In Bolivien ist es eine Autobahn, die durch einen Nationalpark führen soll. In Brasilien ein Mega-Staudamm und in Venezuela und Ecuador die Suche nach Erdöl und Erdgas. In Lateinamerika kommt heute fast kein Wirtschaftsprojekt mehr zustande ohne die Zustimmung der indigenen Bevölkerung. Die Ureinwohner des Kontinents, der vor mehr als 500 Jahren der ihre war, ergreifen die Chance und melden sich beim VI. Amerika-Gipfel am Samstag und Sonntag in der kolumbianischen Kolonialstadt Cartagena de Indias lautstark zu Wort.

Boliviens Präsident Evo Morales bringt gleich eine knappe Hundertschaft Ureinwohner mit nach Cartagena. Sie sollen am Wochenende farbenfroh und lautstark für ihre Belange werben, wenn insgesamt 33 Staats- und Regierungschef aus ganz Amerika die Aufmerksamkeit der Medien des Kontinents auf sich ziehen. Vor wenigen Wochen musste ausgerechnet Morales als erster lateinamerikanischer Präsident indigener Herkunft feststellen, welche politische Macht die mittlerweile hervorragend organisierten Stämme seines Heimatlandes ausüben. Eine fest eingeplante Autobahn durch einen Naturschutzpark verhinderten die aufgebrachten Bolivianer indigener Herkunft mit einem tagelangen Protestmarsch bis nach La Paz. Morales Macht in Bolivien steht und fällt mit der Rückendeckung der indigenen Bevölkerung, der er maßgeblich seine bisherigen Wahlsiege und Erfolge bei Volksbefragungen zu verdanken hat.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos , Gastgeber des Amerika-Gipfels, weiß um die Macht der Bilder. Als er vor gut zwei Jahren ins Amt gewählt wurde, stattete der ehemalige Journalist noch am Tag seiner Vereidigung den Ureinwohnern einen Antrittsbesuch ab. Doch mit solchen Gesten wollen sich die kolumbianischen Stämme nicht mehr abspeisen lassen. Ihre Sprecherin Ana Manuela verkündete am Rande des Gipfels alarmierende Zahlen: Auf 1,3 Millionen Menschen sei die Zahl in den insgesamt 102 kolumbianischen Stämmen zusammengeschrumpft. Derzeit seien 35 Stämme in ihrer Existenz bedroht, teilte die Anwältin mit.

Hilfe von PR-Agenturen

Auch Romel Gónzalez, Repräsentant der mexikanischen Mayas, ist nach Cartagena gekommen. "Es gibt kaum Arbeitsplätze und wenn einer einen Job hat, dann ist er mies bezahlt", sagt Gónzalez und malt ein düsteres Bild für die Zukunft. Gehe das so weiter, dann würden sich die Maya-Populationen in der mexikanischen Gesellschaft auflösen. Stammesangehörige würden lieber aus den Maya-Gebieten wegziehen, als zu hoffen, dass es irgendwann besser wird.

Das klingt auf den ersten Blick wenig zuversichtlich, doch allein dass die indigenen Völker solche Beachtung im Rahmen des Amerika-Gipfels genießen, zeigt ihren gestiegen politischen Stellenwert. Das Medieninteresse ist enorm, die Vertreter der Ureinwohner Lateinamerikas finden bei den rund 1.500 akkreditierten Journalisten aus aller Welt Gehör. Zumal sie auf die gleichen Mittel zurückgreifen wie die als Gegner wahrgenommenen multinationalen Konzerne, die nach indigener Lesart die "Mutter Erde" ausbeuten. Von PR-Agenturen entworfene und produzierte Clips auf YouTube unterstützen das neue Selbstbewusstsein. Die Völker sind untereinander bestens vernetzt und stellen sich im Rahmenprogramm des Gipfels Themen wie "Eigene Kommunikation gegen neue Kommunikationstechnologie".

Erste Erfolge der indigenen Bevölkerung

Das neue Selbstbewusstsein bringt erste Erfolge: In Ecuador mobilisierten die indigenen Verbände unlängst Zehntausende Demonstranten, um gegen den Raubbau an der Natur zu demonstrieren. In Venezuela brachten Ureinwohner den mächtigen Energiekonzern PDSVA in Erklärungsnot. Geborstene Pipelines verseuchten das Territorium des Stammes der Tascabaña. Der staatseigene Konzern sprach von Sabotageakten, doch die Ureinwohner veröffentlichten ihre Version, nämlich, dass schlicht das Missmanagement der Konzernführung Ursache der Umweltverschmutzung war. "Wir sind unzufrieden, weil die Rohrleitungen schon alt sind und längst hätten ersetzt werden müssen", sagte Sair Martínez, Vorsitzender der Tascabaña. Beweise für die Sabotageakte blieb PDSVA dagegen schuldig.

Der nächste Schritt hin zu mehr politischer Einflussnahme ist bereits anvisiert. Die Regierungen der Organisation Amerikanischer Staaten sollen künftig eine Art Indigenen-Minister erhalten, fordern Ureinwohner-Verbände. Zudem solle eine noch zu schaffende Instanz gewährleisten, dass die einzelnen Staaten mit ihren indigenen Kommunen im ständigen Dialog miteinander stehen. Für Miguel Palacín von den Indigenen Organisationen der Anden-Region ist das längst überfällig: "Hätten sich die Staats- und Regierungschefs an die bereits gemachten Versprechen gehalten, hätten wir alle die aktuellen Probleme nicht."