrichter die Ohrfeige abzuhplen. WIe gesagt, war noch vor einigen Monaten hier in Deutschland üblich. SInd wir nun ein Unrechtsstaat?

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • NDM
    • 19.03.2012 um 23:36 Uhr

    "Bis zur AUfhebung der allgemeinen Wehrpflicht wurden auch hier Werhdienstverweigerer mit der Polizei bzw. den Feldjägern abgeholt"

    Unsinn. Das wurde nur mit Leuten gemacht, die den Wehrdienst nicht verweigert hatten, sich jedoch in den ersten Horrorwochen dachten: 'Das ist Sklaverei. Ich lasse mich nicht brechen, ich verschwinde' - und den berüchtigten Griff der Staatsgewalt unterschätzten.

    Wehrdienstverweigerer blieben in Deutschland unbehelligt.

    Bezüglich Syrien ist es eher wie in der noch berüchtigteren DDR.

    Zitat Wikipedia:
    "In der DDR gab es kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Dort war legal nur ein waffenloser Bausoldatendienst innerhalb der Nationalen Volksarmee möglich. Dessen Inanspruchnahme zog unter Umständen berufliche Nachteile nach sich."

    (Von der Nazizeit wollen wir mal lieber gar nicht erst sprechen, aber teils gibt es auch hierzu Analogien im Syrischen System)

    Berufliche Nachteile, von diesen spricht der Bericht. Nicht von politischen Verhaftungen, sondern von politischer Gängelung im Alltag.

    • NDM
    • 19.03.2012 um 23:36 Uhr

    "Bis zur AUfhebung der allgemeinen Wehrpflicht wurden auch hier Werhdienstverweigerer mit der Polizei bzw. den Feldjägern abgeholt"

    Unsinn. Das wurde nur mit Leuten gemacht, die den Wehrdienst nicht verweigert hatten, sich jedoch in den ersten Horrorwochen dachten: 'Das ist Sklaverei. Ich lasse mich nicht brechen, ich verschwinde' - und den berüchtigten Griff der Staatsgewalt unterschätzten.

    Wehrdienstverweigerer blieben in Deutschland unbehelligt.

    Bezüglich Syrien ist es eher wie in der noch berüchtigteren DDR.

    Zitat Wikipedia:
    "In der DDR gab es kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Dort war legal nur ein waffenloser Bausoldatendienst innerhalb der Nationalen Volksarmee möglich. Dessen Inanspruchnahme zog unter Umständen berufliche Nachteile nach sich."

    (Von der Nazizeit wollen wir mal lieber gar nicht erst sprechen, aber teils gibt es auch hierzu Analogien im Syrischen System)

    Berufliche Nachteile, von diesen spricht der Bericht. Nicht von politischen Verhaftungen, sondern von politischer Gängelung im Alltag.

    • NDM
    • 19.03.2012 um 23:36 Uhr

    "Bis zur AUfhebung der allgemeinen Wehrpflicht wurden auch hier Werhdienstverweigerer mit der Polizei bzw. den Feldjägern abgeholt"

    Unsinn. Das wurde nur mit Leuten gemacht, die den Wehrdienst nicht verweigert hatten, sich jedoch in den ersten Horrorwochen dachten: 'Das ist Sklaverei. Ich lasse mich nicht brechen, ich verschwinde' - und den berüchtigten Griff der Staatsgewalt unterschätzten.

    Wehrdienstverweigerer blieben in Deutschland unbehelligt.

    Bezüglich Syrien ist es eher wie in der noch berüchtigteren DDR.

    Zitat Wikipedia:
    "In der DDR gab es kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Dort war legal nur ein waffenloser Bausoldatendienst innerhalb der Nationalen Volksarmee möglich. Dessen Inanspruchnahme zog unter Umständen berufliche Nachteile nach sich."

    (Von der Nazizeit wollen wir mal lieber gar nicht erst sprechen, aber teils gibt es auch hierzu Analogien im Syrischen System)

    Berufliche Nachteile, von diesen spricht der Bericht. Nicht von politischen Verhaftungen, sondern von politischer Gängelung im Alltag.

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