Bis zum 6. Februar war für die Führung der Volksrepublik China alles weitgehend im Lot. Zumindest schien es nach außen hin so. An diesem Tag aber floh der zuvor abgesetzte Polizeichef von Chongqing in das US-Konsulat der chinesischen Stadt Chengdu . Dort übergab er jene Dokumente, nach denen die Frau des seinerzeit noch mächtigen und beliebten Politikers Bo Xilai in den Mord an einem britischen Berater verwickelt ist . An jenem 6. Februar endete damit die Hoffnung der Politelite auf einen geschmeidigen Wechsel der Partei- und Staatsführung. Im Gegenteil, die geplante Machtübergabe im Herbst droht nun zu einem Drama zu werden.

Das Gros der alten Garde tritt auf dem Parteikongress im Oktober ab, und mit der Inthronisierung der neuen Führungsriege der Kommunistischen Partei sollte China und der Weltöffentlichkeit ein stabiles Regierungssystem präsentiert werden. Nun sind Machtübergänge in Autokratien immer kompliziert und von Intrigen begleitet. Ein einziges Mal war dieser Wechsel in der Volksrepublik weitgehend frei von Friktionen, als 2002 Hu Jintao als Parteichef Jiang Zemin ablöste.

Wie in allen vergleichbaren Herrschaftssystemen geht es im Einparteienstaat China gerade in Phasen des Wechsels zwar ganz profan um Macht und Pfründe, hinzu kommen aber harte ideologische Auseinandersetzungen. Grob gesagt geht es um Positionen zwischen Verfechtern einer kommunistisch-egalitären Linie auf der einen und wirtschaftspolitischen Pragmatikern auf der anderen Seite.

Raue Zeiten unter Mao Zedong

Auch die Entlassung Bos aus dem Politbüro, der ein aussichtsreicher Kandidat für einen Sitz im Ständigen Komitee von Chinas mächtigster Institution war, wird als Zeichen für einen massiven Richtungsstreit innerhalb der Partei gedeutet. Sein offizieller Ausschluss wurde am Dienstag laut der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua mit mutmaßlichen "schweren Disziplinarvergehen" begründet. Ein Begriff, der im Zusammenhang mit Korruptionsdelikten verwendet wird.

Verlief Bos Entmachtung bislang relativ transparent, war es zu Zeiten Mao Zedongs noch lebensgefährlich, um die Macht im Staat zu streiten. Liu Shaoqi beispielsweise, Chinas Staatspräsident in den 1960er Jahren, vermochte durch einen realitätsnäheren Wirtschaftskurs die Auswüchse von Maos gigantischen Sozialexperimenten wie den Großen Sprung zu lindern. Als Liu Mao kritisierte, wurde er 1967 festgenommen, 1969 starb er in Haft. Im selben Jahr wurde Lin Biao Maos Stellvertreter als Parteivorsitzender. Auch er zerstritt sich mit Mao und starb 1971 unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz.

Der nächste Nachfolger Maos, Hua Guofeng , blieb ein Mann des Übergangs. Der mächtige Deng Xiaoping , von Mao selbst mehrfach kaltgestellt, drängte Hua aus dem Amt und installierte seine Leute, die Wirtschaftsreformer Hu Yaobang und Zhao Ziyang . Auch sie verloren in den 1980er Jahren ihre Posten als KP-Chefs wegen vermeintlich zu großer Liberalität. Hu durfte bis zu seinem Tod 1989 im Politbüro bleiben, Zhao – er wurde in Folge des Tiananmen-Aufstandes von Deng Xiaoping abgesetzt – verbrachte den Rest seines Lebens bis 2005 in Hausarrest. Kontinuität setzte erst ein durch die Herrschaft des mächtigen, aber uncharismatischen KP-Chefs Jiang Zemin von 1989 bis 2002 sowie durch den nach außen reibungslosen Übergang zu Hu Jintao.