Es war ein großer Abend für Wladimir Putin : Etwa 100.000 Menschen versammelten sich im Zentrum Moskaus, russische Flaggen wehten, kremlnahe Kulturschaffende sangen Lieder, in denen von Krieg und brennenden Panzern die Rede war, und der gewählte Kandidat, ein ausgewiesener Macho der Macht, weinte . Putin kehrt für sechs Jahre als Präsident in den Kreml zurück. Aber dem Ruhmesabend fehlte etwas, das Putins Wahlsiege vor zwölf und acht Jahren ausgezeichnet hatte: die allgemeine Anerkennung. Ein Teil der Bevölkerung, eine bedeutende Minderheit vor allem in den Großstädten, hält Putins dritte Präsidentschaft nicht für legitimiert. Er wird ein Präsident im Zeichen des Zweifels. Nur der eisige Wind, sagte sein Pressesprecher später, habe Putin die Tränen in die Augen getrieben.

Für viele Russen mindern allein die gemeldeten Wahlfälschungen Putins Legitimität. Wer am Wahltag durch Moskau fuhr, konnte überall Buskolonnen erblicken. Manche von ihnen, so berichten Wahlbeobachter und Duma-Abgeordnete, transportierten Menschengruppen von Wahllokal zu Wahllokal, damit sie mehrfach abstimmen. Der Erfindungsreichtum der städtischen Beamten, die Putin liebedienerisch Gutes tun wollen, schlägt immer neue Kapriolen: Erheblich zugenommen hat die Zahl der Wähler, die als "ständig in der Produktion benötigt" über ihre Arbeitgeber parallel zu den Wählerlisten an die Wahllokale gemeldet wurden. Den Wahlbeobachtern fehlt die Kontrolle über die Zusatzlisten. Solche Wahltricks und Ergebnisse von 100 Prozent und mehr gehören mittlerweile zur russischen Wahlfolklore.

Doch waren die Fälschungen nicht entscheidend : Auch die Wahlbeobachterorganisation Golos, die den Mächtigen als Störenfried gilt, meldete nach eigener Parallelauszählung mehr als 50 Prozent der Stimmen für Putin. Ausschlaggebend sind vielmehr 12 Jahre einer halbautoritären Macht, die alle Konkurrenten mithilfe eigener Gesetze oder höriger Staatsanwälte und Richter aus dem Rennen warf. Putin war alternativlos, weil es von Anfang an das Ziel seiner Polittechnologen war, ihn alternativlos zu machen. Sie nannten das offen die "gesteuerte Demokratie".

Ob das Ergebnis für Russland Gutes verheißt, ist fraglich. Denn das Land hat sich verändert, und Putin wirkte zuletzt oft vorgestrig . Die Gesellschaft ist heterogener geworden: Städter und Landbevölkerung haben sich voneinander entfernt, Freiberufler und Kreative kollidieren mit den Verwaltungsbeamten, Mittelschicht und Arbeiterschaft geraten in Widersprüche. Viele, die sich unter Putin im vergangenen Jahrzehnt Bildung und Besitz erarbeitet haben, wenden sich nun gegen ihn: Sie wollen Respekt, Mitsprache und ehrliche Wahlen statt Scheindemokratie. Putins Appelle an die niederen Instinkte, seine Aufwiegelung der regionalen Arbeiterschaft gegen die städtischen Reichen oder seiner Anhänger gegen die Oppositionellen, die er pauschal zu Vaterlandsverrätern ausrief, beleidigen sie.

Ein Ende der Konfrontation ist nicht in Sicht. Putins Auftritt vor seinen Anhängern am Wahlabend gab ein erstes, bedenkliches Signal für seine neue Amtszeit: Er bezichtigte einmal mehr die Protestler, die Macht usurpieren zu wollen, und beschrie seinen Sieg. Ein Wort der Versöhnung oder zumindest des Ausgleichs fiel nicht. Putin trat nicht als Landesvater auf, sondern als zorniger Triumphator .

Reformen sind unausweichlich

Dabei müsste er konsolidieren, statt zu spalten. Denn die umfangreichen Reformen, die Russland braucht, sind schon Allgemeinplatz im Moskauer politischen Gespräch: Demokratisierung, Entstaatlichung der Wirtschaft, unparteiische Justiz, Reformen des Rentensystems, der Bildung, des Gesundheitswesens. Das ginge nur als gemeinsamer Kraftakt. Doch es bleibt offen, was Putin wirklich will.

Drei Szenarien der Entwicklung Russlands diskutieren die Politologen derzeit. Ein repressives Vorgehen gegen die Protestler wie in Weißrussland gilt als wenig wahrscheinlich. Es dürfte die Mittelschicht in die innere Emigration oder ins Ausland treiben und würde den meisten in der Elite, die geschäftlich oder privat eng mit dem Leben im Westen verbunden sind, persönlich gefährlich. Aber auch ein Putin, der sich als konsequenter Reformator selbst neu erfindet und damit das eigene Regime demontiert, ist unwahrscheinlich.

So kommt es vermutlich zum Modell des "Weiter so", angereichert mit Reförmchen. Schon Putins martialische Auftritte im Wahlkampf und die Personalentscheidungen seit Dezember, die altgediente Hardliner in den Kreml bugsierten, sprechen für die alte Linie. Der Protestbewegung dürfte der Präsident manches Reformbonbon reichen, während Polizei oder Staatsanwaltschaft zur Abschreckung punktuell hart durchgreifen. Freie Medien wie die Radiostation Echo Moskwy oder die Zeitung Nowaja Gazeta haben bereits Verwarnungen erhalten.

Den grundsätzlichen Konflikt mit der Protestbewegung aber wird Putin nur entschärfen können, wenn er sich zu ungewohnten Mitteln wie Dialog und Kompromiss durchringen kann. Dem Stabilisator Russlands könnte sonst die Stabilität entgleiten. Die Putin-Gegner versammeln sich am Abend zu ihrer Großdemonstration im Zentrum Moskaus.