Kony 2012 : Ein Film mit verzerrtem Afrikabild

Die Online-Kampagne gegen den ugandischen Kriegsverbrecher Kony ist fehlerhaft – und gefährlich. Am Freitag ist weltweiter Aktionstag der Kampagne.
Joseph Kony, Kriegsverbrecher aus Uganda © Reuters

Es wurde ein Erfolg, wie er besser nicht sein konnte: 100 Millionen Mal binnen kurzer Zeit wurde das Video Kony 2012 im Netz abgerufen. Und das für eine offenbar gute Sache. In knapp 30 Minuten werden in dem Film die Gräueltaten des aus Norduganda stammenden Warlords Joseph Kony einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Er hat Kinder entführt, missbraucht, sie als Soldaten eingesetzt und ist für entsetzliche Gewalttaten in Norduganda, der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo verantwortlich.

Julia Leininger

ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung "Governance, Staatlichkeit, Sicherheit" am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten zu Fragen internationaler Entwicklungspolitik.

Invisible Children, die US-amerikanische NGO, die das Werk produziert hat, benennt im Video auch klar das Ziel der Aktion: Mit verstärkter globaler Aufmerksamkeit für die Grausamkeiten Konys und seiner Rebellenorganisation Lord Resistance Army (LRA) soll der notwendige internationale Druck erzeugt werden, um die Schlächter zu stoppen. Dafür solle die US-Regierung ihr militärisches Engagement in Uganda weiter ausbauen. Außer dem Video gibt es ein Kony 2012 Action Kit inklusive Armband zu kaufen, es wurden Briefe an US-Abgeordnete und Prominente geschrieben und für den 20. April der Kony-2012-Aktionstag ausgerufen.

Eine wahrlich gute Tat, sollte man annehmen. Doch unter Kennern der Grenzgebiete Ost- und Zentralafrikas gibt es kaum jemanden, der die Kony - 2012-Kampagne unterstützt. Im Vordergrund der Kritik stehen zunächst die sachlichen Fehler des Videos. Dazu gehört, dass die LRA schon seit Jahren nicht mehr in Uganda, sondern in den Nachbarländern, besonders in der Demokratischen Republik Kongo, mit maximal 300 verstreuten Rebellen aktiv ist.

Die Grundannahmen von Invisible Children stimmen nicht

Auch die expliziten Aufforderungen an die US-Regierung, die ugandische Armee in Norduganda und das Regime unter Präsident Museveni zu unterstützen, werden kritisch hinterfragt. Die Armee hat in Norduganda bereits schwere Menschenrechtsverletzungen begangen und Museveni machte zuletzt internationale Schlagzeilen, als er bei den Wahlen 2011 den politischen Spielraum der Opposition gewaltsam einschränkte.

Am wenigstens Rückhalt hat die Kampagne anscheinend in der Bevölkerung Nordugandas, die auf die pathetische und vereinfachende Darstellung eines komplexen Konflikts mit Wut reagierte. Nach einer Ausstrahlung des Videos in einem Dorf im vom Internet größtenteils abgeschnittenen Norduganda, bewarfen die Zuschauer die Leinwand mit Steinen. Diejenigen, denen Invisible Children helfen will, fühlen sich von dieser Art der Hilfe beleidigt.

Was ist da schiefgelaufen?

Zunächst stimmen die Grundannahmen von Invisible Children nicht. Jene, die etwas tun könnten, wissen sehr wohl von der Existenz und Brutalität Konys und der LRA: die ugandische Regierung, die ugandische Zivilgesellschaft, die Regierungen der Nachbarländer, die Afrikanische Union ( AU ), der Internationale Strafgerichtshof (ICC) und die US-Regierung. Auch die militärische Lösung, die Invisible Children fordert, ist weder neu noch war sie bislang erfolgreich. Eine der letzten außenpolitischen Entscheidungen von US-Präsident Bush Ende 2008 war eine mit Uganda, den Nachbarländern und der AU abgestimmte Bombardierung der ugandischen Grenzgebiete, um Kony zu stoppen. Eine militärische Aktion, der eine Brutalisierung der LRA folgte.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Danke...

...für den Artikel. Neulich wurde der Film auch im TV beworben/gezeigt, da hatte ich schon ein klammes Gefühl.

Ich würde nicht soweit gehen, die guten Absichten die vielleicht dahinter stehen, als Kriegsvorbereitungspropaganda zu sehen, aber ganz ausschliessen kann man sowas auch nie. In jedem Fall kann man von Europa aus, als machtloser Bürger, nur wenig tun. Wenn selbst die Geheimdienste oft Probleme haben Situationen, Machtstrukturen, Abhängigkeiten usw. zu durchschauen, was für eine Chance haben wir dann?

Ich habe mir das Video...

auch angeschaut - aber es liegt in meiner Natur alles zu hinterfragen...

Dieser "Warrior" erlangt dadurch auch noch eine Aufmerksamkeit, die ihresgleichen sucht - also ob die Bevölkerung dort nicht schon genug zu erleiden hätte...

Und dann wird wieder "einmaschiert" - alles im Namen irgendwelcher vermeintlicher "Gerechtigkeiten"...

Es ist ganz abscheulich Kinder für Geldzwecke zu missbrauchen - denn was sonst wäre der Anlass für die US-Regierung auch dort "für Frieden" zu sorgen...

Liebe Grüße

Fragwürdige Sichtweise

Mein Name ist Tim Vieten, Abiturient und angehender Psychologiestudent.
Außerdem finde ich es gut, dass es verschiedene Ansichten eines Themas existieren.
Nun zu diesem Sachtext:
Die Kernaussage dieses Textes besteht darin, dass Kony 2012 ein verzehrtes Realitätsbild an den Tag legt, welches die Kampagne nicht seriös wirken lässt. Jedoch finde ich, dass einige Aspekte bzw. Argumente dieses Textes ebenfalls nicht ganz der Realität entsprechen.
Erstens wird gesagt, dass Joseph Kony aus Uganda geflohen ist, bzw. sich nun in Nachbarländer aufhält.Auf Grund dessen hat das Militär und die Regierung keinen Verfügungsbereich mehr,damit die Verfolgung weitergeführt wird. Demnach haben sie kein Interesse mehr Kong zu verfolgen.
Jedoch glaube ich, dass die räumliche Segregation nicht darüber entscheiden darf, Ob der weltweit nr. 1 gefahndete Verbrecher Joseph Kony verfolgt wird oder nicht. Dies sollte aus einem Zusammenschluss aller Regierungen geschehen und nicht an der Staatsgrenze aufhören.
Des weiteren beschreibt der Text, dass Die Kampagne Youtube-clicks falsch interpretiert. Wer sagt denn, dass diese Organisation diese Youtube-clicks interpretiert?
Auch wenn die ugandische Armee Menschenrechte verletzt hat, finde ich Kony-2012 eine gute Sache, da sie an nicht regierende Menschen dieser Erde gerichtet ist,damit sie aktiv werden. Die Legitimation jedes demokratischen Landes liegt im Volke selbst. Dies wird mit diesem Aufruf deutlich.

Das ist nicht nur in Afrika so

... sondern auch in Ländern wie zB dem Iran.
Denn auch dort wissen wir und auch die Geheimdienste viel zu wenig, um die Situation zu durchschauen und die Strukturen und Hintergründe zu verstehen.
Dennoch werden der Öffentlichkeit (und Wählerschaft) vermeintlich klare Gut-Böse-Schemata präsentiert...
Wäre alles nicht so schlimm, wenn nicht auch dort sehr leichtfertig und sogar "präventiv" das Wort Krieg in den Mund genommen würde.