MenschenrechteChinesischer Bürgerrechtler flieht aus Hausarrest

Der blinde Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng ist nach 19 Monaten dem Hausarrest entkommen. In einer Videobotschaft wandte er sich an Ministerpräsident Wen Jiabao. von afp und dpa

Der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng (r.) mit seiner Frau und seinem Sohn (Archivbild)

Der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng (r.) mit seiner Frau und seinem Sohn (Archivbild)  |  © STR/AFP/Getty Images

Der bekannte chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng ist aus seinem Hausarrest geflohen. Der blinde Aktivist kletterte über eine Mauer seines Hauses und entkam seinen Bewachern, wie Vertraute von ihm berichteten. Von seinem Dorf Dongshigu in der Provinz Shandong in Ostchina brachten sie ihn eigenen Angaben zufolge nach Peking . Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation ChinaAid berichtete, Chen verstecke sich "an einem absolut sicheren Ort in Peking". Chen selbst meldete sich in einem an Chinas Ministerpräsidenten Wen Jiabao gerichteten Online-Video zu Wort und bat um Sicherheit für seine Familie.

Der Bürgerrechtler hatte sich seit Ende der neunziger Jahre mit seinem Einsatz für Opfer von Machtwillkür einen Namen gemacht. Trotz Erblindung hatte er sich die Juristerei beigebracht. Er half auch Opfern von Zwangsabtreibungen in der Stadt Linyi. 2005 wurde Chen Guangcheng zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Seit Ablauf einer Haftstrafe im September 2010 waren er und seine Frau in seinem Haus festgehalten worden. Die Flucht ist nach Angaben seiner Unterstützer bekannt geworden, nachdem Regierungsbeamte das Haus von Chens älterem Bruder durchsucht und diesen sowie einen Neffen festgenommen hätten.

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He Peirong, eine Unterstützerin Chens, sagte der britischen Zeitung The Times , Chen habe seine Flucht zwei Monate lang geplant. Er habe die Bewegungen der Wachen studiert und sei am Sonntagabend in einem günstigen Moment über eine Mauer geklettert. Ohne Hilfe sei der Blinde stundenlang zu Fuß gelaufen, habe sogar einen kleinen Fluss durchquert und dann Kontakt zu ihr aufgenommen. Mithilfe von Freunden habe sie Chen an einen sicheren Ort gebracht, sagte sie. Die Wachen hätten seine Flucht aus dem Haus erst am Donnerstag bemerkt.

Chen wendet sich in Videobotschaft an Chinas Ministerpräsidenten

Gerüchten zufolge könnte Chen auch in die US-Botschaft geflüchtet sein. Mitarbeiter der Botschaft bestätigen dies jedoch nicht. In seinem Online-Video war Chen in einem Raum an einem unbekannten Ort zu sehen. In der Botschaft an den Ministerpräsidenten nannte Chen unter anderem die Namen von Beamten, die ihn und seine Familie während des Hausarrests misshandelt hätten.

"Lieber Ministerpräsident Wen, mir ist endlich die Flucht gelungen, ich kann beweisen, dass alle Gerüchte, die im Internet kursieren, und der Missbrauch, den ich erlitten habe, wahr sind", sagte Chen in dem Video. Er forderte Sicherheit für seine Mutter, seine Frau und seinen kleinen Sohn, die er zurücklassen musste sowie die Bestrafung der "Kriminellen", unter denen er und seine Familie gelitten hätten. "Sie brachen in unser Haus ein, Dutzende Männer prügelten meine Frau heftig", sagte er. Er nannte einige Namen angeheuerter Schläger und Bewacher. Der zuständige Funktionär habe ihm mehrfach entgegnet: "Uns ist das Recht egal." Rund 70 bis 80 Leute hätten sein Haus bewacht, während weitere Sicherheitskräfte die Zugänge des Dorfes kontrolliert hätten.

Chen hatte vor allem mit Kritik an der rigiden Ein-Kind-Politik den Zorn Pekings auf sich gezogen, nachdem er zahlreiche erzwungene späte Abtreibungen und Sterilisierungen von Frauen in Shandong aufgedeckt hatte. Das US-Magazin Time wählte Chen 2006 zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt.

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Leserkommentare
    • bugme
    • 27. April 2012 19:38 Uhr

    Die sozialistische Demokratur ist eben ein System von Eliten, welches moralisch nicht besser ist als westliche Menschen, die nach Macht gieren.
    Leider wird es ohne Gewaltenteilung und freien wahlen den Machtgeilen Menschen zu leicht gemacht ein System zu installieren, welches auch menschenverachtendes Verhalten in Kauf nimmt um schlicht an der Macht zu bleiben oder diese gar auszubauen.

  1. das Ziel heiligt die Mittel für Merkel und Co....das ist ein totalitäres Regime, welches die Recourcen für das eigene Volk vergiftet und die (armen) Menschen missbraucht, bedroht und foltert!!! Und obendrüber ne China-Lackschicht aus europäischem Habitus und Glitzerglanzschikimiki und Business-wichtigwichtiggetue und alle sind eins und alles wird gut...wer´s glaubt...! Bin ja mal gespannt, wann Mr. Gauck dazu Gedanken wabern lässt...

  2. Chen Guangcheng war Fürsprecher für Frauen in Shandong, die eine brutale Zwangsabtreibung, oft im 8. Monat, über sich ergehen lassen mussten - das war alles.

    Und auch wiederum nicht, denn durch ihn sind die Zwangsabtreibungen, welche stets vehement und entrüstet unter dem Deckel gehalten wurden, ruchbar und bekannt geworden. Der Gesichtsverlust war scheinbar unerträglich, ebenso der Image-Schaden. Deshalb haben die Parteikader ihre Kettenhunde, denen "das Recht egal ist", losgelassen. Was müssen das nur für bedauernswerte Wesen sein, die es fertigbringen, stundenlang einen Blinden und eine kleine Frau zu prügeln?

    Es ist Chen wirklich zu wünschen, dass er nach all den furchtbaren Jahren einen Platz auf dieser schönen Erde findet, wo er mit seiner Familie endlich in Frieden leben kann.

  3. Die Menschenrechtler in China fliehen vor dem Hausarrest.

  4. 5. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ag

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte Abtreibung | Botschaft | Dorf | Familie | Ministerpräsident | Missbrauch
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