GriechenlandKrawalle nach Selbsttötung eines Rentners in Athen

In der griechischen Hauptstadt hat sich ein Mann wegen der Sparpolitik der Regierung umgebracht. Tausende Menschen protestierten, einige schleuderten Brandsätze. von afp und reuters

Demonstrant in Auseinandersetzung mit der Polizei in der Nacht in Athen

Demonstrant in Auseinandersetzung mit der Polizei in der Nacht in Athen  |  © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Nach dem Selbstmord eines Rentners in Athen hat es in der griechischen Hauptstadt teils gewaltsame Proteste gegeben. Auf dem Platz vor dem Parlament versammelten sich mehrere Tausend Menschen. Am Fuße einer Zypresse legten viele Blumen, Kerzen und Trauerbotschaften nieder.

Einige riefen in Sprechchören, der Tod des 77-jährigen Apothekers sei kein Freitod, sondern ein "vom Staat verübter Mord" gewesen. Etwa ein Dutzend Menschen schleuderte Brandsätze und Steine auf Polizisten, die mit Tränengas reagierten.

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Augenzeugen zufolge hatte der ehemalige Apotheker am Morgen auf dem Syntagma-Platz gerufen: "Ich habe Schulden, ich halte das nicht mehr aus", bevor er sich erschoss.

Bedauern der Regierung

In seinem Mantel wurde ein Abschiedsbrief gefunden. Berichten zufolge nannte er darin die Politik sowie die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten als Grund für seine Tat. Beides habe ihn an den Abgrund getrieben. Griechenland erhält Finanzhilfe der Europäischen Union, um sich aus der Überschuldung befreien zu können.

"Es ist tragisch, dass einer unserer Bürger sich das Leben genommen hat", sagte Regierungschef Lucas Papademos. "In diesen schwierigen Momenten für unsere Gesellschaft, Regierung und Bürger müssen wir Menschen unterstützen, die in Not sind."

Wegen der schweren Wirtschaftskrise ist die Zahl der Selbstmorde in den vergangenen beiden Jahren in Griechenland um 40 Prozent angestiegen.

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Leserkommentare
  1. Gab es eigentlich irgendwelche Banker, Bonzen oder Journalisten, die sich aus Protest umgebracht haben? Nein - denn die haben ja alle Gewinne realisiert.

    Seit Anbeginn der Krise, seit dem Euro, seit der Demokratie werden die Reichen in ungeahnter Geschwindigkeit immer reicher und bezahlen zeitgleich immer weniger Steuern. Korrupte Politmarionetten klüngeln sich 400.000DM Frühpension plus Schloss Diener zu. Fernsehmoderatoren bekommen für einmal Lottozahlenvorlesen einen Millionenbeitrag. Journalisten zahlen keine Steuern wenn sie regimetreu berichten.

    Diese Demokratie ist perverser als jede Diktatur - denn eine Diktatur verzichtet auf die Lüge der Mitbestimmung.

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    "Diese Demokratie ist perverser als jede Diktatur - denn eine Diktatur verzichtet auf die Lüge der Mitbestimmung."

    Wahr ist allerdings auch, dass Diktaturen am Ende zwangsläufig am Realitätsverlust der Diktatoren scheitern. Deshalb würde ich Ihren durchaus wahren Satz ergänzen wollen:

    Staats- und Gemeinwesen scheitern dann, wenn sie nur noch von abgehobenen, in sich geschlossenen "Eliten" kontrolliert werden, die sich nach außen hin hermetisch abschließen. Das Handeln dieser elitären Parallelgesellschaft ist allein vom eigenen Fortkommen geprägt, das Gemeinwesen an sich gerät komplett aus dem Auge.

    "Diese Demokratie ist perverser als jede Diktatur"... "seit der Demokratie werden die Reichen in ungeahnter Geschwindigkeit immer reicher".

    Wollen Sie sagen, seit 1949? oder seit 1989? Bezieht sich ihre Nostalgie auf die Nazi-Diktatur samt Krieg und Holocaust oder auf die DDR-Diktatur samt Schiessbefehl und Stasi?

    Im Übrigen "die Lüge der Mitbestimmung" gab es in beiden Diktaturen.

    und konnte so auch sehen, wie viele Polizisten mit Schlagstöcken auf ungedeckte Personen einschlugen.
    Ich würde mir ohne wenn und aber mir eine .... aus russischer Fabrikation zulegen und dann gibt es Bürgerkrieg nicht nur im Ausland! Unsere Politiker, würde ich als erstes in Haftung nehmen.

  2. Es geht Schritt für Schritt in den - möglicherweise kalkulierten - Bürgerkrieg. Und auch daran lässt sich trefflich verdienen - denn Waffen müssen ja irgendwo bei irgendwem gekauft werden.

    Ich bin ja schon einmal auf das Ergebnis der Parlamentswahlen in Griechenland gespannt - so es denn dazu kommt. Im Jahre 1967 verstand man im Westen keinen Spaß und lies NATO-Generale im Kontext der NATO-"Strategie der Spannung" zur Verhinderung des "Domino-Effektes" putschen.

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    wo und bei wem...

    Ist das traurig...

    Aber das ist dann nach zwei Tagen auch schon wieder "Geschichte" - und die nächste "Headline ala Boulevard" wird uns um die Ohren gehauen...

    Das ist wie in der Medizin, wenn ein Mensch bei einer Therapie an den Nebenwirkungen verstirbt - ein trauriger, aber tragischer Einzelfall...

    Nur jeder dieser traurigen tragischen Einzelfälle sind e i n e r zuviel...

    Denn wenn das am Ende dabei herauskommt vom globalen Miteinander - dann...

    Danke - aber nein, danke...

    Ja - und ich weiß, dass das impulsiv klingt...

    Und ich will auch, dass es so klingt - es ist mir wichtig, dass das genauso rüberkommt...

    Ich war auch schon so verzweifelt - aber ich glaube nun mal an Gott und irgendwie geht immer was...

    Außerdem hätt ich einen "Heidenbammel" meine Omi würde mich "da empfangen" und mir eine Ohrfeige und eine "Strafpredigt" halten, dass mir hören und sehen vergeht...

    Wie gesagt ich war auch schon verzweifelt - aber nicht wegen Geld - denn Geld (und als Frührentnerin hat man auch nur ein sehr schmales Budget) iss nix wofür es sich meiner Meinung nach lohnt in den Tod zu gehen...

    Schlimm, wenn es manche anders und nur noch diesen Ausweg sehen...

    Es gibt schon genug Elend auf der Welt - und wenn man "mit dem Herzen sehen kann" iss das schon ein klein wenig wieder mehr Licht - und das ist es worauf es ankommt!

    Traurig, dass es manchen Verzweifelten nicht mehr hilft!

    Achtet gut auf euch und jeden Tag!

    • joG
    • 05. April 2012 9:55 Uhr

    ....entfernt. Dennoch sollte Einem schon bewusst sein, dass diese Gefahr tatsächlich besteht. Da können wir -und ich will hier auf die Details nicht eingehen- uns auch nicht völlig frei machen von Mitverantwortung dafür. Wir sind Teil des Mobs, die diesen Mann zum Selbstmord trieben. Wir sind nicht in der ersten Reihe gewesen. Man kann uns nicht als Einzeltäter ausmachen. Aber wir haben den Rahmen bestimmt und jeder von uns musste wissen, was dieser Rahmen bedeuten würde.

  3. Lucas Papademos: "In diesen schwierigen Momenten für unsere Gesellschaft, Regierung und Bürger müssen wir Menschen unterstützen, die in Not sind."

    Ist das Zynismus oder einfach nur zynisch?

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    "Wegen der schweren Wirtschaftskrise ist die Zahl der Selbstmorde in den vergangenen beiden Jahren in Griechenland um 40 Prozent angestiegen."

    Spätestens wen sich ein junger Mann vor einer Polizeistation anzündet, könnte der Funke der "Arabellion" auf Europa überspringen - Zeit dafür wäre es allemal!

  4. "Diese Demokratie ist perverser als jede Diktatur - denn eine Diktatur verzichtet auf die Lüge der Mitbestimmung."

    Wahr ist allerdings auch, dass Diktaturen am Ende zwangsläufig am Realitätsverlust der Diktatoren scheitern. Deshalb würde ich Ihren durchaus wahren Satz ergänzen wollen:

    Staats- und Gemeinwesen scheitern dann, wenn sie nur noch von abgehobenen, in sich geschlossenen "Eliten" kontrolliert werden, die sich nach außen hin hermetisch abschließen. Das Handeln dieser elitären Parallelgesellschaft ist allein vom eigenen Fortkommen geprägt, das Gemeinwesen an sich gerät komplett aus dem Auge.

  5. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

  6. und leider auch nicht der letzte sein - genaue Zahlen und die Beschreibung der Umstände werden wir vermutlich nie erfahren.
    Auch hier in Deutschland wird über Selbstmorde selten berichtet, allenfalls in einer kurzen Randnotiz, es sei denn natürlich, es handele sich um einen spektakulären Fall.
    Wunderbar, wohin unsere neoliberale Politik die Menschen führt - erst gestern habe ich wieder einen älteren, normal gekleideten, durchaus nicht nach Asozialem aussehenden Mann gesehen, der eine Mülltonne durchwühlt hat - vermutlich auf der Suche nach Pfandflaschen. Wenn mir das jemand 1970 prophezeit hätte, hätte ich schallend gelacht und das Ganze für unmöglich erklärt. Ich hätte es auch für unmöglich gehalten, daß jemand, der Vollzeit arbeitet, nicht vom Lohn für seine Arbeit leben kann - aber das ist für Niedriglöhner hierzulande ja Realität.
    In Griechenland ist es schlimmer als hier, da es dort noch weniger soziale Systeme gibt - keine Grundsicherung z.B. Wundert es da jemand, wenn die Menschen auf die Straße gehen? Wie einer meiner Mitforisten schon sagte - es geht Schritt für Schritt in den Bürgerkrieg und auch daran wird noch jemand verdienen. Es wird bald Tote geben - wenn die Polizei erst einmal ihre Waffen einsetzt.
    Haben wir Europa vereinigt, um gleichzeitig die Ideen der europäischen Denker - Frieden, Toleranz, Freiheit, Gleichheit, die Menschenrechte - auf den Müll zu werfen?
    Es wird Zeit, daß die Völker die Rolle übernehmen, die sie innehaben - die des Souveräns.

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    Es geht um Geld und beim Geld hört die Freundschaft eben auf. Griechenland galt schon im Kalten Krieg als unsicherer Kantonist. Auf Grund seiner geostrategisch wichtigen Lage war man in den Hauptstädten und den militärischen Hauptquartieren der westlichen Welt daran interessiert, in Griechenland pro-westliche und verlässliche Regierungen zu haben. Die Karamanlis und Papandreou, aber auch die NATO-Generale der Junta waren solch "verlässliches" Personal. Dass man das Land ausplünderte, dass man ein politisches System der Vetterliswirtschaft, der Bereicherung und der Bestechlichkeit schuf - das war stets das im Vergleich zu irgendeinem "Kommunismus" "Kleinere Übel".

    Griechenland verblieb in der NATO - auch während der Obristenherrschaft. Und die westeuropäischen Regierungen und die USA schauten wohlwollend auf die Obristen: die Obristen standen für Sicherheit und Konitinuität. Mit ihnen konnte man eben gute Geschäfte machen - und sie tasteten das Privateigentum der Pro-Westlichen Kräfte nicht an. - Doch dann begingen diese den Fehler und wollten mit der Türkei einen Krieg anfangen. Und nun zeigte sich der Opportunismus des Westens erneut: die Obristen landeten im Knast - dafür dass sie einen NATO-Befehl ausführten. Und danach kamen wieder die Karamanlis, die Samaras, die Papandreou - genauso, wie schon nach dem griechischen Bürgerkrieg.

    Die Griechische Bevölkerung - nun, die war nicht nur herzlich egal, nein: man misstraute ihr massiv. Und tut dies immer noch.

  7. Den Staat bescheissen wo es nur geht, keine Steuern bezahlen, keine Rechnungen ausstellen ... Aber der Staat soll für alles aufkommen.

    Die Hauptursache des Übels sitzt in den Nobelvororten und Yachthäfen von Athen. Warum marschieren die Demonstranten nicht dorthin?

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    der Politik gewesen wäre (und in der Gegenwart ist) diese von Ihnen angesprochenen Yachtbesitzer zur Rechenschaft zu ziehen. Aber nachdem die eine Elite der anderen Elite kein Auge aushackt müssen die Bürger dafür aufkommen...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Reuters, AFP
  • Schlagworte Hauptstadt | Mord | Parlament | Protest | Regierung | Regierungschef
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