Oskar Wathum, ein ehemaliger Kindersoldat im Waisenhaus Hope-f-u-l in Kampala, hat von Kony gehört, wie der Großteil der anderen 100 Straßenkinder im Heim. Wie die meisten Menschen in Uganda werden aber auch sie das Video auf Youtube nie zu sehen bekommen, denn ein Internet-Zugang ist in Uganda nach wie vor ein teures Privileg.

Sie haben ohnedies viel banalere Sorgen: das kaputte Moskito-Netz, die zerrissene Schuluniform, Malariafieber. Können sie auch im nächsten Semester wieder die Schule besuchen, wo doch die Schulgebühren wieder erhöht wurden?

Kahwa, ein Journalismus-Student an der Kampala International University, sagt über Kony 2012: "Das ist doch nur ein Vorwand, um noch mehr US- Truppen nach Uganda zu schicken."."Wir haben hier ganz andere Probleme", meint David, Chauffeur beim größten Reisebüro Ugandas. "Schau dir mal die Korruption an! Allein, wie die da oben von der Vergabe der Ölförderrechte in Nord-Uganda profitiert haben, ist ein Skandal." Dr. Busingy, Uni-Professor der Makerere University, stellt fest: "Schon wieder so ein eitler Versuch eines Außenstehenden, Uganda zu retten." Der Bauer Lukwago aus der westugandischen Provinz Toro wundert sich: "Was soll das Ganze? Kony ist doch schon seit Jahren nicht mehr hier."

Ugandas Geschäftsleute sind aufgebracht: Jubelten sie noch zu Beginn des Jahres, dass der weltweit populärste Reiseführerverlag Lonely Planet Uganda 2012 zur Reisedestination Nummer 1 wählte, befürchten sie jetzt Buchungseinbrüche als Folge der Kony-Kampagne. "Diese Aktion schadet der gesamten Tourismusindustrie auf Jahre", sagt Marinka Sanc-George von Let’s Go Travel in Kampala.

Fakt ist: Kony gehört vor das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Doch die sicherheitspolitischen Probleme Ugandas sind längst andere: die in Entebbe zu Forschungszwecken gelagerten, jedoch völlig ungesicherten Proben höchst gefährlicher Biostoffe wie Marburg- oder Ebolavirus zum Beispiel. Oder die ugandische Beteiligung an der Bekämpfung der Al-Shabaab-Milizen in Somalia, in deren Folge es auf das Land im Juli 2010 zwei tödliche Vergeltungsanschläge gab.

Daneben gibt es enorme soziale Konflikte. Wie in anderen afrikanischen Ländern mit zu schnell wachsender Bevölkerung und korrupten, sich an der Macht festkrallenden Polit-Eliten wie zuletzt in Burundi oder Malawi gibt es auch in Uganda seit Musevenis viertem Wahlsieg im Februar 2011 immer wieder Zusammenstöße zwischen unzufriedenen Bevölkerungsgruppen und der Polizei. Zuletzt bereitete eine mysteriöse nodding disease, die Tausenden Kindern eine Art Schüttellähmung des Kopfes bescherte, den Gesundheitsbehörden sorgen.

Fest steht: Spenden für ein Problem, das als solches von der betroffenen Bevölkerung nicht wahrgenommen wird, da es weit dringendere Herausforderungen gibt, sind problematisch. Sie rücken jenen Teil der internationalen Hilfsindustrie kurzzeitig in die Öffentlichkeit, der durch zugegebenermaßen exzellentes Marketing in modernen Kommunikationsforen kurzfristige Medienaufmerksamkeit erlangt, ohne Fragen zum Sinn dieser Aktionen und deren Nachhaltigkeit beantworten zu müssen.

Wenn dann, wie im Fall von Invisible Children, vermutet wird, dass nur 30 Prozent der Hilfsgelder auch vor Ort ankommen, schadet das nicht nur den größten internationalen Spenden-Organisationen wie Oxfam, Clinton's Global Initiative, CARE und anderen, sondern auch den vielen kleinen NGOs. Denn letztere sind es, die über Jahre hindurch und abseits der Öffentlichkeit mühsame Arbeit leisten, um jene Kinder, die von Invisible Children jetzt für ein paar Sekunden vor den internationalen Vorhang gezerrt werden, in ihrem weiteren, meist unspektakulären Leben zu begleiten.