Internationale BeziehungenAuf den Faktor Kultur achten!

Wie kann ein internationaler Konsens wie die Begrenzung der Erderwärmung umgesetzt werden? Durch eine Kultur der Kooperation, schreibt C. Leggewie im Gastbeitrag.

Klimafaktor Autoabgase: US-Freeway in Riverside, Kalifornien

Klimafaktor Autoabgase: US-Freeway in Riverside, Kalifornien

Das Ende des Kalten Krieges hat die Welt bekanntlich multipolar werden lassen. Es sind neue Machtakteure aufgetreten und es herrscht allgemein eine erstaunliche Einigkeit. Zumindest wenn man nach den Erklärungen der G-8- und G-20-Gipfel oder den UN-Verhandlungen geht. Generelle Ziele wie Wirtschaftswachstum und Freihandel, Begrenzung des Klimawandels und des Artensterbens, Reform der Finanzmärkte oder Beseitigung der Armut sind Konsens. Zeitdiagnostiker wie Francis Fukuyama haben deswegen die Rhetorik des Philosophen Hegel vom "Ende der Geschichte" wiederbelebt.

Claus Leggewie

ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und Co-Direktor des Käte Hamburger Kollegs "Politische Kulturen der Weltgesellschaft". Der Artikel entstand in einer Kooperation des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) mit ZEIT ONLINE.

Doch bei aller normativen und ideologischen Konvergenz mangelt es an Instrumenten, Institutionen und Akteuren, den Konsens in die Realität umzusetzen. Ein Beispiel dafür ist das fast weltweit beschworene Zwei-Grad-Ziel, also die von einem Großteil aller Staaten bekräftigte Absicht der Weltgemeinschaft, die vom Menschen gemachte Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber dem Basisjahr 1880 zu begrenzen. Mangels weltweit verbindlicher Abkommen steuert die Welt aber faktisch auf eine Erwärmung von weit mehr als zwei Grad zu und damit auf gefährliche Kipppunkte, die die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzt.

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Woran liegt das? Gibt es unüberwindbare Interessensunterschiede? Sehen und beurteilen die Menschen die Weltlage anders, folgen sie unterschiedlichen Werten? Oder ist es nur kurzsichtige Nutzenmaximierung? Andere Zeitdiagnosen sehen Kultur- oder Zivilisationsunterschiede als Ursachen verweigerter Kooperation. Ob Kultur nun ein Hindernis oder ein Beschleuniger für Zusammenarbeit darstellt, hängt jedoch davon ab, was man unter diesem Begriff genau versteht.

Die Forschung weiß wenig über den Faktor Kultur

Hält man Kultur für eine unauflösliche, schwer transplantierbare Substanz, dann unterstellt man – wie Samuel P. Huntington – eher einen Konflikt zwischen den Kulturen. Betrachtet man hingegen kulturelle Differenz – und das nicht nur zwischen Ethnien und Religionen, sondern auch zwischen Geschlechtern und Generationen, zwischen Oben und Unten, Mentalitäten und Milieus – als die Normalbeziehung moderner Gesellschaft, dann wird man sich um Bedingungen bemühen, unter denen diese unterschiedlichen Welten gemeinsame Ziele am besten verwirklichen können.

Es ist erstaunlich, wie wenig die Forschung über den Faktor Kultur bislang weiß. Kooperation wird überwiegend in kleinen Gruppen untersucht, die gemeinsame Ziele erreichen wollen. Dabei unterstellt man vor allem eine Nutzengemeinschaft und einen gemeinsamen Kulturhintergrund. Wo Kooperation aber wider Erwarten nicht zustande kommt, wird dann mit der Kultur argumentiert – erst um das Scheitern zu erklären, aber auch, um es zu überwinden oder abzuwenden. Wie Kooperation in größeren Gruppen, in internationalen Großorganisationen oder gar zwischen Gesellschaften funktioniert, die kulturell auf die eine oder andere Weise verschieden sind, bleibt ein Rätsel.

Leserkommentare
  1. Das macht die Sache so schwierig. Es gibt eine Reihe von Diktatoren die uns Unterdrückung, Folter und Mord als "asiatische Werte" verkaufen wollen.
    Was bei Asiaten in westlichen Kulturen auffällt, ist der höhere Wert, der Bildung beigemessen wird. Damit ist man einer antiintellektuellen Kultur wie der deutschen einen Schritt voraus.

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  2. "wie bekommen wir die anderen länder dazu unsere weltverbesserungsmärchen zu ihren nachtteil annehmen und umsetzen"
    da hätte man sich veilleich die euro/schulden/immobilien kriesen aussuchen können, aber warum ausgerechnet so ein beispiel, das ein resultat wissenschaftlicher kaffeesatzleserei ist??

    der ansatz von "wie kann man die gemeinsamen interessen von unterschiedlichen gruppen benennen und umsetzen" finde ich gut, was das ganze aber mit dem "faktor kultur" zu tun hat erschliesst sich mir nicht umbedingt(schaut man sich doch die handelserfolge der menscheit über die jahr tausende an, das waren total verschiedene kulturen, die kamen zu profit trotz diesen grossen verschiedenheiten). solange man ziele hat, welche für jede gruppe ungefähr gleich grosse vor und nachteile bedeuten, sollte es möglich sein auf gemeinsame nenner zu kommen...

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  3. Es ist das erste Mal, das ich vom intrinsischen Wert der Kooperation im Zusammenhang mit globalen Problemen höre. Der Aspekt erscheint mir interessant. Vielleicht ist der der Hauptgrund für Schüleraustausche.

    Bei den globalen Problemen jedoch scheinen es nicht mal so sehr die Kulturunterschiede zu sein, die eine Lösung blockieren. Denn selbst innerhalb eines engen Kulturkreises, wie Deutschland zum Beispiel, treten wir auf der Stelle und tun nicht mal im Ansatz etwas für die Lösung der globalen Probleme.

    Die wirtschaftliche und politische Organisation unserer modernen Gesellschaften verlangen bei der Lösung globaler Probleme von jedem einzelnen Akteur so viel moralische Stärke ab, dass damit der Grossteil der Akteure schlichtweg überfordert ist. Die Probleme werden nicht gelöst.

  4. nicht kultur als faktor, sondern globale bürgerbeteiligung

    fakt ist, dass die politik der wirtschaft weitgehend hinterherhinkt und die bürger instrumentalisiert werden. am bsp. der islamfeindlichen ausrichtung der deutschen ist erkennbar, dass statt der gemeinsamkeiten die unterschiede der religionen und damit auch der kulturen betont werden. sonst würde die brd ja nicht enge partnerin der usa sein, die ressourcen sichern will und, ebenso wie deutschland, eine waffenindustrie zu unterhalten hat.

    nicht unterschiede hervorheben, sondern gemeinsamkeiten

    erst wenn sich eine generation mündiger bürger herausbildet, wird es möglich sein ziele wie menschenrechts- und umweltschutz zu erreichen. "kulturelle Elemente analysieren"?! wüssten menschen egal woher, welchen alters, religion etc. über zusammenhänge und eigene möglichkeiten bescheid, so würde gehandelt werden. klar gibt es kulturelle unterschiede, aber was überall gleich ist ist, dass bürger nahezu keine globalen entscheidungen treffen können. wie lange können wir hier in deutschland noch auf kosten anderer leben?!

    • Crest
    • 24.03.2012 um 9:34 Uhr

    ...die die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzt.

    Lehnen Sie sich jetzt zurück und stellen Sie sich die Klimate vor, in denen Menschen erfolgreich leben: angefangen von der Sahara, über den Himalaya, das Amazonasbecken bis nach Grönland.

    Und dann beurteilen Sie diese Aussage.

    Herzlichst Crest

    4 Leserempfehlungen
  5. Die Kultur rettet das 2° Ziel.
    Dafür gibt es bestimmt ordentlich Fördermittelchen.

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