ToulouseDie Gefahren des Ein-Mann-Terrorismus

Die Morde des Islamisten Mohamed M. stehen für eine neue Form des Terrors. Politik und Medien tun sich schwer, damit umzugehen. Von Frank Jansen von Frank Jansen

Polizeikräfte vor dem Haus, in dem sich der mordverdächtige Mohammed M. verschanzt hat.

Polizeikräfte vor dem Haus, in dem sich der mordverdächtige Mohammed M. verschanzt hat.  |  © Getty Images

Es ist entsetzlich. Wieder läuft ein Fanatiker Amok, diesmal sind in Frankreich drei Soldaten, ein Rabbiner und drei jüdische Kinder die Opfer . Der mutmaßliche Mörder, Mohamed M., inszeniert auch einen Showdown, bei dem Polizisten verletzt werden. Man hält die Hände vors Gesicht und fragt sich: Geht das immer so weiter? Wer läuft als Nächster los und schießt um sich?

Offenbar zum dritten Mal innerhalb eines Jahres hat jetzt eine Art Ein-Mann-Terrorgruppe in Europa gewütet.

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Was in Toulouse und Montauban passiert ist, ähnelt dem Verbrechen, das der Norweger Anders Breivik im vergangenen Juli verübt hat – sowie dem in Deutschland beschämend wenig betrauerten Attentat des Kosovaren Arid Uka , der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US- Soldaten erschoss und zwei weitere schwer verletzte. Drei radikalisierte Ego-Shooter haben großes Leid verursacht.

Terroristen scheren sich nicht um das Alter ihrer Opfer

Zu dieser Sorte radikalisierter Gewaltverbrecher, die ihren Nachbarn nicht weiter auffallen und nur schwer zu stoppen sind, muss man ebenso die Thüringer Terrorgruppe zählen, die mordend durch Deutschland zog – und jede öffentliche Selbstbezichtigung unterließ. Auch die zwei libanesischen Kofferbomber, die 2006 in Köln Sprengsätze in Regionalzügen deponierten, handelten in eigenem Auftrag. Die Sicherheitsbehörden hatten keine Chance, den Beinahe-Anschlag der beiden Nobodys zu verhindern. Ähnlich war es im Fall des weitgehend unauffälligen, über das Internet radikalisierten Arid Uka. Es ist auch fraglich, ob die norwegische Polizei in der Lage war, den abgeschottet lebenden Breivik frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen.

Zu befürchten ist, dass sich durch solche Taten weitere Extremisten und andere Irre animiert fühlen, auch als Killer größtmöglichen Schrecken zu verbreiten. Eine neue Ära des Terrors?

Es erscheint beinahe zweitrangig, welche Motive die Täter nennen. Amoklauf und Terrorismus werden eins. Utøya und Frankfurt und Toulouse erinnern an Winnenden und Erfurt . Die Gewalt wirkt entgrenzt. In Toulouse hat sie, vom Täter nicht nur in Kauf genommen, sondern in eiskalter Absicht, wieder Kinder getroffen – angeblich, um den Tod palästinensischer Kinder zu rächen. Als wenn das ein legitimer Grund sein könnte.

Breivik hatte auf Utøya sogar 69 Jugendliche hingerichtet. Terroristen scheren sich zwar selten um das Alter ihrer Opfer, doch eine mit eigener Hand verübte Hinrichtung von Kindern und Jugendlichen zeugt von exzessiver Grausamkeit.

Leserkommentare
    • TDU
    • 22. März 2012 10:59 Uhr

    Man kann nicht jeden Amok laufenden Mörder als Terrorist bezeichnen. Dann wird Terrorismus zur beliebigen Interpretationsmöglichkeit und schon könnte man planmässige Anschläge, die sich in Art, Ausführung und Opferauswahl nicht unterscheiden zum diskussionswürdigen legitimen Akt "erheben".

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    Es könnte sich auch um einen "normalen" Amokläufer handeln, der an seine Taten ein politisches Etikett klebt, damit er sich größer fühlt. Nichtsdestotrotz bleibt es gefährlich, daß der saudische Salafismus derartige Etiketten anbietet. Es wird Zeit, sich der Wurzel des Übels zu widmen. Der Islam war ziemlich friedlich, bis sich die Fanatiker aus Saudi-Arabien anschickten, ihn für ihre politischen Zwecke zu kapern.

    Ein Amokläufer mordet wahllos. Genau davon kann hier nicht die Rede sein.

  1. ... ist eben auch immer ein Stück unsicher. Die moderne Technik macht es möglich, dass ein einzelner viele Menschen töten kann - und was im Kopf des Menschen vorher geschieht kann man nicht vorhersehen.

    Das ist schlimm und grauenvoll - aber mir fällt kein vertretbarer Weg in die totale Sicherheit ein.

    • Frizz
    • 22. März 2012 11:15 Uhr

    "Terroristen scheren sich nicht um das Alter ihrer Opfer."

    Wie viele Kinder und Greise sind eigentlich von den NATO-Okkupationstruppen in Afghanistan getötet worden?

    In Toulouse schlägt die vom Westen ausgehende Gewalt nunmehr auf diesen zurück. Schlimm ist nur, dass - hier wie dort - vor allem unschuldige Unbeteiligte getroffen werden.

    "Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt" (Peter Struck, deutscher Kriegsminister)

    "Die Freiheit Afghanistans wird auch an den Pyrenäen erkämpft" (Mullah Hadschi Halef Omar, afghanischer Untergrundkämpfer)

    "Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten." (Hosea 8, 7)

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    wieviel Kinder und Greise sind eigentlich von der Taliban ermordet worden ?
    Sie sollten bei Ihren Sympathieausbrüchen doch etwas vorsichtiger argumentieren sonst könnte man den Eindruck erhalten, dass Sie diesen Morden im Prinzip zustimmen wenn sie sich anomym gegen den ``Westen´´ wenden.
    Wieviel Blut klebt an den Händen Ihres verehrten Mörders Mullah Omar ?

    Man hat das bei jeder militärischen Intervention in einem Land. Amerika und Europa sind nicht verhasst weil sie westlicher Gesinnung sind, sondern weil sie Angriffskriege führen. Einfach damit aufhören und schon verschwinden die Terroristen ganz von selbst. Nebenbei kann man sich dann auch die verdachtsunabhängige Überwachung der Gesamtbevölkerung sparen.

    Eine Win-Win- Situation für alle Beteiligten, kann durch vorsteinzeitlich denkende Politiker leider nicht erkannt und verwirklicht werden.

    Das Nato Experiment in A ist schief gegangen. Vielleicht war das alles von Anfang an falsch. Aber bitte informieren Sie sich einmal über die Leiden der Zivil-Bevölkerung dort unter dem islamistischen Taliban Regime bevor die Nato kam. Bei genauer Betrachtung könnte und konnte da auch ein strenger Pazifist für eine "Okkupation" plädieren. Klaro - jetzt sind wir alle klüger. Wären wir doch alle zuhause geblieben...

    "...von den NATO-Okkupationstruppen...!
    Damit ist alles klar. Den Rest kann man sich ersparen, den
    kann man selber herbeten.
    "..die vom Westen ausgehende Gewalt" Wenn man immer weiter
    nach Westen geht, kommt man im Osten an.

    Ihre "Argumentation" ist beschämend. Was haben denn jüdische Kinder mit Afghanistan zu tun ? Und wenn sie schon auf Afghanistan verweisen: Circa 80 % der zivilen Opfer wurden und werden von Taliban und Konsorten getötet, ein paar weitere von den afghanischen Streitkräften und nur eine kleine Menge von Zivilisten von den UN-Truppen.
    http://www.tagesspiegel.de/politik/un-mission-immer-mehr-zivile-opfer-in...
    In ihrer beschämenden "Logik" müsste ein Attentäter pakistanische Kinder töten, denn die Taliban wurden und werden von dort unterstützt.

    • fse69
    • 22. März 2012 15:19 Uhr

    "...In Toulouse schlägt die vom Westen ausgehende Gewalt nunmehr auf diesen zurück. Schlimm ist nur, dass - hier wie dort - vor allem unschuldige Unbeteiligte getroffen werden...."

    Hier darf einfach kein Zusammenhang hergestellt werden. Ein kleines Kind in Frankreich kann doch nicht zur Rechenschaft für das gezogen werden, was Amerikaner oder Israelis in Afghanistan oder Palästina anrichten. Nein, nein, nein. Das geht mit keiner Form von Verstand, Logik oder Ethik einher, in keinem Rechts- und Gerechtigkeitsverständnis dieser Welt, weder in Gegenwart, noch Geschichte.

    • Dr.Ing
    • 22. März 2012 19:44 Uhr

    Dieser Mörder hätte auch irgend eine andere Geschichte zu seiner Rechtfertigung herangezogen, diesem Typen ist Afghanistan und auch Palästina völlig gleichgültig der braucht nur eine Rechtfertigung für seine Mordgelüste. Für jeden Verbrecher können Entschuldigungen zitiert werden, besser an den Haaren herbeigezogen.

    Das Anti-Terror-Konzept der NATO ist ethisch nicht legitimierbar. Das Selbstverteidigungsrecht wird pervertiert. Kriegerische Vergeltungsinterventionen sind nicht nachhaltige Notwehrexzesse, die die Ideologie des Terrors nicht bekämpfen; sie wirken sogar kontraproduktiv, da (alttestamentarische) Vergeltung auch auf religiöse Motive schließen lässt. Zivilisten am Ende der Welt denken da wie wir! Es fehlt ein schmerzvoller öffentlicher Dialog, der die Verhöhnung der Opfer in Kauf nimmt, wie der Kampf gegen die RAF zeigte. Man müsste eine ehrliche Diskussion über eigene Fehler zulassen, um dem Terror seine gefühlte Legitimation zu entziehen. Das ist der einzig nachhaltige Weg, alles andere wirkt auf einen objektiven Beobachter faschistoid. Merkmal des Faschismus ist es, Menschen nach Wert zu unterscheiden und menschliche Opfer zu qualifizieren. Sprachlich geht die NATO diesen Weg, denn eigene Tote sind Opfer des Terrors, fremde zivile Opfer Kollateralschäden, für die man sich nur entschuldigen kann. Eigene Amok-Täter sind kriegstraumatisierte traurige Einzelfälle, fremde Amok-Täter zynisch und kalt agierende rassistische Terroristen. Die Rethorik der NATO entlarvt ein Horror-Menschenbild, das des Angriffskriegers! Die NATO-Propaganda erzeugt diese Ein-Mann-Terroristen, denn sie weckt falsche Gerechtigkeitsgefühle. Terroristen begreifen sich als Freiheitskämpfer für die Rechte Schwächerer, weil sie eine faire Diskussion in der Öffentlichkeit vermissen, die wirklich fehlt.

    • LB
    • 22. März 2012 11:16 Uhr

    Sehr guter Kommentar. Gegen Täter wie diese kann es keine vollendete Sicherheit geben, nur gute Vorbeugung, d.h. eine Gesellschaft die Menschen wie Uka, Breivik und Co. möglichst wenig hervorbringt.

    MfG aus dem Pott
    LB

  2. Irre ich mich oder ist das ein gehöriger Widerspruch.

    Hier wird mit Hilfe eines Konstrukts versucht, verschiedene Täter in eine Form zu pressen, um am Ende eine Gruppe zu konstruieren, vor die wir alle uns fürchten müssen. Dann wird noch der Staat - hier sogar mehrere Staaten ins Konstrukt-Boot geholt, die nun aktiv werden müssen und die Zivilgesellschaft angerufen, die Widerstand leisten soll.

    Das Konstrukt füllt viele Zeilen, sagt aber weder etwas über die Täter aus, die nichts miteinander zu tun und meiner Ansicht nach auch nichts gemeinsam hatten. Und es sagt noch weniger über die Taten aus.

    Die größte Gefahr an diesen mahnenden Rufern, die jetzt aus vielen deutschen Löchern kommen, sehe ich darin, dass der "Widerstand" gegen solche Taten viele Menschen einschränkt, misstrauisch macht und unser aller Freiheit immer weiter beschneidt.

    Aber die Hauptsache ist wohl, man hat mal wieder eine Gruppe ausgemacht, die gern natürlich irgendwie faschistoid gehandelt hat.... seltsame journalistische Vorgehensweise.

  3. wieviel Kinder und Greise sind eigentlich von der Taliban ermordet worden ?
    Sie sollten bei Ihren Sympathieausbrüchen doch etwas vorsichtiger argumentieren sonst könnte man den Eindruck erhalten, dass Sie diesen Morden im Prinzip zustimmen wenn sie sich anomym gegen den ``Westen´´ wenden.
    Wieviel Blut klebt an den Händen Ihres verehrten Mörders Mullah Omar ?

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    ...ist sicherlich nicht der "verehrte Mullah" des Foristen Frizz, sondern eine ironische Anmerkung, da "Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah" eine Figur aus Karl-May Romanen ist, bekannt für seinen langen Namen.

  4. Man hat das bei jeder militärischen Intervention in einem Land. Amerika und Europa sind nicht verhasst weil sie westlicher Gesinnung sind, sondern weil sie Angriffskriege führen. Einfach damit aufhören und schon verschwinden die Terroristen ganz von selbst. Nebenbei kann man sich dann auch die verdachtsunabhängige Überwachung der Gesamtbevölkerung sparen.

    Eine Win-Win- Situation für alle Beteiligten, kann durch vorsteinzeitlich denkende Politiker leider nicht erkannt und verwirklicht werden.

  5. Es könnte sich auch um einen "normalen" Amokläufer handeln, der an seine Taten ein politisches Etikett klebt, damit er sich größer fühlt. Nichtsdestotrotz bleibt es gefährlich, daß der saudische Salafismus derartige Etiketten anbietet. Es wird Zeit, sich der Wurzel des Übels zu widmen. Der Islam war ziemlich friedlich, bis sich die Fanatiker aus Saudi-Arabien anschickten, ihn für ihre politischen Zwecke zu kapern.

    Antwort auf "Widerspruch"
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    • xpeten
    • 22. März 2012 12:35 Uhr

    pauschal vom Islam zu sprechen. Das ist eine völlig unzulässige Verallgemeinerung. Lange nicht jeder Moslem hat den Westen zum Feindbild, ist gewaltbereit und identifiziert sich mit Märtyrern, genau so, wie nicht jeder Christ islamophob ist, die Menschen aus dem nahen und mittleren Osten zum Feindbild hat oder die Motive der Kreuzritter teilt.

    Und, wie Sie es nennen, "normale" Amokläufer, die sich ein "politisches Etikett ankleben", was sollen das denn für "normale Amokläufer" sein? Haben Sie dafür Beispiele?

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