Mit ein wenig Säbelrasseln und viel anti-imperialistischer Rhetorik positioniert sich jüngst Argentiniens Regierung gegen Großbritannien . Verstärkt vor dem 30. Jahrestag des argentinischen Angriffs auf die Falkland-Inseln erinnerte die Regierung in Buenos Aires London daran, dass für sie die Angelegenheit mit der Niederlage der argentinischen Militärjunta im kurzen Krieg um die karge Inselgruppe im Südatlantik ganz und gar nicht erledigt sei. Bislang hat noch jede argentinische Regierung alljährlich den Anspruch auf die Inseln bekräftigt. In den vergangenen Wochen aber verschärft Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, eine Linkspopulistin ganz in der peronistischen Tradition ihres Landes, die Gangart.

An diplomatischer Front hat Argentinien im Streit um die Malvinas, so der spanische Name der Falkland-Inseln, Punkte machen können: Eine Reihe südamerikanischer Staaten steht auf der Seite Argentiniens. So untersagte Peru den seit Langem geplanten Besuch einer britischen Fregatte; ein britisches Kreuzfahrtschiff durfte nicht in Uruguay landen, auch Brasilien zeigt sich ungehalten über die Weigerung Londons, in Verhandlungen einzutreten mit Argentinien über die Frage der Souveränität der Falklands.

Eine Forderung, die auf den ersten Blick einleuchtet. Warum will London an einer fernen Inselgruppe festhalten, auf der ein paar Tausend Menschen, Schafe und Pinguine leben? Auf britische Souveränität zu pochen wirkt wie postkoloniale Sentimentalität. Die schwächelnde britische Mittelmacht kann sich den Besitz der Inseln angesichts exorbitant hoher Staatsverschuldung eigentlich nicht mehr leisten. Um eine erneute Invasion Argentiniens abzuwehren, wird auf den Falklands seit dreißig Jahren eine teure militärische Präsenz unterhalten, samt 1.300 Soldaten, lückenloser Radarüberwachung, vier hypermoderner Kampfjets vom Typ Typhoon, die regelmäßig zu Patrouillenflügen aufsteigen, sowie einer nagelneuen, mit allen technischen Schikanen ausgestatteten Fregatte. Das alles kostet jährlich 200 Millionen Pfund – Geld, das man gut anderweitig gebrauchen könnte.

In Argentinien herrschten Faschisten

Vor allem: Hat Großbritannien sich im Umgang mit anderen Restbeständen seines einst weltumspannenden Empires nicht oft genug von kühlem Realitätssinn leiten lassen? Etwa beim Arrangement mit China über Hongkong, das Premierministerin Margaret Thatcher nach einer Übergangsfrist an Peking zurückgab. Mehr noch: Anfang der 1980er Jahre war das Londoner Außenministerium bereits in informelle Gespräche mit Buenos Aires getreten, die auf ein Abtreten der Falklands abzielten – den Besitz empfanden Diplomaten seinerzeit eher als Last. Hinzu kommt die ernüchternde Erkenntnis, dass Großbritannien heute nicht einmal mehr in der Lage wäre, eine Operation wie vor dreißig Jahren durchzuführen. Auf mindestens zehn Jahre hinaus hat man keinen Flugzeugträger, die Kriegsmarine ist auf ein Drittel ihrer früheren Stärke geschrumpft, genau wie der Verteidigungsetat.

Doch auch wenn es vernünftig erscheint, sich dem langfristig Unabänderlichen zu fügen und mit den Argentiniern zu arrangieren: Es ist vorerst nicht möglich. Vor dreißig Jahren wurden Fakten geschaffen, die diesen Ausweg blockieren. Der Krieg um die Falklands wurde von der faschistischen Militärjunta General Galtieris vom Zaun gebrochen. Die Militärdiktatur hatte Argentinien unterdrückt, Tausende Menschen wurden ermordet oder verschwanden spurlos. Die Junta wollte mit der Invasion nationale Leidenschaften wecken und von der Diktatur genauso ablenken wie von der Tatsache, dass sie Argentinien völlig heruntergewirtschaftet hatte.

Die Entscheidung Margaret Thatchers, eine Flotte zu entsenden, um die Invasoren zu vertreiben, war militärisch riskant, ein Erfolg keineswegs sicher. (Richtig ist auch, dass ohne den Sieg im Falklandkrieg Margaret Thatchers Karriere und damit die Geschichte Großbritanniens sehr wahrscheinlich anders verlaufen wäre). Der Sieg über Galtieri verschaffte Großbritannien nicht nur ein selten gewordenes nationales Erfolgserlebnis. Zugleich war es ein Sieg für internationales Recht und half, das Schicksal der argentinischen Diktatur zu besiegeln. Dafür bezahlten tausend Soldaten aus beiden Ländern mit ihrem Leben, mehrheitlich Argentinier.

Die Falklands erwartet ein Öl-Boom

Heute machen die britischen Kriegsopfer und die ausdrückliche Garantie des Selbstbestimmungsrechtes der Falklandbewohner, das nach 1982 von Großbritannien gegeben wurde und das zuvor in dieser Form nicht existierte, den Verzicht auf die britische Souveränität über die Inselgruppe unvorstellbar. Selbst die völkerrechtlich denkbare Konstruktion einer doppelten Souveränität, die der listige Henry Kissinger nach dem Krieg den Parteien vorschlug, ist schwer denkbar, zumal angesichts der feindseligen Manöver der argentinischen Regierung.

Überhaupt steht der Anspruch Argentiniens auf mehr als schwachen Füßen. Als sich britische Siedler im 17. Jahrhundert auf der menschenleeren Insel 400 Kilometer vor der Küste Südamerikas niederließen, existierte Argentinien noch gar nicht. Das antikoloniale Argument, mit dem Buenos Aires heute gegen die britische Souveränität Stimmung macht, verfängt ebenso wenig: Argentinien selbst ist eine koloniale Konstruktion. Weder die politische Klasse des Landes noch seine Bevölkerung, hervorgegangen aus europäischen Kolonialmächten, hat ernsthaft damit begonnen, die horrenden Sünden gegenüber der Urbevölkerung in dieser Region Südamerikas aufzuarbeiten.

Auf den Falklands leben nun mal keine Argentinier, sondern nur Briten. Die Bewohner dort wollen britische Staatsbürger bleiben, nach dem gewaltsamen Versuch Argentiniens mehr als je zuvor.

Zukünftig werden die Ölvorkommen , die um die Inselgruppe herum entdeckt wurden, binnen weniger Jahre das beschauliche, hinterwäldlerische Leben auf den Falklands verändern. Zugleich dürfte die Entschlossenheit Londons eher noch wachsen, den Anspruch auf die Inselgruppe notfalls auch wieder militärisch zu verteidigen, sollte die argentinische Begehrlichkeit bedrohliche Formen annehmen. Bleibt nur die Hoffnung auf Einsicht: Wenn es zum Öl-Boom vor den Falklands kommt, wäre es besser, London, Buenos Aires und die Falkländer würden sich auf einen Modus Vivendi unter Ausklammerung der Souveränitätsfrage verständigen. Doch die Aussichten dafür stehen nicht gut.