Assad muss weg. Zumindest dieses Ziel eint die ansonsten heillos zersplitterte syrische Opposition. Die unzähligen Gruppierungen, die letztlich schlicht ein Abbild der fragmentierten Gesellschaft sind, wissen im Grunde: Nur gemeinsam wird es gelingen, das verhasste Regime weiterhin unter Druck zu setzen. Und nur gemeinsam kann die Opposition auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft bauen – finanziell, logistisch und vielleicht noch entscheidender: symbolisch.

Mehr noch aber hängt das Gewicht der Bewegung davon ab, ob es gelingt, hinreichenden Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen. Die sehnt in der überwiegenden Mehrheit ein Ende der aktuellen Zustände herbei, fürchtet jedoch ebenso sehr, was danach kommen mag.

Der seit Monaten selbstbewusst als legitime Vertretung des Volkes auftretende Syrische Nationalrat (SNC) hat es bislang nicht fertig gebracht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Im Gegenteil: Der Zusammenschluss zumeist im Exil befindlicher Oppositionsvertreter sieht sich zunehmend der Kritik ausgesetzt, den Kontakt zu den Menschen verloren zu haben, in deren Interesse er doch angeblich agiert.

Selbst innerhalb des Rates, der seinerseits mehr als 40 politische und Aktivistengruppen einbindet, waren zuletzt offen ausgetragene Differenzen über den strategischen Kurs und die Organisation die Regel. Mehrere hochrangige Mitglieder verließen den SNC , vor allem aus Unmut über die Führung um den Vorsitzenden Burhan Ghalioun und den wachsenden Einfluss der Muslimbrüder, die von der sunnitischen Mehrheit in Syrien unterstützt werden. Zudem gibt es neben dem Nationalrat eine ganze Reihe konkurrierender Gruppierungen; sie alle tragen ihren Teil dazu bei, dass die syrische Opposition nicht mit einer Stimme spricht.

Unter der Oberfläche bleiben die Konflikte bestehen

Daran haben auch die jüngsten Bemühungen auf einer Konferenz in Istanbul in dieser Woche wenig geändert. Eingeladen hatten dazu die Türkei und Katar , das derzeit den Vorsitz der Arabischen Liga innehat. Ein Großteil der Teilnehmer trug zwar die Entscheidung mit, den Syrischen Nationalrat als "formellen Ansprechpartner und Repräsentanten des syrischen Volkes" anzuerkennen – immerhin. Auch die angekündigten strukturellen wie personellen Reformen lassen hoffen, der Rat könnte sich als Dachorganisation der Opposition etablieren, zumindest scheint dies ein ernst gemeintes Angebot.

Doch die Öffnung des SNC kam letztlich nur auf Druck zustande, die eigentlichen Konflikte der Opposition sind keineswegs beigelegt. Der einflussreiche Dissident Haitham al-Maleh und Vertreter der syrischen Kurden hatten das Treffen zunächst unter Protest verlassen, weil sie keine Möglichkeit sahen, ihre Sicht und ihre Interessen einzubringen. "Ich will, dass der Rat demokratisch agiert. Bis jetzt verhalten sie sich wie die Baath-Partei", sagte Al-Maleh in Anspielung auf das syrische Regime. Die Kurden sahen ihre Hoffnung enttäuscht, den Wunsch nach einer autonomen Region innerhalb eines neuen syrischen Staates nach Assad auf die Agenda zu setzen.

Unter der Bedingung, dass der Nationalrat mehr Mitbestimmung zulässt und weitere Strömungen einbindet, wollten sich der mehrfach in Syrien inhaftierte Jurist und andere Mitglieder, die dem SNC vor Kurzem den Rücken gekehrt hatten, dann aber wieder anschließen. Allen Beteiligten muss klar gewesen sein, dass ein komplettes Scheitern der Konferenz eine katastrophale Botschaft gewesen wäre. Und ein großes Hindernis für die weitere Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft. Vorerst ist die Gefahr einer weiteren Zersplitterung aber zumindest eingedämmt. Allerdings blieben einige Gruppierungen dem Treffen komplett fern.