Tuareg-Band TinariwenNomaden zwischen Gitarre und Kalaschnikow

Einst tauschten sie Gewehre gegen Instrumente. Doch der Aufstand der Tuareg in ihrer Heimat Mali lässt die Musiker der Band Tinariwen nicht los. von 

Die Band Tinariwen

Die Band Tinariwen  |  © Marie Planeille

Vier Männer in blauen Gewändern sitzen unter einem Baum in der Tuareg-Stadt Tessalit. Sie spielen auf Djemben und Gitarren eine bluesige Melodie. "'63 ist schon lange her, aber es wird wieder kommen. Die Spuren sind noch sichtbar", singt ein knochiger Gitarrist mit wilder Mähne.

1963 begann in Mali der erste Tuareg-Aufstand der Nachkriegszeit. Als die Franzosen sich aus ihren Kolonien in Nordafrika zurückzogen und die Sahara-Region allmählich die heutige politische Struktur annahm, war das Volk der Tuareg plötzlich zwischen vier Staaten zersplittert: Mali, Niger , Algerien und Libyen .

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Unabhängig davon, wer im Laufe der Jahrhunderte in die Ödnis ihrer Urheimat eindrang – waren es die Pharaos, die Araber oder die europäischen Kolonialmächte – konnten die stolzen "Blauen Männer" der Sahara ihre Unabhängigkeit bewahren. Statt sich zu Beginn der sechziger Jahre in die neu entstandenen Staaten einzugliedern, griffen sie zu den Waffen, um ihre Kultur zu verteidigen – wie schon so oft in ihrer langen Geschichte.

1963 waren die Tuareg noch ein Nomadenvolk mit sehr einfachen Waffen. Die malische Armee hatte keine Mühe, den Aufstand in wenigen Monaten niederzuschlagen. Tausende Tuareg wurden getötet, inhaftiert oder nach Algerien und Libyen vertrieben.

In den Flüchtlingslagern keine Zukunft gesehen

Damals war der langhaarige Gitarrist, Ibrahim ag Alhabib, noch ein Kind. Der Aufstand hinterließ aber schon damals tiefe Spuren in seinem Leben. Nachdem sie die Rebellion zerschlagen hatten, durchsuchten die malischen Soldaten alle Dörfer um Tessalit, um die Anstifter ausfindig zu machen. Ibrahims Vater wurde von den Soldaten festgenommen und niedergeschossen.

Ibrahim musste mit der Familie nach Algerien fliehen. Schon als er noch mit den Ziegen durch die Wüste zog, spielte der junge Nomade gern Volksmelodien auf der Holzflöte. Einige Jahre später sah er in einem algerischen Dorf einen Mann mit einer Gitarre. Er folgte ihm und bat ihn, ihm die Grundzüge des Instruments beizubringen.

Die Lebensbedingungen der Tuareg verschlechterten sich während der achtziger Jahre immer weiter. Die wiederkehrenden Dürren und die Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung in Mali und Niger ließen den Zorn der Nomaden bald wieder aufflammen.

Ibrahim hatte inzwischen den Blues-Rock von Elvis Presley entdeckt und einige gleichgesinnte Musiker getroffen. Sie gehörten alle zur sogenannten Teshoumara-Bewegung (Arbeitslose): eine Gruppe von Jugendlichen, die in den Flüchtlingslagern keine Zukunft mehr sahen und vergebens nach Auswegen suchten.

Bei einem Festival in Algerien stellte Ibrahim 1982 mit einigen Freunden erstmals die Gruppe unter dem Namen Tinariwen (Wüste oder Ödnis) vor.

Leserkommentare
  1. kannten schon die alten Pharaonen.

    2 Leserempfehlungen
  2. 'Es gibt Menschen, die versuchen, uns ihre Weltanschauung aufzudrängen.'

    So auch hier im Artikel: mit der mehrfachen Betonung von 'zwischen Gitarre und Kalaschnikow' wird ein Zusammenhang zwischen Tinariwen und der Militanz des Tuareg-Aufstands hergestellt - kein guter journalistischer Stil, me thinks. Es mag ja sein, daß Tinariwen durch Beteiligung? an einem Aufstand vor x Jahren ein Mythos umweht, auf den muß man aber nicht unbedingt reinfallen. Geschweige denn, daraus trotz unzweideutiger Begründung für die Tour-Absage (nämlich Familien in Sicherheit bringen) eine mögliche militante Beteiligung am drohenden Bürgerkrieg in Mali (Niger und den angrenzenden Ländern) machen.

    Zur Versachlichung fände ich die Trennung von Politik http://bit.ly/yVPVjR http://www.dradio.de/dlf/... und fantastischer Musik http://liveweb.arte.tv/de... geboten.

    Eine Leserempfehlung
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    Der drohende Bürgerkrieg wird in auffällig vielen Medien ignoriert, lesenswert fand ich die taz http://bit.ly/HsczfY 'Genug ist genug. Der Putsch war eine „Implosion des Regimes“, sagt Henner Papendieck, Gründer des Entwicklungsprogramms „Mali-Nord“. Dass die Soldaten selber regieren wollen, glaubt er nicht.' BBC http://www.bbc.co.uk/news... Al Jazeera http://www.aljazeera.com/... NZZ http://www.nzz.ch/nachric... berichten über die Eroberungen der letzten Tage nebst der Drohung von Sanktionen durch die Nachbarländer, der Guardian berichtet von der Antwort des Rebellenführers darauf http://www.guardian.co.uk...

  3. Der drohende Bürgerkrieg wird in auffällig vielen Medien ignoriert, lesenswert fand ich die taz http://bit.ly/HsczfY 'Genug ist genug. Der Putsch war eine „Implosion des Regimes“, sagt Henner Papendieck, Gründer des Entwicklungsprogramms „Mali-Nord“. Dass die Soldaten selber regieren wollen, glaubt er nicht.' BBC http://www.bbc.co.uk/news... Al Jazeera http://www.aljazeera.com/... NZZ http://www.nzz.ch/nachric... berichten über die Eroberungen der letzten Tage nebst der Drohung von Sanktionen durch die Nachbarländer, der Guardian berichtet von der Antwort des Rebellenführers darauf http://www.guardian.co.uk...

  4. Dieser KLonflikt ist in der Geschichte wirklich nicht neu und endet mit der Niederlage der Nomaden.
    In der Regel sind es die Nomaden, die auf Beutezügen Bauern überfallen ( denn umgekehrt, was hat ein Nomade einem Bauern schon zu bieten ? ).
    Das hat nun nichts mit Gut oder Böse, Recht oder Unrecht zu tun, das ist die Erfahrung aus 5000 Jahre Geschichte.

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    • Joyce
    • 01. April 2012 22:25 Uhr

    Natürlich ist der Konflikt zwischen Bauern und Nomaden in dieser Region wie an anderen Orten auf der Welt uralt, aber doch ist hier die Situation etwas anders. Zum einen kann ich hier keine großen Armutsunterschiede zwischen Bauern und Nomaden sehen wie bei einigen anderen Konflikten zwischen Nomaden und Bauern, Mali gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und gerade der Norden leidet immer wieder besonders unter besonderen Dürreperioden. Auch haben die Tuareg unter den Bauern im Norden Malis nicht direkt gelitten, sie haben unter dem unverhältnismäßigen Vorgehen der malischen Armee gelitten so wie sie früher unter den Franzosen litten, aber Menschenrechtsverletzungen gibt es in diesem Konflikt auf beiden Seiten zur Genüge.
    Was vor allem ein Unterschied zu anderen Konflikten dieser Art ist, dass die Tuaregs dieses Mal eine Allianz mit Islamisten von Ançar Dine eingegangen sind (dahinter dürfte AQIM - Al Qaida im islamischen Mahgreb stecken), mich enttäuscht, dass sich Tinariwen nicht wirklich vom Vorgehen der Tuareg-Rebellen distanzieren.

  5. "Die lokale Bevölkerung zahlt den Preis für die eskalierende Gewalt. Nach UN-Angaben ist die Zahl der Flüchtlinge schon auf über 50.000 gestiegen. 70.000 Menschen, die in den Kriegsregionen geblieben sind, haben keinen Zugang zu Trinkwasser oder Nahrungsmitteln."

    Na, da müsste jetzt die NATO ran, denn die hat durch den Krieg in Libyen dieses Chaos in der Region ausgelöst. Dass diese mitlerweile zum nächsten Krieg weitergezogen ist, zeigt, wie ernst die Sache mit dem "Schutz der Zivilbevölkerung" gemeint war, bzw. wie hirnrissig R2P mit Jagdbombern ist.
    Insofern finde ich diesen Artikel schwach, denn die Zusammenhänge werden nur verschleiert dargestellt.

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    • dacapo
    • 05. März 2013 13:06 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten möchten. Danke, die Redaktion/sam

    • Joyce
    • 01. April 2012 22:25 Uhr

    Natürlich ist der Konflikt zwischen Bauern und Nomaden in dieser Region wie an anderen Orten auf der Welt uralt, aber doch ist hier die Situation etwas anders. Zum einen kann ich hier keine großen Armutsunterschiede zwischen Bauern und Nomaden sehen wie bei einigen anderen Konflikten zwischen Nomaden und Bauern, Mali gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und gerade der Norden leidet immer wieder besonders unter besonderen Dürreperioden. Auch haben die Tuareg unter den Bauern im Norden Malis nicht direkt gelitten, sie haben unter dem unverhältnismäßigen Vorgehen der malischen Armee gelitten so wie sie früher unter den Franzosen litten, aber Menschenrechtsverletzungen gibt es in diesem Konflikt auf beiden Seiten zur Genüge.
    Was vor allem ein Unterschied zu anderen Konflikten dieser Art ist, dass die Tuaregs dieses Mal eine Allianz mit Islamisten von Ançar Dine eingegangen sind (dahinter dürfte AQIM - Al Qaida im islamischen Mahgreb stecken), mich enttäuscht, dass sich Tinariwen nicht wirklich vom Vorgehen der Tuareg-Rebellen distanzieren.

    Antwort auf "Nomaden gegen Bauern"
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    • pinero
    • 02. April 2012 2:37 Uhr

    Nun, die Aussage der Tinariwen-Bandmitglieder, dass man zunächst die eigene Familie in Sicherheit bringen will, spricht Bände, das kann man schon als Distanzierung von der MNLA werten. Offensichtlich sind sie der Auffassung, dass die Tuareg-Bevölkerung von der neuen Situation nichts gutes zu erwarten hat, im Gegenteil.

    Die spannende Frage ist, was die MNLA jetzt mit der neu gewonnenen Macht in Azawad anfangen wird. Auf welcher wirtschaftlichen Grundlage will sie in diesem neuen Staatsgebilde aufbauen? Mir fallen da leider nur Dinge wie Drogenschmuggel und Schutzgelderpressung von Handelskarawanen ein. Darunter leidet der große Teil der rund 1,5 Millionen Tuareg in Mali, profitieren tun nur die Warlords der MNLA und Ancar Dine.
    Leider sehe ich keinen Weg, wie man die Macht dieser schwerbewaffneten Leute beschränken könnte. Man kann schon froh sein, wenn sie sich mit dem Erreichten zufrieden geben und den Konflikt nicht in die Nachbarländer tragen, denn da gäbe es für sie wirtschaftlich weit mehr zu holen.

    • pinero
    • 02. April 2012 2:37 Uhr

    Nun, die Aussage der Tinariwen-Bandmitglieder, dass man zunächst die eigene Familie in Sicherheit bringen will, spricht Bände, das kann man schon als Distanzierung von der MNLA werten. Offensichtlich sind sie der Auffassung, dass die Tuareg-Bevölkerung von der neuen Situation nichts gutes zu erwarten hat, im Gegenteil.

    Die spannende Frage ist, was die MNLA jetzt mit der neu gewonnenen Macht in Azawad anfangen wird. Auf welcher wirtschaftlichen Grundlage will sie in diesem neuen Staatsgebilde aufbauen? Mir fallen da leider nur Dinge wie Drogenschmuggel und Schutzgelderpressung von Handelskarawanen ein. Darunter leidet der große Teil der rund 1,5 Millionen Tuareg in Mali, profitieren tun nur die Warlords der MNLA und Ancar Dine.
    Leider sehe ich keinen Weg, wie man die Macht dieser schwerbewaffneten Leute beschränken könnte. Man kann schon froh sein, wenn sie sich mit dem Erreichten zufrieden geben und den Konflikt nicht in die Nachbarländer tragen, denn da gäbe es für sie wirtschaftlich weit mehr zu holen.

    • dacapo
    • 05. März 2013 13:03 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Bitte argumentieren Sie differenziert. Danke, die Redaktion/sam

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    • dacapo
    • 05. März 2013 16:01 Uhr

    Werde mir gute Beispiele in dieser Runde holen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mali | Mick Jagger | Algerien | Elvis Costello | Flüchtlingslager | Gitarre
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